Rule of Law in Hamburg, Ehre in Kabul?
dagny t., 13.02.2009
Wer seine Schwester ermordet, weil er mit deren Lebenswandel nicht einverstanden ist, kommt ins Gefaengnis. Lebenslang fuer einen Ehrenmord. (n-tv.de).
Für den sogenannten Ehrenmord an der Deutsch- Afghanin Morsal hat das Hamburger Landgericht den Bruder der 16- Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter sprachen den 24-Jährigen am Freitag des heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen schuldig. “Er tötete aus reiner Intoleranz”, sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen.
Der Angeklagte wird mit den Worten
“Was ist eine Ehre, was ist das?”, rief er. Bei einem Prozess in Kabul wäre er “längst draußen”.
zitiert. Wir sind hier aber nicht in Kabul. Und selbst gemessen an den Duell-Braeuchen aus der Kaiserzeit wird bei einer Beleidigung durch Ehrverletzung der Schwester diese nicht ermordet, sondern der treulose Verehrer zum Duell gefordert. Wikipedia beschreibt die Duell-Braeuche auf Ausgleich abzielend, etwa wenn ein Ehrengericht einberufen wird und gemeinsam die Bedingungen ausgehandelt werden.
Die Richter sahen es als erwiesen an, dass der junge Mann seine Schwester am 15. Mai 2008 aus Wut über ihren westlichen Lebensstil durch einen Cousin auf einen Parkplatz in Hamburg-St.Georg locken ließ und sie nach einem Wortwechsel mit 23 Messerstichen gezielt tötete. Der Vorsitzende Richter sprach von einem “Blutbad”, das der Angeklagte vorsätzlich plante, weil alle anderen Möglichkeiten zur “Disziplinierung” Morsals scheiterten.
Selbst die heute archaisch anmutenden, aber wohl fairen und lange Zeit gesellschaftlich anerkannten Duell-Regeln erfuellt dieser Ehrenmord keinesfalls.
(Weitere Information in Wikipedia Satisfaktion oder im Blog von Silberstreif zum selben Thema)
antibuerokratieteam.net





Du übernimmst mir den Begriff des “Ehren”mordes ein wenig zu bruchlos liebe Dagny.
Der Typ hat seiner Schwester die Freiheit verweigert, so zu leben wie sie will, ihren eigenen Lebensstil zu wählen, und sie deshalb ermordet.
Mit “Ehre” oder gar Satisfaktion im Sinnes eines Ausgleichs hat das nichts zu tun. Es war eine direkte Attacke auf jegliches zivilisiertes Miteinander.
Soll das ehrlose Schwein im Knast vermodern.
Damit ist alles gesagt.
Wir sind hier aber nicht in Kabul. Und selbst wenn… ..ist es Mord.
So die Argumentation, lieber Achim.
@jo@chim
Also vermodern wird der hier nicht im Gefängnis. Er bekommt regelmäßige Mahlzeiten, darf arbeiten, falls er mag, und für sonstige Beschäftigungen ist sicher gesorgt. Und was heißt “lebenslänglich”?, wohl 15 Jahre. Bei guter Führung ist er nach 9-10 Jahren wieder frei.
Und ob er überhaupt so lange ins Gefängnis muss, wollen wir erstmal abwarten. Die Verteidigung geht in Revision. Ich sehe das “lebenslänglich” noch überhaupt nicht. Wahrscheinlich wird er dann doch nur für “Totschlag” bestraft. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.
@dagny
Die Gefängnisse in Kabul dürften aber etwas unbequemer sein als bei uns. So gesehen, könnte es ruhig Kabul sein ;-)
Für Mörder junger Mädchen kann lebenslänglich schlimmeres als den Tod bedeuten. Zumal, wenn sie selbst noch jung sind.
Mit dem Unterschied, dass der Täter lebt, das junge Mädchen aber tot ist.
Was meinst du denn damit, dass es für den Täter “schlimmer sein soll als der Tod”? Dein Satz wirkt merkwürig ohne jede Erklärung.
@Medea
Das ist nicht anzunehmen. Der Verurteilte ist Intensivtäter. Der wird auch im Knast seinen Jähzorn nicht beherrschen können.
