Ein hervorragendes Buch eines liberalen Aufklärers, der sich irrtümlich für einen Konservativen hält

Dass das Buch von Jan Fleischauer Unter Linken – Von Einem, der aus Versehen konservativ wurde von Berufslinken nicht gemocht und nicht geschätzt werden wird, war vorauszusehen. Ein-Sterne-Rezensionen auf amazon.de mit Schaum vor dem Mund waren demgemäß zu erwarten.

Was ich bis jetzt zu lesen bekomme, erzeugt allerdings in mir den Verdacht, dass einige Leute sich mit dem Lesen des Buchtitels begnügen. Formulierungen wie „Geistlos und ohne den Anspruch auf Wahrheit geschrieben“ sind anders wohl kaum zu erklären. Wer solches schreibt (selbstverständlich unter einem Pseudonym, schließlich leben wir in einer rechtskonservativen = neoliberalen = post- oder präfaschistischen Diktatur!), sollte sich schon die Mühe machen, Behauptungen dieser Art zumindest ansatzweise zu belegen. Sogar Rechtskonservative und (Neo-)Liberale lesen gelegentlich. Sie lesen sogar Ein-Sterne-Rezensionen und sind durchaus dankbar, wenn ihnen Gelegenheit gegeben wird, etwas dazuzulernen, falls ihnen robuste Daten, interessante Hypothesen oder gültige Argumente präsentiert werden.

Ich habe dieses Buch zweimal gelesen. Und mein Urteil ist eindeutig. Das Buch hat viel Esprit (= Geist) und die Kapitel „Wider die Herrschaft der Vernunft – die Linke und das Bildungssystem“, „Die Eroberung des Sozialstaats – die Linke macht Karriere“, „Wir Kleinbürger – die Linke und das Volk“ und „Opferneid – die Linke und der Antisemitismus“, um nur vier von zwölf zu nennen – treten sehr wohl und deutlich genug mit einem ernsthaften Wahrheitsanspruch auf.

Wer – wie ich – eine dezidiert linke Vergangenheit und gelegentlich das (zweifelhafte) Vergnügen hat, linke Externalisate über sogenannte „Spießer“ zu lesen oder zu hören, wird die folgende Darstellung der linken Sicht auf diese Subpopulation sofort wiedererkennen:

Wir hatten ziemlich genaue Vorstellungen vom Spießer, auch wenn wir mit ihm, gottlob, kaum in Berührung kamen. Klein, eng, verstellt war seine Welt. Spießer verließen morgens in aller Herrgottsfrühe das Haus und kamen abends pünktlich um 17 Uhr heim zu Frau und Kind. Sie mähten am Wochenende den Rasen, wuschen ihr Auto; ihre Schäferhunde oder Dackel hießen ‚Max‘, ‚Sammy‘ und ‚Arko‘. Spießer waren im ADAC, sie nahmen keine Drogen, schenkten Schnittblumen zum Muttertag und schoben Bierfilz unter Biergläser. Vor der Haustüre hatten sie Fußabtretematten mit der Aufschrift ‚Salve‘ liege, und im Büro wartete ein Kaffeebecher mit Namen und lustigem Aufdruck auf sie. Kurz, sie lebten und benahmen sich wie die Mehrheit der Deutschen. Deshalb waren sie auch zur Verachtung freigegeben.

(S. 179)

Wenn die Linke ihrer Wut und Enttäuschung Luft machen will, redet sie vom Spießer – oder, um klassenspezifisch zu werden, vom Kleinbürger. Es ist völlig gefahrlos, sich über ihn zu erheben; er konstituiert die einzige Schicht in Deutschland, auf die alle herabsehen dürfen, von unten nach oben.

