Little Sis is watching them
Daniel Drungels, 17.04.2009
Online-Politik-Experte Micah Sifry über “Little Sis”:
Eine unserer Seiten, die erst kürzlich online gestartet ist, heißt in Anspielung auf Big Brother “Little Sis”. Das ist eine Art unfreiwilliges Facebook für die Mächtigen. Es wurden alle Information über die Vorstände und CEOs von tausend Spitzenunternehmen und Websites besorgt und diese dann mit den Daten über die Wahlkampfspenden und mit den Daten über die sozialen Beziehungen kombiniert. Und dann wurde noch ein Element eingefügt, das jedem ermöglicht, mehr Informationen hinzuzufügen. Ob das Partnerschaften oder Tennis-Freundschaften sind, man kann es ergänzen. Es gibt außerdem noch die verborgenen Verbindungen unter den Mächtigen. Auch diese lassen sich hinzufügen. Die Redakteure der Seite werden diese Informationen dann nachprüfen und angeben, ob sie verifiziert wurden oder nicht. Es ist also eine Art modifiziertes Wiki.
Das Ziel dieser Plattform sei es, den Bürgern zu ermöglichen, den Mächtigen “bessere” Fragen zu stellen. Ob eine solche Plattform in Deutschland Anklang finden würde? Ist das noch Transparenz und möglicherweise demokratische Kontrolle 2.0 oder schon der gläserne Mächtige?
antibuerokratieteam.net





Wäre alles kein Problem, wenn der Zahlungsverkehr nicht (staatlich) zwangsüberwacht würde.
Alles kein Problem?
‘unfreiwillig’ ist das Schlüsselwort. Wer interessiert sich schon für Grundrechte?
Geniale Idee. Das dann aber bitte außerhalb der Reichweite der Machthaber.
Wer nicht in der Öffentlichkeit stehen will soll eben kein öffentliches Amt bekleiden.
Mein kurzer Kommentar verdient Erläuterung: Es lässt sich kaum verhindern, dass andere Menschen offen zugängliche Daten über jemanden sammeln – eventuell ist dies sogar nötig um die Zuverlässigkeit eines Transaktionspartners zu beurteilen.
Offen zugänglich…. ist in diesem Fall etwa das Spendeneinkommen der Parteien dank entsprechender Vorschriften. Darauf zielt der kommentar zu diesem speziellen Beispiel ab.
Liebe Dagny, Dein Realname, Deine Tel.-Nr., Email, aktuelle und ehemalige Wohnadresse, Fotos … etc. … sind alle in verschiedenen Zusammenhängen “offen zugänglich”.
Wenn man diese Daten in Relation setzt, entsteht neue Meta-Information daraus. Und ich lese keine Beschränkung auf Public Affairs wie Spendenaufkommen öffentlicher Amtsträger – die Aktion zielt ausdrücklich auf Partnerschaften oder Tennis-Freundschaften und verborgene Verbindungen (also Einbruch in die Privatsphäre im Klartext).
[Ironie-Tag="On"] Das passt Dir nicht? Aber Du bist doch eine öffentliche Person! Liberale B-Klasse Bloggerin! Als neoliberaler Spin-Dr und Mitglied der akademischen Elite musst Du Dir das schon gefallen lassen…[Ironie-Tag="Off"]
Interessant finde ich, dass Sifry CEO’s und Vorstände, also Führungskräfte privater Unternehmen mit gewählten Politikern gleichsetzt – es geht ihm um “demokratische Kontrolle” wo eigentlich Kontrolle der Eigenümer stattfinden sollte. Aber auch Schnüffelei in den Privatangelegenheiten von Politikern und Beamten bleibt nichts als Schnüffelei.
Ich bin durchaus für mehr Transparenz, wenn es z.B. um Parteispenden oder Bilanzierungsrichtlinien von Unternehmen geht. Das sollte allerdings gesetzlich geregelt werden und nicht ambitionierten Freizeit-Tschekisten überlassen werden.
Joachim, ich habe da auch gefühlsmäßig meine Problemchen damit, aber:
a) Informationen sammeln, aufbereiten und verbreiten wird immer billiger — Technology, Baby! (Und hat natürlich auch unglaublich viele Pluspunkte!)
b) Die meisten Länder weltweit kennen kaum Rechte auf “informationelle Selbstbestimmung”.
c) Die meisten Leute sind nicht bereit, besonders viel Geld dafür auszugeben um Informationen über sich zurückzuhalten.
