Andere Länder, andere Sitten
M.M., 24.04.2009
Die Deutschen sind in der Schweiz, haben wir schon des Öfteren geschrieben. Unzählige. Gut ausgebildete.
Jetzt macht sich die Rezession auch auf der Insel der Glückseeligen bemerkbar. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Im Kanton Zürich innert einem Jahr um satte 80%. Gut, in realen Zahlen sind das auch nur 1.448 Personen.
Doch jetzt kommt die Pointe: Das grösste Kontingent der Neustempler stellen die Deutschen. Die gutausgebildeten, die Kader.
Jetzt wundern sich die Schweizer, warum diese Leute stempeln gehen, denn das tun die Schweizer in solchen Positionen nur widerwillig. Da wird zuerst geschaut, ob man nicht sonst einen Job bekommt, bis die Lohnfortzahlung eingestellt wird.
Ein Arbeitsmarktprofessor klärt die Schweizer auf:
Die Hemmschwelle in Deutschland ist geringer, Arbeitslosengeld zu beantragen.
antibuerokratieteam.net





Ja, sie sind ja so erzogen worden =) Was erwartet ihr, wenn man im Großdeutschenreich schon seid Jahren so etwas eingehämmert bekommt. Ich mein, es sind auch nur Menschen, sie wollen halt wieder das zurück, was sie eingezahlt haben und sie wollen das haben, was ihnen nach etwas Arbeit auch zu steht. So hat man es in D gelernt, weil der Staat hier an jeder Ecke mit dem Klingelbeutel wartet =)
Was ist denn ‘salonfähiger’? In Deutschländ war es noch nie salonfähig, geschweige denn: salonfähiger, arbeitslos gemeldet zu sein. Isses bis heute nicht. Mag daran liegen, dass die Salons andere geworden sind; zum Friseur geht es sich jedenfalls leicht als Arbeitsloser …
Sorry – titeln Schweizer öfter so schwachsinnig (-; ?
(Im Kern iss natürlich was dran, absolut!)
Interessant sind auch die “salonfaehigen” Kommentare zu dem Artikel im Tagesanzeiger – da steht mancher Schweizer dem “Großdeutschenreich” das Max immer noch zu erkennen glaubt nicht nach. Man fragt sich was diese Schweizer so alles “eingehämmert” bekommen.
nice topic: :)
@ Lina: In Deutschland lohnt es sich aber (je nach Gegend, ich gehe mal von München aus) arbeitslos zu sein.
Ein Hartz 4 Mann verdient mehr als ein Friseur. D.h. der Friseur wird sich entweder arbeitslos melden, oder schwarz arbeiten (was die meisten tun).
Alles ok in Deutschland, solange es in keiner offiziellen Statistik auftaucht.
Deshalb: Arbeitslos in D ist durchaus salonfähig. Wer zusätzlich zur freien Wohnung, Krankenversicherung und einem Taschengeld von knapp 400 Euro noch nebenbei arbeitet, hat am Ende mehr Kohle übrig als der dumme Steuerzahler, der 2000 Euro brutto verdient (wiederum: Münchener Verhältnisse/Mietpreise).
Die Schweizer interessieren sich meiner Erfahrung nach nicht für Deutschland, außer, wenn ein Steinbrück das gesamte Land als eine Art von Verbrecherorganisation definiert, nur weil die Schweiz das einzige Land in Europa ist, in dem es wirklich Demokratie gibt….
da darf man als Schweizer auch mal ausflippen. Ich begrüße das, und würde mir mehr Widerstand wünschen.
Ich bin (als Demokrat) in jedem Fall auf Schweizer Seite, egal, um was es geht.
…und hoffe mal, dass die Schweiz mir Asyl gewähren wird, wenn hier die Jagd auf jeden, der noch 1 Euro im Jahr verdient anfängt.
Dann lass’ ich das mal so stehen, ja? Auch, dass es sich ‘lohnt’, wie Du schreibst, arbeitslos zu sein. Es gibt Möglichkeiten, das korrekt zu beurteilen: AA-Zahlenmaterial einsehen, sich Einzelfallprüfungen vornehmen oder selbst arbeitslos werden.
Darum ging es aber nicht. Es ging um ein in D als ‘salonfähiger’ eingestuftes Ansehen eines prekären Zustands, genauer: um die den Schweizern auffällige Bereitschaft der deutschen ‘Gastarbeiter’, im Fall eintretender Arbeitslosigkeit das zu Hause erlernte ‘Sozialverhalten’ unumwunden anzuwenden – eine Erfahrung, die, wie ich MM verstehe, die Schweizer lieber nicht gemacht hätten, da es dem autharken schweizerischen Charakter fremd ist, sich nicht selbst zu helfen.
