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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Der Kapitalismus ist krank

jo@chim, 21.03.2009

[…] die Banken sind seit den Lehren der Großen Depression jener Teil der Wirtschaft, in dem immer schon am meisten reguliert wurde. Niemand darf eine Bank eröffnen so wie er eine Softwarebude aufmachen darf. Es gibt präzise Anforderungen zum Beispiel darüber, wie viel Eigenkapital Sie als Sicherheit vorhalten müssen. Und es gibt überall strenge Behörden zur Bankenregulierung. Das alles gibt es seit langem und hat doch offenbar die Krise nicht verhindert.

Der Wirtschaftressortleiter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Rainer Hank, im Telepolis-Interview zu seinem neuen Buch „Der amerikanische Virus. Wie verhindern wir den nächsten Crash“ über die Mär, Deregulierung sei für die Krise verantwortlich.

Er warnt vor einer Überschätzung der „menschlichen Planungsvernunft“ – eine Regulierung, die die nächste Krise verhindert werde es nicht geben – und plädiert stattdessen für intelligentere Regulierungsinstrumente, z.B eine Erhöhung der Eigenkapitaldeckung der Banken.

Ich frage mich aber gerade deshalb, ob all diese mehr oder weniger sinnvollen ordnungspolitischen Vorschläge nicht nur wieder der Versuch sind, die eigentliche Krankheit* mittels Unterdrückung der Symptome unter Kontrolle zu halten: ein Währungssystem, das nicht auf realen Werten, sondern auf Fiat Money – ungedeckten Wechseln auf die Zukunft – beruht.

*Vielleicht ist das Bild der Infektionskrankheit falsch. Die Entwicklung der Staatsverschuldung seit den 70er Jahren und die damit einher gehende Realitätsverweigerung nicht nur der politischen Eliten erinnern in der Symptomatik eher an eine Suchterkrankung.



27 Kommentare zu “Der Kapitalismus ist krank”

  1. Paul

    Im in der Analogie zu bleiben: Süchtige versuchen ja auch mit Regeln ihren „Konsum“ unter Kontrolle zu halten und Exzesse zu vermeiden. Man muss sich auch selbst von der eigenen Wirksamkeit überzeugen.

  2. Heizpilz

    > Ich frage mich aber gerade deshalb, ob all diese mehr oder weniger sinnvollen ordnungspolitischen Vorschläge nicht nur wieder der Versuch sind, die eigentliche Krankheit* mittels Unterdrückung der Symptome unter Kontrolle zu halten…

    Würde ich genau so sehen. Es geht um einen blossen Zeitgewinn: bis zur nächsten Wahl, bis zur nächsten Rally oder Schönwetterzeit, bis ein anderes Thema die Medien beherrscht.

    Wir als Liberale beobachten dieses Verklinkern der Realzustände natürlich mit bes. Interesse und vor der Fragestellung: Ist es möglich mit Bürokratismus das wirtschaftliche System in einen Zustand der vielen Krisen oder gar der Dauerkrise zu führen?

    Denn wir wissen: Die Böcke sind die Gärtner.

    Im Übrigen bin ich der Auffassung, dass Merkel weg muss.

  3. Rayson

    Ob „fiat money“ oder nicht, es werden immer Wetten auf die Zukunft geschlossen werden. Eine Unternehmensgründung ist nichts anderes. Es wird in einem System mit ausreichend Freiheitsgraden also immer wieder zu Blasen kommen. In Nordkorea ist diese Gefahr allerdings gering.

  4. Shin

    Das heißt, du stimmst den Marxisten darin zu, dass Krisen ein inhärentes Element des Kapitalismus sind? Soll keine Unterstellung sein, nur eine Frage.

  5. Rayson

    Warum Unterstellung? Die Marxisten haben im Ergebnis recht (wenn auch nicht mit ihrer Begründung).

    Werde ich jetzt exkommuniziert?

  6. Heizpilz

    Im Wortsinne liegst Du daneben, „Krisen“ sind Punkte der Entscheidung und Zuspitzungen.
    Du meinst die Up and Downs der Konjunktur, die aber keinesfalls kritisch (vgl. auch „kritisch“ in der Medizin) sind.

    Kritisch ist nicht der Downswing jetzt, sondern die Reaktion darauf. Wenn überhaupt, LOL. Die Markwirtschaft wird sich nicht ohne weiteres von irgendwelchen politischen Stümpern ruinieren lassen.

    Merkel muss aber, BTW.

  7. dagny t.