Von daher ganz abstrakt und nicht auf irgendwelche verhassten oder geliebten Personengruppen zugeschrieben: der Bürger wird gläserner werden und das wird kaum aufzuhalten sein (insbesondere, ohne die Vorteile wegzunehmen), ob es einem gefällt oder nicht. Oder siehst Du das anders?
Weil, wenn man dieser These zustimmt, dann lohnt sich die Frage “finde ich das gut oder schlecht?” gar nicht mehr so wirklich. Es lohnt sich viel mehr darüber nachzudenken, wie man diese technologische Entwicklung so einsetzt, daß sie den eigenen Bedürfnissen entspricht.
Und das haben die Betreiber von Little Sis offenbar gemacht, was ich auch gut finde.
Wenn wir als Bürger schon zunehmender “Überwachung” ausgesetzt sind und ständig mehr Information über uns gesammelt wird, dann sollten wir mit den gleichen Methoden zurücksammeln und damit effektiveres Monitoring betreiben.
Zu ernst nehmen sollte man die Sache aber auch nicht: es wird auch immer billiger, Mist also Falschinformationen zu posten.
Daniel, seit es Banken gibt, haben auch die Bankeinbrüche zugenommen ;-) Sollten wir das also legalisieren und moralisch legitimieren?
Meine Kritik richtet sich im Kern an dem Vorhaben, “verborgene” Informationen und Verbindungen ohne Zustimmung des Betroffenen einzubeziehen (wobei aber auch die neue Qualität des Metakontextes von an sich öffentlichen Detailinformationen nicht zu unterschätzen ist).
Da sind wir dann ganz schnell bei Rufmord-”Wikis” von Typen wie Marcel Bartels oder Fotosammlungen der Anti-Antifa über politische Gegner. Sifry bedient ja dieselbe Blockwartmentalität von Otto Normalschnüffler, der seine Erkenntnisse, Vermutungen und feuchten Träume über den Nachbarn dort publizieren kann.
Auch wenn das technisch inzwischen dank Web 2.0 kein Problem mehr ist – man sollte IMHO den Appell an niedrigste Instinkte wie Neid, Geltungssucht und Sensationsgier, der hinter Projekten dieser Art steht, klar benennen.
Mit der Schaffung von Transparenz in der Arbeit öffentlicher Institutionen (noch einmal: private Unternehmen sind dies aus liberaler Sicht nicht) hat das alles wenig zu tun, wie auch die Formulierung von “den Mächtigen” zeigt. Es geht mehr um Selbstjustiz derjenigen die sich “demokratische Kontrolle” über das Eigentum anderer anmassen.
(Btw: Und wenn dann die Cops Deine Hardware einpacken und Deinen Arbeitgeber interviewen, weil irgendein Spinner eine Verbindung zwischen Dir Osama Bin Laden und/oder Kinderpornos phantasiert hat, wirst Du derlei auch ernst nehmen. Wetten?)
Seit wann ist denn CEO oder Unternehmensvorstand ein “öffentliches Amt”, dSadO?
@Joachim:
Wer hier betroffen ist, spielt m.E. keine Rolle, auch wenn es ‘Vorstände und Führungskader der extremen Linken’ sind.
Ein gewählter Politiker, MdB bspw, ist natürlich anders zu behandeln als ein Manager, aber wer mit wem was in seiner Freizeit macht (Zitat: “Ob das Partnerschaften oder Tennis-Freundschaften sind”) ist meiner Meinung nach Privatsache. Abgesehen von der Tatsache, dass da natürlich auch irgendein Unsinn geschrieben werden kann (und vermutlich wird), der dem Privatleben eines Betroffenen zum Verhängnis werden kann.
Wenn die Website wirklich so laufen sollte, wird sie vermutlich sehr schnell (und zu Recht) per Gerichtsbeschluss dichtgemacht.
Kommt darauf an. “Keine Flucht ins Privatrecht” ist ein Rechtsgrundsatz.
Wenn das Unternehmen sind, die öffentliche Aufgaben erfüllen oder in großem Umfang staatliche Subventionen bekommen, ist das meiner Meinung nach in Ordnung. In diesem Fall haben die Unternehmenslenker eine quasi-staatliche Macht bzw. Position.
Sie üben zwar keine staatliche Gewalt aus, werden durch diese aber begünstigt. Es macht keinen Unterschied, ob man die Steuern selbst wegnimmt oder von der Wegnahme profitiert.
Ja, aber.