Sad topic also! So demonstriert ihnen eine globale Krise unter Beobachtung deutscher Umgangsformen, dass Stolz gebrochen und Schamgefühl abgelegt werden kann. Schade drum!
Das sich Entziehen aus der Hartz IV-Kommunikation mit den Ämtern ist hier die Kunst, einige scheitern daran.
Hier weiss das Internet Abhilfe und bietet Plat(t)formen an, die (möglicherweise sogar staatsgesponsort) mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn Ämternachrichten in einem bestimmten Sinne zu bearbeiten sind.
Irgendwo las ich mal, dass man locker auf 2.000 EURO an Leistungen kommen kann bei “2+2″, also mit 2 Kindern. Behauptet werden manchmal auch 2.500 EURO.
In der Schweiz ist sicherlich mehr drin.
Das wirft in der Tat ein schlechtes Licht auf unser Sozialsystem. Das nenne ich gewerkschaftliche Erziehung. Wäre die Hemmschwelle höher, hätte wir vielleicht auch nicht dieses Gezeter mit Hartz IV, wo sich die Betroffenen komplett nackig machen müssen und überforderte Beamte feststellen sollen, ob der Lebensstandard der Situation angemessen ist. (Ich war ein großer Befürworter der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe, aber dieser andere Quatsch drumherum hätte niemals sein dürfen. Die alte Sozialhilfe war das sinnvollere Instrument.)
Ich habe auch schon öfter erlebt, dass manche Leute Sozialleistungen in Anspruch nahmen, von denen ich nie etwas gehört habe. Da gibt’s Umzugspauschalen für Leute, die in die alten Bundesländer ziehen. Man bekommt auch immer wieder zu hören, vor allem von gewerkschaftlicher Seite, man hätte einen Anspruch, ein Recht auf Sozialleistungen. Komischerweise wurde mir noch nie gesagt, ich das Recht, meine eigene Meinung zu äußern. Mir wurde ernsthaft erwidert, ich müsse dann gegebenenfalls die Konsequenzen (körperliche Gewalt) tragen. Ich habe damals Nazis als Idioten bezeichnet. Nazis waren zwar nicht anwesend, aber Leute, die durchaus einige Freunde aus dem Umfeld dieser braunen Misanthropen.
Es ist in allen Fällen viel zu viel, selbst mit den zwei Kindern. Meine Familie (meine Eltern, und wir drei Kinder) wäre über 4000 DM Gesamteinkommen pro Monat froh gewesen. Das war damals, Anfang der 90er in Ostdeutschland. Aber wir kamen damit aus.
Was ich nicht verstehe, ist, dass manche Leute über € 2000 auch noch reden, als wäre das wenig Geld. Aus der Sicht eines Bonzen vielleicht, aber das hat doch mit der Realität nichts zu tun. Viele Akademiker, die gerade in den Beruf eingestiegen sind, haben als Nettogehalt weniger als € 2000. Und ich rede hier nicht von Ökotrophologen und Soziologen, sondern von Informatikern, Mathematikern und Physikern. Manche Geisteswissenschaftler müssen sich sogar für € 400 pro Monat verdingen.
Es wird einem fast schwindelig, wenn man Gewerkschaftspapiere liest und sieht, wieviel welche Berufsgruppe verdient. Die Kluft zwischen stark gewerkschaftlich organisierten Branchen und den nichtorganisierten ist ein Indiz für den Missstand, dass in unserer Volkswirtschaft die Etablierten zu stark protegiert werden. Dass sich auch noch alle Sorgen um Opel machen, ist genauso ein Indiz.
Studieren macht eben dumm.
Es nützt nichts, nur vermeintlich viel zu wissen. Man muss es anwenden können. Genau daran scheitern aber leider die allermeisten “Akademiker” vollkommen.
Die meisten Handwerker sind da sehr viel klüger. Oder, naja, vielleicht sind sie auch einfach nur nicht so arbeitsscheu. :-)
Arbeitslosengeld beträgt 80% des letzten Lohnes für 400 Tage (mit Kindern) ohne Kinder 70%. Die Betragsjahre in der EU werden angerechnet, d.h. wenn jemand schon nach wenigen Wochen arbeitslos wird, hat Anrecht auf das volle Arbeitslosengeld. Die Kündigungsfrist beträgt im ersten Jahr 1 Monat und geht dann auf bis zu drei Monate hoch. Kader haben in der Regel Arbeitsverträge mit einer sechsmonatigen Kündigungsfrist.
