Staatsmorde in Berlin
dagny t., 01.06.2009
Bei den bissigen-Liberalen wird das Unverständnis das ein heute 20-30 jähriger über die Auseinandersetzung mit der Causa Kurras hat, ganz gut auf den Punkt gebracht. Rayson schreibt dort im wesentlichen, dass es nicht sein Problem sei, er aber verstehen kann, dass die Protagonisten von einst ihre Gewissheiten mit dem mulmigen Gefühl einer Lebenslüge aufgesessen zu sein einer erneuten Gewissensprüfung unterziehen müssen.
Man konnte damals wohl ahnen aber sicher nicht wissen, dass die Stasi ihre Finger im Spiel hatte. Die Studenten konnten aber sehr wohl wissen, dass das andere Deutschland, der Ostberliner Unrechtsstaat, seit 1961 von Staats wegen auf Menschen schiessen ließ, die zwar nicht wie Ohnesorg, das (friedliche) Demonstrationsrecht wohl aber das Recht auf Freizügigkeit in Anspruch nehmen wollten. (Welches, btw. auch im GG nur im Inland garantiert wird.).
Günter Litfin war 24 Jahre alt (geb. 19. Januar 1937), als er am 24. August 1961 beim Fluchtversuch von der Transportpolizei entdeckt wurde, in den Humboldthafen sprang und schwimmend versuchte die Westberliner Seite zu erreichen. Nach Warnschüssen wurde er durch gezielte Schüsse getötet. Die Wasserfläche des Hafens gehörte zu Ostberlin. Westberlin begann erst an der Ufermauer. Dort hatte sich eine wachsende Menschenmenge versammelt, die die stundenlangen Bergungsarbeiten beobachtete.
(Moabit Online, Bericht im Deutschlandradio über die Stasi-Machenschaften, Litfin als homosexuellen Kriminellen zu diskreditieren.)
Den Gedenkort von 1962 muss es 1967 auch gegeben haben:
[Peter Fechtner] wurde am 17. August 1962 von Grenzsoldaten der DDR erschossen, als er versuchte, die Mauer Richtung West-Berlin zu übersteigen. [...]
West-Berliner Bürger, die das Geschehen beobachtet hatten, legten am gleichen Tag Blumen und Kränze an der Mauer nieder und richteten einen Gedenkort ein, der bis heute besteht.
Jegliche Überraschung über die Machenschaften der Stasi und Ostberlins wirkt, nun, geheuchelt.
Anm.: Die FAZ kommt heute zu einem ähnlichen Schluss:
Diese Geschichte, die jetzt in Leitartikeln und Feuilletons allseits nachgebetet wird, ist nicht dadurch falsch geworden, dass die Wahrheit über Kurras herausgekommen ist.
Sie war schon immer falsch.
antibuerokratieteam.net





Liebe Dagny,
aus meiner Sicht ist der Kardinalfehler, den viele damals gemacht haben, daß sie die Erschießung von Benno Ohnesorg nicht als das sehen wollten, was sie war – die Tat eines Einzelnen.
Es gab niemals den geringsten Hinweis darauf, daß die Polizeiführung, daß der Innensenator oder gar der damalige Regierende Bürgermeister, der eher linke Pastor Albertz, in irgend einer Weise involviert gewesen waren. Dennoch war überall vom Polizeistaat die Rede, von der Rückkehr der Faschisten usw. Gudrun Ensslin hat erklärt, jetzt müsse man sich bewaffnen, um den Faschisten zuvorzukommen; so ungefähr.
Ich habe das schon damals nicht verstanden. Ich hielt die offizielle Version für glaubhaft, wonach Kurras in Panik geraten war und in vermeintlicher Selbstverteidigung (“Putativ-Notwehr”) geschossen hatte.
Nachdem jetzt bekannt ist, daß er ein Waffenexperte war und ein eiskalter Spion, erscheint mir diese Panik-Theorie unglaubhaft. Vermutlich würde nur er selbst aufklären können, was wirklich vorgegangen war.
Jedenfalls hatte der Berliner Senat, hatte der Staat Bundesrepublik damit nichts zu tun.
Aber es herrschte damals bereits vor der Demo eine nachgerade paranoide Verdächtigungshaltung gegenüber dem Staat, dem man alles Schlechte und Schlimme zutraute. Nur so ist es meines Erachtens zu erklären, daß die Tat eines Einzelnen in wahnhafter Weise als Angriff des Staats auf die Freiheit umgedeutet wurde.
Übrigens bin ich der Meinung, daß auch heute unser Staat, der seine Bürger ja nicht bedroht, von vielen viel zu negativ gesehen wird. Ich fürchte, wenn heute etwas Ähnliches passierte, würden wiederum viele den Staat verantwortlich machen.
Herzlich, Zettel
@dagny
Soll ich mich für die Blumen bedanken, oder hast du das gar nicht auf mich bezogen ;-)?
@Rayson
Jedenfalls hast du meine Gedanken gut getroffen, auch wenn ich vermute, dass du knapp über 30 sein könntest ;)
@Zettel
Ja und nein. Eine Einzeltat, (muss liberales Rechtsverständnis nicht a priori immer von individueller Schuld und Verantwortung ausgehen), aber wenn man liest wie der Prozess ablief….