    Meiner Meinung sind Krisen ein inhärentes Element der Marktwirtschaft. Natürlich. Im Gegensatz zum Kommunismus / Sozialismus, der eine einzige Krise ist gibt es in der Marktwirtschaft immer wieder Spekulationsblasen etwa wenn neue Technik zur Verfügung steht und deren Einfluss und Möglichkeiten noch nicht umfassend abgeschätzt werden können. Sei es die Eisenbahnblase im 19. Jhrd. oder die Internetblase. –

    Freie Märkte neigen aber auch zu Diversifikation, welche in einer Krise stabiler ist, als eine Monokulturwirtschaft aufgrund zentraler oder staatlicher Planung.

  8. jo@chim

    Systemische Krisen und Rückkoppelungseffekte sind in der Tat Verhaltensweisen komplexer Systeme… Chaostheorie sollte doch ein Heimspiel für Dich sein, liebe Dagny?

  9. Dagny

    Eine Antwort auf diese Frage lässt sich schwer in einem Kommentar pressen, lieber Achim, und der Versuch so komplexe Systeme wie die Wirtschaft zu modellieren und somit Vorhersagen zu machen….. Hayeks Anmassung von Wissen lässt grüssen….

  10. jo@chim

    Rayson, ich schrieb ungedeckte Wechsel: das Pyramidenspiel, das die Verschuldungspolitiker betreiben, mit dem Eingehen von unternehmerischen Risiken zu vergleichen, halte ich schon für sehr weit hergeholt. Da sind nicht die Dagny Taggards am Werk, sondern die Bernie Madoffs.

  11. Rayson

    Du magst es für weit hergeholt halten, ich sehe dahinter die ähnlichen Anreize und Antriebe walten. Der Unterschied besteht dann hauptsächlich in den Möglichkeiten (je abstrakter und immaterieller das gehandelte „Gut“, um so „krisiger“), den „Hebel“-Möglichkeiten (Herdentriebeffekte wirken am besten bei einer überschaubaren und relativ homogenen Zahl von Mitspielern, die jeweils sehr große Zahlen durch die Gegend schieben) und in der Legalität („Pilotenspiel“ etc,).

  12. BlackEye

    Im Gegenteil, Herdentriebeffekte wirken in erster Linie bei einer sehr hohen Zahl an emotionsgeleiteter Menschen.

  13. XiongShui

    Meiner Meinung nach widerspricht es dem liberalen Gedanken, wenn der Staat den Banken Risiken aufbürdet, die sie wegen der staatlich vorgegebenen Regeln nicht abfangen können. Die Risikosicherung herunterzuschrauben, um Investitionen zu lancieren ist kontraproduktiv (Reagan).

    Ebenso ist die staatliche Einflussnahme auf die Zinshöhe für Kredite, die im nichtstaatlichen Bereich gegeben werden, unzulässig (Clinton). Erst dadurch geriet der Markt aus den Fugen, weil wichtige Regelungselemente staatlicherseits unterdrückt wurden.

    Insoweit haben die Beiden die Grundlage für ‚Heuschrecken’schwärme geschaffen.

    Die jetzige Achse Obama- Merkel, was das Aufblähen der Geldmenge angeht, ist zum Krisenmanagement nicht nur ungeeignet, sondern grundfalsch, die Zeit nach der BT- Wahl wird es zeigen.

    … und Richtig: Merkel ist ein Unglück, je schneller sie weg ist, um so eher haben wir Chancen, durch die Krise zu kommen. Denn prinzipiell sind wir gut aufgestellt.

  14. Die Erklaerung

    Ist der Kommunismus denn gesünder?;)

  15. jo@chim

    Nein, tot (hoffen wir, dass wir von Wiedergängern verschont bleiben…).

  16. Heizpilz

    Was läuft denn da jetzt in den Staaten und in Teilen der EU seit ca. einem Jahr? Soll da so eine Art Kommunismus light eingeführt werden? Falls ja, woran liegts, ist die Bev. so zu sagen aus demographischen Gründen blöder [1] geworden?

    [1] Die Ergebnisse der stichprobenartig durchgeführten IQ-Tests weisen seit einigen Jahren in diese Richtung, Systemrückbau durch Immigration? Simbabwisierung? LOL

  17. F. Alfonzo

    @ Heizpilz:

    Die EU hat ja den Vorteil, dass man die Bevölkerung nicht mehr so sehr (oder, je nach Staat, noch weniger als vorher) um Erlaubnis Fragen muss.

    Ich kann mich zumindest nicht daran erinnern, über so was wie eine EU-Verfassung hätte abstimmen zu dürfen.

