Eine neue Überwachungsmethode im Strassenverkehr, die sogenannte Section Control (Abschnittskontrolle), soll bis spätestens 2010 in die Pilotphase gebracht werden, wie Spiegel-Online und andere berichten. Dabei handelt es sich um eine Form der Geschwindigkeitsmessung, bei der – anders als bei den sonstigen Verfahren – nicht die Geschwindigkeit an einem bestimmten Punkt gemessen wird, sondern ein größeres Teilstück einer Straße überwacht wird.

Beim Befahren dieses Teilstücks wird die Zeit gemessen, die der Autofahrer für die Wegstrecke benötigt hat. Hat der Autofahrer diese überprüfte Wegstrecke in einer Zeit zurückgelegt, in der er sie nicht unter Beachtung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zurücklegen könnte, so liegt der Geschwindigkeitsverstoß vor und der Verkehrssünder wird gnadenlos zur Kasse gebeten. In anderen Ländern oder auch bei Formel 1 Rennen sind diese Formen der Geschwindigkeitskontrolle schon längere Zeit üblich.

Warum also nicht? Auf den ersten Blick spricht doch – lässt man die Bedenken bezüglich des Datenschutzes einmal beiseite – nichts gegen die Einführung dieser Form der Geschwindigkeitsmessung. Oder?

Die Antwort dazu liegt im Sinn der Geschwindigkeitsmessung an sich. Sie soll – auch wenn man es nicht glauben mag – nicht deshalb erfolgen, um dem Staat zusätzliche Einnahmen zu generieren oder um Herrschafts- und Kontrollsüchte einiger Beamter zu befriedigen. Sondern sie soll einzig und allein der Sicherheit im Straßenverkehr dienen, indem an durch Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit entstandenen Unfallschwerpunkten die Verkehrssünder diszipliniert werden.

Betrachten wir jedoch die derzeitige Situation, so kann sich wohl jeder an Kontrollen erinnern, die eher der Abzocke als der Sicherheit dienten. Kommunale Verantwortliche für die Beschaffung von Geschwindigkeitsmessgeräten haben sich in der Vergangenheit auch schon von Fernsehteams auf Messen dabei erwischen lassen, wie sie sich bei den Lieferanten von solchen Anlagen vor allem um die Höhe der damit erzielbaren Bußgelder erkundigt haben. Fragen der Zuverlässigkeit der Geräte waren eher zweitrangig.

In vielen Kommunen werden aus Kostengründen schon nicht einmal mehr Beschilderungspläne geführt. Das bedeutet, dass Verkehrszeichen häufig von irgendwelchen Mitarbeitern „frei nach Schnauze“ aufgestellt werden, ohne dass dahinter irgendein Gedanke an die Erhöhung der Verkehrssicherheit steht.

Ist es nicht viel naheliegender, dass viele Verkehrszeichen und insbesondere auch Geschwindigkeitsbeschränkungen der Verkehrssicherheit eher abträglich als zuträglich sind? Leider hat sich meiner Kenntnis nach noch kein Verkehrswissenschaftler dieses Phänomens angenommen; es wäre vermutlich eher eine Aufgabe für einen auf das Raubrittertum spezialisierten Historiker.

Die Verkehrsunfallstatistiken scheinen jedoch zunächst dagegen zu sprechen, denn sie weisen jedes Jahr höhere geschwindigkeitsbezogene Unfallzahlen aus.

Was aber, wenn diese Zahlen trügen?

Man muss wissen, dass die Statistik vor allem davon abhängt, wie der eingesetzte Polizeibeamte die Unfallursache bewertet. Diese Bewertung hängt erstens von seiner Sachkenntnis, zweitens von der Korrektur seiner Verkehrsunfallanzeige durch seinen Vorgesetzten und den seine Verkehrsunfallanzeige weiterbearbeitenden Innendienst, drittens den sich aus den Unfallursachen ergebenden Konsequenzen (dazu später mehr) und natürlich zu guter Letzt von der Gestaltung der Eingabemasken der polizeilichen Computerprogramme ab, welche die eine oder andere Unfallursache schon auf Grund ihrer bequemer zu erreichenden Eingabefelder als „Unfallursache der Wahl“ erscheinen lassen können.