Prozesse gegen Polizisten sind immer schwer. “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” steht genauso schnell im Raum wie “Sie sind gegen den Kollegen jetzt extra hart um ja keine Zweifel an der Unabhängigkeit aufkommen zu lassen”.
Die SZ schreibt einen Bericht, der aber Ihrer These entgegen käme.
http://www.sueddeutsche.de/politik/33/470579/text/5/
Ein Waffen- und Ordnungsfanatiker bei der Polizei, dem seine Macht zu Kopf steigt. Nicht unplausibel, eigentlich banal.
@Zettel
Offensichtlich haben Sie nie die Zeugenaussagen zu den Vorgängen am 2. Juni 1967 gelesen. Anders kann ich mir diesen haltlosen Unfug nicht erklären, den Sie hier schreiben. Allein bei Wikipedia gibt es zahlreiche Aussagen der Staatsbediensteten, dass eine Eskalation gewollt erzwungen werden sollte.
@dagny t.
Was hat die Stasi mit dem Tod Ohnesorgs zu tun? Ich habe das Gefühl, dass sich die alte BRD im Nachhinein einen “Freispruch” verpassen will, weil da ja ein Stasi-Mensch geschossen hat. Erstens war Kurras ein IM. Zweitens haben alle bundesrepublikanischen Verfassungsschutzorgane versagt, wenn ein IM so lange -trotz einer “Untersuchung” eines Tötungsdeliktes – unentdeckt im Dienst verbleiben kann. Und Drittens hat die BRD durch ihre aggressive Polizeistrategie, gezielte Unterlassung von Hilfemaßnahmen gegen prügelnde Jubelperser und Verhinderung von Rettungsmaßnahmen und der Verunglimpfung der Demonstranten direkt darauf hingewirkt, dass die gesamte Studentenbewegung sich zwangsläufig radikalisieren mußte. Vielleicht sollten Sie noch einmal die damaligen Ereignisse komplett für sich aufrollen?
Freigesprochen wurde Kurras aber, weil der BRD-Staat glaubte “Das ist unser Schweinehund”, und jetzt stehen eben nicht nur die 68er als die Bekloppten da, sondern auch die altrechten Justizkreise der Kiesinger-Republik! Eine Ohrfeige für linke wie rechte Etatisten!
Jetzt ist es raus! Die armen Studenten wurden in den in den Terror gezwungen. Alles war eine perfide Strategie des faschistischen Polizeistaates, um die radikale Linke zu diskreditieren *lol*
Ja, da hast Du nicht unrecht, DDH. Ein Streit unter linken vs. konservativen Etatisten – da darf man sich als Liberaler nichts vormachen. Unabhängige Justiz – Fragezeichen?
(OT: Ist aber gerade wieder in Mode, siehe Sotomayer, Justizia die Augenbinde abzunehmen und politisch bzw. soziologische Urteile zu fällen)
Im übrigen liegt der Skandal darin, daß ein Staatsbüttel immer anders behandelt wird, wenn er jemanden in seinen Rechten verletzt als ein Privatmann in zivil. Dieser a-priori-Unterschied in der Bewertung einer Handlung, je nachdem, ob im Namen des Staates (welchen Staates auch immer!) begangen oder auf eigene Rechnung! Das ist der fundametale Unterschied, auf den auch David D. Friedman in “Das Räderwerk der Freiheit” hinweist: die abweichenden Folgen wenn ein Polizist “irrtümlich” jemanden erschießt ggü z.B. mir wenn ich ganz ausversehen mal jemanden erschieße.
Und was ist mit Peter Urbach? Der erste, der die radikale Linke zur Gewalt anstachelte war ein bis heute unauffindbarer Verfassungsschützer! Der Anstifter der Solingen-Nazi-Menschenanzünder, Leiter einer Kampfsportschule, Anfang der 90er Jahre, war ebenfalls V-Mann dieser Skandalbehörde! Und der islamistische Aufheizer der Sauerlandgruppe, wie kürzlich der stern enthüllte, ebenso. Etatismus ohne Beschaffungsextremismus? Undenkbar!
Lieber Zettel,
ich mag zwar eigentlich nicht mit rüpelhaften Kommentatoren in einer Reihe stehen, aber ich sehe [nach meinem Kenntnisstand] auch einen Teil der Schuld bei der Staatsmacht. Die Sicherheitskräfte haben die prügelnden »Jubelperser« aus dem Iran wohlwollend gewähren lassen. Damit konnte der berechtigte Eindruck entstehen, dass die Polizei Westberlins auf der Seite der Repression im Iran steht und selbst Repression gegen die Leute ausübt, die zunächst nur ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen wollten.
Ich war ja selbst Augenzeuge, als in Dresden 1989 auf die Demonstranten eingeprügelt wurde. Ich sehe schon eine gewisse geistige Verwandtschaft zwischen prügelnden Polizisten auf beiden Seiten der Mauer, die beide ganz genau wissen, dass ihnen kaum eine Konsequenz aus der willkürlichen Anwendung von Gewalt droht.
Herzliche Grüße
Stefan
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Richtig, daher ist es auch unerheblich, ob Kurras im Auftrag der SED handelte oder nicht.