(S. 180)

Die Pathologisierung einer ganzen Gesellschaftsschicht fügt sich nahtlos in eine Vorurteilsstruktur, nach der selbst der lebensbedrohende Übergriff auf einen kleinbürgerlich um Rücksicht Bittenden nur als Notwehrakt gedeutet werden kann: Als im Januar vergangenen Jahres ein pensionierter Schulrektor in der Münchner U-Bahn von zwei Jugendlichen zu spätabendlicher Stunde zusammengetreten wurde, weil er sie gebeten hatte, das Rauchen einzustellen, erklärte der ‚Zeit‘-Feuilletonchef Jens Jessen die Tat in einem Video-Blog mit der ‚unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen, Anquatschungen, die der Ausländer und namentlich der Jugendliche‘ ständig in Deutschland zu erleiden habe. ‚Und nicht nur der Ausländer‘, wie er nach einer Besinnungspause hinzufügte: ‚Letztlich zeigt doch der deutsche Spießer, um das böse Wort mal zu benutzen, doch überall sein fürchterliches Gesicht.‘

(S. 182 f.)

Herrn Jessen wird man wohl fragen müssen, ob er nicht bisweilen – wie so viele Linke – in systematischer Weise Opfer und Täter verwechselt: Wer als pensionierter Schulrektor Jugendliche darum b i t t e t , das Rauchen einzustellen, ist in der Sicht der Linken der Täter. Die Jugendlichen, die ihn krankenhausreif treten, sind – wiederum in dieser Sicht – die Opfer, die sich nur, selbstverständlich legitimerweise, zur Wehr setzen. Wer zur Gewalt greift, muss schließlich seine Gründe haben.

Am grauenhaftesten waren wohl die Spießer in der Adenauerzeit (1949 – 1963). Der sich als zuverlässiger Zeitzeuge missverstehende Günter Grass weiß darüber zu berichten: „‚Die damals propagierte Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte.'“ (S. 184)

Der Chronist H. W. Boger (*1947) erinnert sich: Für fünfzehnjährige Jungen hatten die Väter im Wesentlichen nur drei Imperative parat: „Sitz aufrecht! Geh mal wieder zum Friseur! Mach die Negermusik leiser!“ Dennoch wurden die Wirbelsäulen nicht hart wie Kruppstahl, dennoch wurden die Haare von Jahr zu Jahr länger, und die ‚Negermusik‘ wollte keineswegs verstummen, sondern wurde eher lauter. So war das mit der „Spießigkeit […], die es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte“.

Werfen wir einige Blicke in das Kapitel „Opferneid – die Linke und der Antisemitismus“:

Aus Sicht der Kritiker [des Staates Israel; HWB] haben sich die Juden in ihrem Staat einfach zu viel herausgenommen. Sie haben nacheinander vier Kriege gewonnen und dann das Land nicht wieder geräumt, wie es die Verlierer verlangten.“ (S. 194) Mehr noch: Die Juden in Israel „benehmen sich, als wären sie in Israel zu Hause. Sie gründen Familien, gehen ihrer Arbeit nach und plagen sich mit den normalen Alltagssorgen, ohne sich ständig Gedanken über die Palästinser zu machen, die davon phantasieren, wie schön das Dasein sein könnte, wenn man die Israelis erst einmal los wäre: Kurz gesagt, sie führen zum ersten Mal seit nahezu 2000 Jahren wieder ein selbstbestimmtes Leben in einem eigenen, souveränen Staat, der ihnen Schutz vor Verfolgung und Diskrminierung bietet. Es ist übrigens auch der einzige Staat in der ganzen Region, der seinen Bürgern alle westlichen Freiheitsrechte garantiert, inklusive Frauen, Homosexuellen und politisch Andersdenkenden, ein Novum im Nahen Osten.

(S. 199)

Dem – linken! – Schriftsteller Wolfgang Pohrt verdanken wir die famose Idee vom „Täter als Bewährungshelfer“, der sich darum bemüht, dass „seine Opfer nicht rückfällig werden“. (ebd.) Die deutschen Täter, so sie noch leben, und ihre antifaschistischen (aber auch neofaschistischen!) Nachkommen, blicken unentwegt auf Israel und sind tief enttäuscht, dass die dort lebenden Juden die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Auschwitz nicht als „friedenspolitische Erziehungsanstalten“, als „eine Art dritte[n] Bildungsweg in Sachen Pazifismus“ in Erinnerung haben. (S. 212) Stattdessen sind die Israelis „zu amerikafreundlich, zu militant, zu kapitalistisch – sie vereinen, mit einem Wort, was man auf der Linken aus tiefstem Herzen abzulehnen gelernt hat.“ (S. 214)