Polizeibeamte sind zwar keine Kommunal-, sondern Landesbeamte, und unterstehen damit auch keinen kommunalen Weisungen, jedoch wäre es grotesk anzunehmen, dass es keine kommunalen Einflussnahmemöglichkeiten gäbe. Im polizeilichen Alltag sind Besprechungen von führenden Polizeibeamten mit den Verantwortlichen der Kommunen eher die Regel, als die Ausnahme. Widerstände von polizeilicher Seite gegen ungerechtfertigte Geschwindigkeitskontrollen sind nicht zu erwarten, eher das Gegenteil. Jeder ist natürlich auf eine gute Zusammenarbeit angewiesen und daher bemüht, den anderen nicht zu enttäuschen.

Gegen diese Ausführungen wurde mir schon vorgehalten, dass die Kontrollen lediglich an den Unfallschwerpunkten durchgeführt werden würden, sodass die Kontrollen selbst bei kommunaler Einflussnahme nicht zu beanstanden seien, weil sie im Ergebnis dennoch richtig seien. Der Haken daran ist, dass ein großer Teil der Verkehrsunfälle fälschlicherweise und nur aus den o.g. Bequemlichkeitsgründen der überhöhten Geschwindigkeit zugeordnet werden und nicht, was viel naheliegender erscheint, der Unterschreitung des zulässigen Abstands zu vorausfahrenden Fahrzeugen.

Betrachtet man nämlich einmal genauer, wie ein durch überhöhte oder nicht angepasste Geschwindigkeit zu Stande gekommener Verkehrsunfall aussehen muss, so wird schnell klar, dass sich das auf wenige „Klassiker“ beschränkt: Da wären zum einen die Fälle, in denen der Fahrzeugführer tatsächlich zu schnell gefahren ist und dann sein Fahrzeug nicht schnell genug zum stehen bekommt und deswegen zum Beispiel das berühmte, seinen Ball verfolgende Kind erfasst, wie wir es alle aus den Theoriebögen der Fahrschulzeit kennen. Zum anderen dürften das aber auch solche Fälle sein, in denen der Fahrzeugführer zu schnell in die Kurve einfährt und dann mit seinem Fahrzeug nach außen getragen wird.

Höchst fraglich ist aber, ob unter diese Ursachen auch Fälle erfasst werden können, in denen das Unfallfahrzeug die Fahrbahn nie verlassen hat und auf ein Hindernis aufgeprallt ist.

Was also spräche dagegen, einen Verkehrsunfall der Ursache „Abstandsunterschreitung“ zuzuordnen? Was wäre die oben erwähnte Konsequenz aus der Zunahme einer solchen Unfallursache?

Als Konsequenz müssten sicher die Abstandskontrollen erhöht werden. Diese sind jedoch weitaus schwieriger durchzuführen als Geschwindigkeitskontrollen. Da die Verkehrssünder sich dabei über größere Strecken bewegen, sind die Kontrollen nur mit sehr hohem Aufwand und vor allem fast immer nur durch Polizeibeamte durchzuführen und nicht durch kommunale Beamte oder Geschwindigkeitsmessanlagen. Solche Kontrollen liegen daher nicht im Behördeninteresse und werden auch nur äußerst selten durchgeführt. Bezogen auf die Anzahl der Geschwindigkeitskontrollen ist ihre Zahl verschwindend gering.

Bezieht man diese ganzen Argumente jetzt auf die geplanten Abschnittskontrollen, so wird schnell klar, woher der Wind weht. Durch die Messung einer durchschnittlichen Geschwindigkeit auf einem beliebigen Streckenabschnitt werden zum einen weitaus höhere Zahlen an Geschwindigkeitsverstößen festgestellt, was gut für das Raubrittertum sein dürfte, zum anderen aber auch die Fahrzeugführer zu einer konstant geringeren Geschwindigkeit gedrängt, was dann eine Senkung der Auffahrunfälle wege der Unterschreitung des erforderlichen Sicherheitsabstands zur Folge hat.

Durch die Abschnittskontrollen werden also auch die Fahrzeugführer verfolgt, die durch ihre zwar zügige, aber wegen ihrer Beachtung der Sicherheitsabstände auch sichere Fahrweise, gar keinen Anteil an der Verkehrsunfallstatistik haben.

Der Verkehrsteilnehmer soll die Konsequenzen für behördliches Versagen und den behördlichen Unwillen tragen, die wahren Verkehrsunfallursachen festzustellen und zu verfolgen.

Fazit, wie so oft: Es wird Verkehrspolitik betrieben, um ganz schnell abzuzocken, anstatt die Sicherheit für alle zu erhöhen.