Der Verurteilte soll froh sein, daß er nur im Knast auf Menschen trifft, die ihm zeigen, was Sie von Mördern ihrer eigenen Schwester halten.
Übrigens werden nicht nur Mädchen, sondern auch junge Männern, die allzu westlich leben, von ihren paschtunischen Familien ebenso bedroht. Die Männer fügen sich, entweder aus Feigheit oder weil sie irgendwann die Familienführer sind. Gehorchen sie nicht, sterben sie.
Es geht auch nicht um Ehre, sondern um Scham und Schande und die entsteht vor allem durch das Gerede der Nachbarn.
Ich weiß zwar nicht, was das Kaiserreich-Gerede hier soll, aber sei’s drum: das Urteil finde ich richtig.
Ja so die Argumentation, Dagny, und soweit auch klar. Aber warum dann das Gerede zu “Duell-Bräuchen” im Kaiserreich?
Ich halte auch einen “Ehrbegriff” der dazu führt,
sich zu duellierenaufeinander loszuballern nicht für sonderlich zivilisiert. Aber gut, Vieles was übereinstimmende Erwachsene miteinander tun, mag einem je nach Blickwinkel unzivilisiert, unsinnig oder unappetitlich erscheinen.Im gegebenen Fall war aber nicht ein Quentchen “Ehre” im Spiel; das Wort wurde nur benutzt, um den totalen Machtanspruch des Mörders und seiner verkommenen Familie über das Leben von Morsal zu legitimieren.
Nein, mich auch nicht Medea.
Ich hoffe doch, dass die Revision abgewiesen wird. Die soziologischen Argumentation wonach jeder Taeter nur ein Opfer seiner Umstaende ist, widerspricht der Vorstellung der freien Entscheidung, die das Individuum auszeichnet.
Hat denn eigentlich ein Duell stattgefunden? Wenn ich den Sachverhalt richtig verstanden habe, wurde das Mädchen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einen Hinterhalt gelockt, und dort ermordet.
Ich sehe überhaupt keinen Bezug zu den Duellen in der Kaiserzeit. Frauen waren dabei nicht mal als Zuschauer zugelassen. Und jeder der Beteiligten wusste, worauf er sich einliess.
Also dieser Vergleich ist höflich gesagt extrem absurd.
>Bei guter Führung ist er nach 9-10 Jahren wieder frei.
Ähh, nein. § 57a StGB
>Wahrscheinlich wird er dann doch nur für “Totschlag” bestraft. Wundern würde es mich jedenfalls nicht.
Ich halte dagegen. Ich sehe keinerlei Anhaltspunkt, dass ein Gericht vom “Mord” abweichen könnte.
In Anbetracht dessen was jetzt in England aus Rücksichtnahme auf den Islam passierte: http://www.telegraph.co.uk/news/newstopics/politics/lawandorder/4603182/Dutch-anti-Muslim-politician-turned-away-from-Britain-at-Heathrow.html
würde mich das auch nicht wundern. Man muss sich allerdings auch in Anbetracht des Vorfalls in den USA( http://pajamasmedia.com/phyllischesler/2009/02/14/be-headed-in-buffalo-the-honor-killing-of-asiya-z-hassan/ )
fragen, ob es denn in der Realität wirklich integrierte Muslime gebe. Hoffentlich bleiben die Richter mit ihrem Urteil standhaft.
@FG
Du denkst so positiv. Gleichwohl bin ich skeptisch, ob die Revision bei Mord bleibt und nicht doch auf Totschlag hinaus geht.
In der taz stand allen Ernstes, das Gericht hätte nicht berücksichtigt, dass der Täter kleinwüchsig sei etc. Mit anderen Worten, das Urteil hätte milder ausfallen müssen.
Die Revision kann nur formal ändern, also die Feststellungen der Vorinstanz als “technisch” falsch feststellen.
Bspw. die Ablehnung der merkwürdigen Psychaterin kann zurückgenommen werden, dann gehts, glaube ich, wieder an die Vorinstanz oder ein milderes Urteil wird verkündet.
Glaube aber nicht, dass hier viel zu machen ist, die Richter stehen auch in einem sozialen Verbund und wollen Karriere machen, das Urteil ist ja eigentlich politisch erwünscht.