Mir wurde ja kürzlich hier mein Nichtwissen über die Revolutionen in Deutschland um die Ohren gehauen. Das mit 1848 war mir schon geläufig, weil sich danach aber hundert Jahre Abgrund auftat, zählte die nicht wirklich – so beim Schreiben.
Ich muss jedoch anerkennend nochmals darauf zurückkommen, weil die 1848er Revolution doch einigen Einfluss auf die weitere Politik in der Schweiz hatte. Bekanntlich hat die Schweiz ihre Verfassung aus dem Jahr den amerikanischen Verfassungsvätern abgeschrieben.
Doch grossen Einfluss hatten auch deutsche “Revolutionäre”, deren liberales Gedankengut auf die Schweiz, denn sie haben sich nicht nur nach Amerika abgesetzt, sondern auch in die Schweiz (Hecker beispielsweise in den Kanton Basel-Landschaft, der sich in einer Revolution ein paar Jahre zuvor von Basel getrennt hatte und für neue demokratische Idee ausserordentlch aufgeschlossen war. Volksrechte waren schon damals eine Selbstverständlichkeit – sorry, Lina, nur für Männer (bis 1971).
Grossen Einfluss hatten die gescheiterten Revolutionäre auf das Schulwesen, waren ja Intellektuelle, zumeist.
Wenn man so will, ist die liberale Schweiz durchaus auch ein Produkt der 1848er Revolution. Sie war denn auch über Jahrzehnte hinweg das demokratische Ideal der Liberalrevolutionären inmitten eines Meeres von Kaiser- und Königtümmern und Diktaturen.
Interessant ist nun, wie sich dieses Modell inmitten der zentralistisch-sozialistischen Staatsgläubigen Europas wird halten können. Wenn das Europaparlament mit überwältigender Mehrheit für den automatischen Datenaustausch über Bankkonten stimmt, dann muss es eine Insel geben, wo man sich solchen Machtansprüchen der herrrschenden Politklasse entgegenstemmt.
Aber das hat, merke ich, mit dem Arbeitslosengeld für Deutsche in der Schweiz nur am Rand zu tun. Oder vielleicht doch nicht?
1918/19 war bedeutsamer für das heutige Deutschland als die Revolution von 1848. Die Weimarer Verfassung ist zu weiten Teilen die Grundlage des Grundgesetzes.
Schmeißt die Schmarotzer-Deutschen halt wieder raus. :-)
Ja, größeren Einfluss hat die Weimarer Verfassung unzweifelhaft gehabt. Vor allem auch dahingehend, dass man das Grundgesetz gerade auch in Bezug auf die Schwächen der Weimarer Verfassung konzipiert hat.
Wie mich neulich erst wieder erinnert habe genießen nämlich nicht einmal die Grundrechte verfassungsrechtlichen Bestandsschutz, sondern können abgeschafft werden.
In famoser Auslegung des Wortlautes ist man sogar dazu gekommen, dass Art. 103 GG lediglich deklaratorischen Charakter hat, während sich das Verbot der Todesstrafe angeblich direkt aus Art. 1 GG herleiten ließe…
Dann wäre da noch der Halbteilungsgrundsatz, der sich nur aus dem Wörtchen “zugleich” in Art. 14 GG herleiten lassen soll.
Ja, wir haben von Weimar viel gelernt: Waren es vorher die Gerichte, die die Verfassung außer Kraft setzen durften, so ist es nun das BVerfG, das eine lebendige Verfassungsinterpretation vornimmt und damit zu einer toten Verfassung kommt. Aber die Amerikaner haben ja immer Unrecht… *seufz*
GottIn schütze uns vor diesen Verfassungsrechtlern. Aber da es keine GottIn gibt, kann sie uns vor denen auch nicht beschützen. ;-)
Wenn die mal nicht nach 400(!) Tagen in die IV [1] flüchten. ;–)
[1] Nicht zu verwechseln mit HARTZ IV
Das ist mir ein bisschen zu pessimistisch. ;)
Schlagzeile zum Montagmorgen:
SPD-Funktionär fordert: Ausländer raus! Schmeißt die Schmarotzer raus!
SCNR
Jetzt hats der Schweizer endgültig zu weit getrieben:
http://www.welt.de/wirtschaft/article3626651/Ackermann-verhoehnt-Konkurrenz-mit-Traumrendite.html
[...] weil der hier vewendete Nick dort und an anderen Stellen für Unsicherheiten sorgte. Schon am 25.04.2009, 15:45 Uhr schrieb ich auf dem A-Team diesen Kommentar und ich fühle mich mal wieder bestätigt, [...]