Und zwar: man muß die Konsequenzen der Prinzipien immer von allen Seiten ansehen. Wenn Du zB. ein Problem damit hast, das Metainformationen geschaffen werden, wenn man Daten irgendwie offenlegen und aggregieren kann, schön. Aber dann geht’s eben los.
a) Diese “Metainformationen” haben auch enorme positive Aspekte (niedrigere Preise, besserer Informationsfluß, bessere medizinische Versorgung …).
b) Mir scheint dieses Recht auf Informationelle Selbstbestimmung (oder das Verbot von Metainformationen) mit anderen Rechten (das Recht darauf Unsinn zu erzählen, aka Freie Rede) zu kollidieren und auf welcher Seite man da letztlich runterkommt — “Geschmackssache”? Ich definitiv eher auf seiten der Redefreiheit.
c) Ganz praktische Aspekte: mit google kann ich extrem viele Informationen über dich transparent machen, wenn Du noch dazu auf meine Seite surfst, dann kenne ich auch noch deine IP (eventuell also deinen Arbeitgeber, Wohnort usw.). Ist das ok oder kritisch aus Sicht des Rechts? Sollte es also große Suchmaschinen und die dahinterhängenden Datenbanken geben dürfen?
Oder anderes Beispiel: es ist dir ja vermutlich auch unwohl dabei, ständig von irgendwelchen Kameras aufgenommen zu werden. Mir auch. Und manche Leute gehen sogar so weit und sehen Google StreetView und Google allgemein kritisch. Kann ich verstehen. Aber wenn man das Recht “alles wie wild aufzunehmen” aufgibt, dann verlieren wir auch Handyaufnahmen von G20-Prügelpolizisten.
Das Recht auf Bildchen funktioniert eben in beide Richtungen.
Zurück zu den Metainformationen: wenn ich irgendwas nicht öffentliches über dich wissen würde — sagen wir, das Du mit deiner Sekretärin schläfst oder Angst vor Mäusen hast — und mir diese Information zufällig zukommt (ich treffe dich zufällig im Keller wo auch eine Maus unterwegs ist). Sollte ich das dann ins Internet posten dürfen? Meinem Nachbarn erzählen? Deiner Frau? Dir? Wie sieht es aus, wenn es statt dir Boris Becker ist? Sollte man da Unterschiede machen?
Ja, abstrakt klingt das alles nicht schlecht: ich habe dieser Information über mich nicht zugestimmt, also darf sie nicht veröffentlicht werden. Aber das ist doch prinzipiell nicht haltbar. Jedes mal wenn ich auf die Straße gehe, veröffentliche ich Informationen über mich.
Oder ich habe Metainformationen gebildet (ich habe Beiträge von dir gelesen, mit Leuten über dich geredet und mir ein Gesamtbild von gemacht). Okay? Nicht okay?
Wenn ich weiß, mit wem Du am Sonntag tennisspielst, wieso sollte ich es nicht sagen dürfen? Und wieso sollte ich nicht sagen dürfen, das Du mit Boris Becker tennisspielst (was vermutlich Unsinn ist)?
Ganz davon abgesehen, das die Fragen hochkompliziert werden, was man davon erlauben sollte und was nicht (und das alles extrem den Präferenzen der Zeit unterworfen ist), spielt die Technik so, das es kaum aufzuhalten sein wird — wenigstens nicht ohne die Vorteile zu eliminieren.
Zu deinem letzten Punkt: Richtig, aber ich habe da (vielleicht lieg ich falsch) auf lange Sicht mehr Hoffnungen, das das Rechtssystem auf solche Änderungen reagiert und vor allem auch Bürokraten das wissen, was man Kindern am ersten Internettag lernt: das sie nicht jeden Quark glauben sollen. Diese Skepsis anzuregen scheint mir jedenfalls leichter und sinnvoller als sich neue Rechte und Begründungen zusammenzufummeln.
Im About von Little Sis steht:
Ich fände es durchaus interessant, wenn durch dieses Projekt mögliche Interessenkonflikte oder Postengeschacher in die breitere Öffentlichkeit gerückt würden. Ich glaube z.B., dass die Tatsache, dass Bankenretter P€€R im Aufsichtsrat der KfW saß, ganz anders diskutiert worden wäre.
Problematisch finde ich eher, dass dieses Projekt per se Korruption unterstellt. Das irgendwer mit irgendwem zur Schule gegangen ist, ist ja nun nicht gleich ein Beweis für Cliquenwirtschaft. Das wird aber schon durch die Intention dieser Plattform suggeriert. Das riecht mir dann doch zu sehr nach Verschwörungstheorie.
> Ob das Partnerschaften oder Tennis-Freundschaften sind, man kann es ergänzen.