  18. Lemmy Caution

    Zum Glück sind wir hier ja nicht in irgendsonem versifften Sozialismus oder Kommunismus sondern in einer bürgerlichen Demokratie.
    Zunächst kann geprüft werden, wie es eigentlich en detail zu diesem Marktversagen der Finanzmärkte kommen könnte. Hab grad mit W. D. Cohan, House of Cards angefangen.
    Solche Innensichten sind imnsho auch unbedingt nötig, um durch intelligente Regulierungen das internationale Finanzsystem so abzusichern, dass es nicht alle paar Jahre über die eigenen Schuhe stolpert.

  19. tigger

    Solche Innensichten sind imnsho auch unbedingt nötig, um durch intelligente Regulierungen das internationale Finanzsystem so abzusichern, dass es nicht alle paar Jahre über die eigenen Schuhe stolpert.

    Ja, und selbst wenn das nicht funktionieren sollte, sind die Regulierungen nötig, um die Jobs zukünftiger Regulierer abzusichern.

  20. classless

    Und dann schütteln die Liberalen den Kopf und sagen: Nein, nein, das ist nicht der Kapitalismus…

  21. Parker8

    Dass die nächste Blase kommt, ist trivialerweise richtig. Aber wenn Hank behauptet, „Regulierung“ habe die Krise verursacht, hat er einen Knall. Beispielsweise dürfte er dann noch nie etwas vom Commodity Futures Modernization Act (CFMA) gehört haben, der nun gerade eine wegweisende Deregulierung war. Viel Aufklärung kann man hier von Barry Ritholz‘ Buch „The Bailout Nation“ erwarten.

  22. Gernot Kieseritzky

    Ich sehe nicht so ganz was das damit zu tun haben soll. Hintergrund des CFMA war ein Streit darüber, welche Behörde, die SEC oder die CFTC, sogenannte Single-stock Futures überwachen und regulieren sollte. Hinterher einigte man sich darauf, das beide Behörden zuständig sind. So und weiter?

    Das sind doch alles Kinkerlitzchen im Vergleich zur Geldpolitik der amerikanischen Notenbank, die seit 2001 Bushs Kriege und Steuerpolitik finanzierte.

  23. tigger

    Aber wenn Hank behauptet, “Regulierung” habe die Krise verursacht, hat er einen Knall. Beispielsweise dürfte er dann noch nie etwas vom Commodity Futures Modernization Act (CFMA) gehört haben, der nun gerade eine wegweisende Deregulierung war

    Hat der CFMA das CDS trading dereguliert ? Wenn er so „wegweisend“ war ?

  24. Parker8

    Ja klar, das war der Witz dabei. Als Nicht-Absicherung, Nicht-Glücksspiel und Non-Future (iSd Commodity Exchange Act) sind die CDSs im CFMA definiert worden. Ein Werk des fabelhaften Mr Gramm.

  25. tigger

    Verstehe. Aber würde das dann nicht eher für Hanks These sprechen, dass mal wieder falsch und unzureichend reguliert wurde ? Wäre das nicht zumindest ein weiteres stützendes Indiz für seine Aussage, dass es eine Regulierung, die die nächste Krise verhindert, nicht geben kann ? (so auf die Art, der Unmöglichkeit alles vorauszuplanen ?)

  26. Parker8

    Man hätte an Regulierung alles so belassen sollen, wie es seit den 30ern war. Kein GLBA, kein CFMA. Dann hätte es selbstverständlich auch weiterhin Blasen gegeben – Internet, Öko, Immobilien etc. Aber dass da tatsächlich 60 Billionen Dollar an CDSs rumwabern, das hätte in dem Ausmaß nicht sein müssen.

  27. Gernot Kieseritzky

    Unabhängig davon, ob CDS reguliert wurden oder nicht, sind CDS aber eine feine Sache, um Kreditausfallrisiken über einen Marktpreis abzuschätzen. Sie sind ein Frühwarnsystem, die potentiell insolvente Banken offenbaren, was ganz gut funktioniert hat.

    Ansonsten ist die Vorstellung, dass Finanzkrisen durch „ausreichende“ Regulation der Finanzmärkte verhindert werden können, wohl eher Wunschdenken. Das würde nur funktionieren, wenn die Aufsichtsbehörden über bessere Informationen verfügen würden, als die Marktteilnehmer. Warum sollte eine Behörde Risiken besser einschätzen können als der Markt?

    Lange vor dem CFMA gab es schon Finanzkrisen in den USA: Z.B. die Savings-And-Loans Crisis Anfang der 90er oder der schwarze Montag von 1987. Der Zusammenbruch von Bretton-Woods 1973 war gar eine globale Finanzkrise, die das Geldsystem in seinen Grundfesten erschütterte. Heute träumen viele Regulationsfans von einer Neuauflage von Bretton-Woods, das ein System fester Wechselkurse beinhaltete und mit dem IMF eine internationale Aufsichtsbehörde.

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