Kaum etwas wird mehr verklärt als die Performance deutscher Außenminister. Kraft faktischer Tradition in Regierungsbeteiligungen kann davon vor allem die FDP profitieren: Scheel, Genscher und Kinkel werden bis heute idealisiert und haben weder die Welt verbessert noch einen ernst zu nehmenden Beitrag dazu geleistet. Der Wahltermin rückt näher, Schwarz-Gelb in erreichbare Sphären – auch Guido Westerwelle wittert nun die kosmopolitischen Luftwölkchen am Himmel. Im Spiegel-Interview zieht der FDP-Chef alle Register der Mainstream-Diplomatie.

Wo nun eigentlich ein Unterschied zur Außenpolitik von Schröder/Fischer und Merkel/Steinmeier liegen soll, wird lediglich in Nuancen klar. Natürlich wird nicht viel geändert, ein internationaler Kuschelkurs und moderate USA- und Israel-Kritik brachten auch bisher den nötigen Medienzuspruch.

Neu im FDP-Vokabular ist der Begriff „Abrüstungs- und Friedenspolitik“, der selbstverständlich zunächst an die Adresse Washingtons gerichtet ist. Schließlich gehen die Provokationen vor allem von dort aus und andere sympathische Mächte wie Iran und Nordkorea ziehen nur nach. Da ist es folgerichtig, energisch die Beseitigung aller Atomwaffen von deutschem Boden zu fordern und russischen Widerstand gegen den US-Raketenschild als „berechtigte Sorgen“ zu bezeichnen. Deutsche Außenpolitik sponsored by Gazprom.

Nein, kein Konservativer bezeichnet Russland als strategischen Gegner. Aber vielleicht agieren Konservative (und der eine oder die andere Liberale) mit ein wenig mehr Empathie gegenüber Polen, Ukraine oder dem Baltikum, die sich nach wahlweise deutscher und russischer Besatzungs- und Terrorregime und neu gewonnener Freiheit plötzlich in einem Europa der Achse Berlin-Moskau wiederfinden. Aber natürlich ist Russland heute eine funktionierende Demokratie und Berlin sitzt am längeren Ressourcen-Hebel, nicht wahr? Was für eine strategische Leistung.

Westerwelle wiederholt auch sein krudes Argument gegen den Libanon-Einsatz der Bundeswehr, Deutschland könne nicht neutral zwischen Hisbollah und Israel agieren. Dabei war dies ja auch niemals nötig. Nicht zwei Streithähne waren es, die aufeinander losgingen, sondern eine Terrororganisation auf der einen und ein demokratischer Rechtsstaat auf der anderen Seite. Es ging also um den Schutz Israels. Aber wer sich in der Opposition als Friedenspartei profilieren möchte, sollte die Detailfragen natürlich umschiffen.

Schließlich Europa: Richtig ist es, dass die FDP einen öffentlichen Wahlkampf gegen die Türkei nicht führen möchte. Völlig unverständlich erscheint dagegen die liberale Liebe zu Lissabon. Die heutige Europäische Union ist schließlich alles andere als eine freiheitsfreundliche Idee. Eine demokratisch nicht legitimierte Regierung (Rat) und die allmächtige Verwaltung (Kommission) treiben einen massiven Geldverteilungsapparat an und ermächtigen sich mit Lissabon nunmehr selbst, noch mehr Politikfelder zu übernehmen. Auf das einzige Referendum, dem „Nein“ aus Irland, antwortete Europa mit „Trotzdem!“, „Noch mal!“, „Dummköpfe!“. Es war der letzte Hinweis auf eine zur kritischen Erneuerung völlig unfähigen Maschinerie. Da hätte es der FDP gut zu Gesicht gestanden, konsequent auf die Befragung der Menschen, also auf Volksabstimmungen, zu setzen. Derartiger Populismus jedoch wird in Diplomatenkreisen nicht gern gesehen.

Westerwelles Bewerbung als Außenminister hat auch die Entmachtung des Thomas-Dehler-Hauses zur Folge. Es geht jetzt um das Geschichtsbuch. Auch wenn das blinde Huhn an der einen oder anderen Stelle dann doch noch zuschlägt – bei Afghanistan und endlich auch einer menschenrechtspolitischen Ausrichtung der Entwicklungshilfe – der Chefdiplomat Westerwelle ist zum Defilee angetreten. Guido reist jetzt für Deutschland. Wo der liberale Gedanke seiner Außenpolitik liegen soll, muss er nicht erklären. Deutschland mag seine Diplomaten, die kraft Aufgabe einer eigenen Meinung zur echten Weltelite gehören. Es ist wohl die einzige Möglichkeit des ewig jung wirkenden, nunmehr doch fast 50jährigen Westerwelle, endlich erwachsen zu sein.

Sehr fragwürdig erscheint die Grundeinstellung eines langjährigen Oppositionspolitikers, endlich die tatsächlichen eigenen Schwerpunktthemen als Wirtschafts- oder Finanzminister umsetzen zu können und sich stattdessen für das Prestige zu entscheiden. Es ist nicht nur ein Traditions- und Systemproblem, es ist die Eitelkeit im Raumschiff Berlin, die hier regiert.

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Oliver Fraederich ist CDU-Stadtrat in Lübeck und Gastmitglied der Libertären Plattform.