Schnüffeleien halt, das ist offensichtlich etwas für die anderen.
Schwer zu sagen, ob man hier staatlich eingreifen muss, um so etwas zu unterbinden.
BTW, die Linke, die ja gerne das “Recht auf informationelle Selbstbestimmung” zitiert und bei bestimmten Tätern den Schutz derselben, Stichwort Persönlichkeitsrechte, betont, sieht hier wohl keine dbzgl. Probleme.
Köstlich auch diese Anmerkung des Vertreters des linken Flügels der Demokraten:
“Das Endziel ist dann hoffentlich, dass wir unseren gewählten Politikern, den Leuten, die die großen Unternehmen führen, all denen, die offensichtlich immer noch ziemlich mächtig, aber oftmals niemandem Rechenschaft schuldig sind, bessere Fragen stellen können.”
> Wenn man diese Daten in Relation setzt, entsteht neue Meta-Information daraus. Und ich lese keine Beschränkung auf Public Affairs wie Spendenaufkommen öffentlicher Amtsträger – die Aktion zielt ausdrücklich auf Partnerschaften oder Tennis-Freundschaften und verborgene Verbindungen (also Einbruch in die Privatsphäre im Klartext).
Ich sehe hier eindeutig eine Gefahr, vgl. auch die “deutsche Personensuchmaschine” Yasni.
Ich kenne eine ähnliche Seite, wo genau das in Bezug auf einen kleineren Kreis von Anbietern in einem bestimmten Markt gemacht wird.
Da ich die Verhältnisse der beobachteten Kreise etwas besser kenne, kann ich mir auch eine Beurteilung leisten: Auf der Website steht eine Mischung aus komplettem Unsinn und teilweise wirklich allgemein unbekannten, aber zutreffenden Informationen.
Da sich das eine nicht vom anderen trennen lässt, scheint es mir eher so zu sein, als ob der Unsinn die interessanteren Infos wertlos macht.
Im Ergebnis fühlen sich sowieso nur die Initiatoren des Auftritts und die eifrigen Mitmacher in ihrer Ideologie bestätigt. Wirksame Außenwirkung entfaltet sich so nicht.
“BTW, die Linke, die ja gerne das “Recht auf informationelle Selbstbestimmung” zitiert und bei bestimmten Tätern den Schutz derselben, Stichwort Persönlichkeitsrechte, betont, sieht hier wohl keine dbzgl. Probleme”
Du meinst damit doch nicht etwa die IM-Tätigkeiten gewisser Personen? ;))
Achim, ich stimme Dir ja zu – aber wie willst Du in einer freien Gesellschaft solcghes Datensammeln verhindern? (Im “Herr der Ringe” sagt Aragorn einmal zu den Hobbits man duerfe nie sagen, wer man wirklich ist).
(“Demokratische Kontrolle”= Sozialismus und v.a. Enteigung)
Genau das meinte ich Dagny (auf Unternehmen bezogen – für staatliche Institutionen ist D. imho alternativlos): aus der (Mogel-)Verpackung “Transparenz” lugt die sozialistische Anmassung hervor, wie gehabt.
Die Aggregation von Daten, um dem Ruf missliebiger Personen zu schaden – und um nichts anderes geht es hier – wird wohl in der Tat nicht zu verhindern sein. Ebensowenig das Aufdecken “verborgener” Daten, also Einbruch in die Privatsphäre.
In einer freien Gesellschaft, also einer ohne die in der Tat zu kritisierenden Verflechtungen zwischen Staat und Wirtschaft würde aber
die Geschäftsgrundlageder Vorwand für Projekte wie das des Herrn Sifry entfallen.Es wäre also klar, um was es sich bei “Little Sis” u.ä. handelt: um ziemlich widerwärtige Allmachtsphantasien von Spinnern. Aber das sollte ja jetzt schon erkennbar sein, zumindest aus einem liberalen Blickwinkel heraus, wenn man ein wenig nachdenkt.
“BTW, die Linke, die ja gerne das “Recht auf informationelle Selbstbestimmung” zitiert und bei bestimmten Tätern den Schutz derselben, Stichwort Persönlichkeitsrechte, betont, sieht hier wohl keine dbzgl. Probleme.”
Das ist auch der Gedanke, der mir zuerst kam: Die Leute, die sich für solche Projekte erwärmen, werden die gleichen sein, die sich über “Schnüffelskandale” bei der DBAG, Daimler, usw. usw. enorm aufregen können – und den Widerspruch in ihrem Verhalten gar nicht wahrnehmen…