Warum, so muss man fragen, interessieren sich linke (und rechte!) Deutsche so sehr für Israel und seine Nachbarn, warum gilt ihre Aufmerksamkeit nicht dem indisch-pakistanischen Dauerkonflikt? Und was würden linke (und rechte!) Deutsche davon halten, wenn z. B. Mexikaner in Leitartikeln „leidenschaftlich die Vor- und Nachteile der deutschen Einheit diskutierten […] und Podiumsdiskussionen abhielten“? (S. 198) Offenbar haben linke (und rechte!) Deutsche ein erhebliches Israelproblem. Bei Alt- und Neonazis ist dies noch zu verstehen, aber warum Linke, die doch meinen und sagen, Linkssein und Judenfeindschaft schlössen sich gegenseitig kategorisch aus, genau dasselbe Problem haben, erschließt sich dem Beobachter nicht so leicht.

Dieses Buch zu lesen ist ein Genuss. Es holt weit aus, präsentiert auch wertvolle Details (z. B. zum Bildungsnotstand in Deutschland und seinen Ursachen und zur Ausweitung und Eroberung des Sozialstaats durch die Linken) und ist gut geschrieben. Man muss den Verfasser und den Verlag herzlich beglückwünschen.

Freilich unterlaufen Fleischhauer auch einige sachliche Fehler: Thomas Hobbes war definitiv kein Schotte, und Jurist – jedenfalls im engeren Sinne – war er auch nicht, wie auf S. 62 f. zu lesen ist. Auch die Diskussion um John Rawls und Peter Singer (S. 151 ff.) hätte etwas sorgfältiger ausfallen dürfen, wobei diesen beiden Linken durchaus Liberale wie Friedrich August von Hayek oder Robert Nozick hätten gegenübergestellt werden sollen. Obwohl der Autor – jedenfalls in m e i n e r – Sicht – eher ein Liberaler denn ein Konservativer ist, kommt der Liberalismus, wenn er ihn explizit behandelt (z. B. auf S. 334) eher schlecht weg. Das will mir nicht so recht einleuchten.

Und eine Formulierung wie “Tatsächlich ist die schwankende Klasse [gemeint sind die Kleinbürger] nicht nur ohne soziologischen Grund” (S. 186) habe ich mit einem gewissen Missfallen gelesen, da doch offensichtich “soziologischer Grund” gar nicht gemeint ist, sondern “sozialer Grund” oder, noch besser, “soziale Verankerung”. „Soziologisch“ ist nun mal nicht synonym mit „sozial“.

Aber das sind angesichts des Buches, das immerhin 350 Seiten stark ist, Petitessen. Sie werden, wie mir der Autor freundlicherweise zugesagt hat, in der dritten Auflage korrigiert werden. Die zweite Auflage ist schon gedruckt.

Man muss kein Hellseher sein, um diesem Buch einen – redlich verdienten! – Bestsellerstatus zu prognostizieren.

Dr. phil. Horst Wolfgang Boger studierte Psychologie, Sozialwissenschaften und Philosophie (mit Schwerpunkt Wissenschaftstheorie) in Mannheim und Köln. Er hat Psychologie, Sozialwissenschaften, Wissenschaftstheorie und Politische Theorie an den Universitäten Bonn, Konstanz und Mannheim unterrichtet und ist am Liberalen Institut in Potsdam für „Grundsatz- und Schenkungsfragen“ zuständig.

Anmerkung des Cleaning Executive: seit heute habe auch ich das Buch im ToRead-Stapel meines Regals liegen – ganz oben!

Wen die Rezension unseres Gastautors so neugierig gemacht hat, dass er seinen Kaufdrang nicht mehr zügeln kann, dem winke ich hiermit mit dem Fleischhauer: wenn Sie über die Produktlinks oben bestellen, oder gleich über diesen hier, unterstützen Sie freundlicherweise unser inzwischen gar nicht mehr so kleines Projekt antibuerokratieteam.net mit einem kleinen Scherflein Amazon-Partner Provision – Stay tuned! (and buy well)… ;-)