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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

FDP Bildungspolitik wirkt

dagny t., 19.08.2009

An vielen Hochschulen in Bayern entscheidet ab sofort nicht mehr der
bayerische Wissenschaftsminister, sondern die Präsidentin oder der
Präsident der jeweiligen Hochschule über die Berufung von Professorinnen
und Professoren. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch: “Dieser
Schritt bedeutet für die Hochschulen mehr Autonomie. Dass die
bayerischen Hochschulen ihre Professorinnen und Professoren künftig
selbst berufen können, stärkt sie im nationalen wie internationalen
Wettbewerb um die besten Kräfte – durch mehr eigenverantwortliche
Steuerung und auch durch ein beschleunigtes Berufungsverfahren.”
Gleichzeitig betont der Minister, dass ihm der direkte Kontakt wichtig
sei und bleibe: “Ich werde die neu berufenen Professorinnen und
Professoren wie bisher bei einem jährlichen Empfang persönlich
begrüßen.”

Dies ist zu Begruessen. Die FDP-Bildungspolitik zeigt Wirkung, den Universitaeten wird mehr Autonomie, Eigenverantwortung und Freiheit zugestanden. Natuerlich wird es anfaenglich Fehler geben werden, aber ich bin mir sicher, dass die Dekane, Professoren und Studenten in den Entscheidungsgremien der Unileitung schon auf die Finger schauen werden um die Qualitaet der Berufungen sicherzustellen.

Die Änderung des Berufungsverfahrens wird durch eine Erprobungsklausel
im bayerischen Hochschulrecht ermöglicht: Jede Hochschule kann danach
eine Übertragung des Berufungsrechts auf Probe beantragen. Mit einer
heute in Kraft getretenen Verordnung wird das Berufungsrecht für
zunächst vier Jahre vom Wissenschaftsminister auf diese Hochschulen
delegiert. “Ich habe volles Vertrauen in die Hochschulen”, so Heubisch.
“Selbstverständlich werden wir die Auswirkungen dieser Übertragung aber
auch evaluieren. Ein besonderes Augenmerk werden wir dabei darauf haben,
wie sich die Berufung von Professorinnen und die sogenannten
Hausberufungen entwickeln.” Erst auf Grundlage des
Evaluationsergebnisses werde der Gesetzgeber dann über die künftige
Handhabung entscheiden.

Wollen die Hochschulen weiterhin gutes Personal auch von ausserhalb Europas anlocken, dann kann das nur ueber Spielraeume bei Vertragsgestaltung, Gehalt, Stellen fuer Partner oder Partnerinnen etc. pp. geschehen. Mehr Autonomie und Dezentralisierung schaden hier keineswegs. Bayern (und auch Hessen) ist auf gutem Weg.

[Beide Zitate aus der Pressemitteilung Nr. 105/2009 des Bayerischen Staatsministeriums für
Wissenschaft, Forschung und Kunst vom 19. August 2009]



14 Kommentare zu “FDP Bildungspolitik wirkt”

  1. Zettel

    Sicherlich ein richtiger Schritt, liebe Dagny, dessen Bedeutung man aber nicht überschätzen sollte.

    In den allermeisten Fällen haben auch bisher schon die Kultus- bzw. Wissenschaftsminister den jeweils Erstplazierten der Berufungsliste berufen und, falls dieser absagte, die Liste weiter abgearbeitet. Ich weiß aus eigener Kenntnis von keinem einzigen Fall, wo anders verfahren worden wäre.

    Viel wichtiger wäre es zur Beschleunigung der Berufungsverfahren, die rigiden Vorschriften zB über die Berücksichtigung von Frauen und das Einholen von Gutachten abzuschaffen. Was es da an Absurditäten gibt, kann man sich kaum vorstellen.

    Zum Beispiel gibt es Bundesländer, in denen verlangt wird, daß prozentual so viele Frauen zu einem Probevortrag (“Vorsingen”) eingeladen werden müssen, wie sich auf die Stelle beworben haben.

    Auch wenn die Kommission aufgrund der Unterlagen der Überzeugung ist, daß keine der Bewerberinnen in Frage kommt, muß also dennoch eine bestimmte Zahl von Frauen eingeladen werden. Eine reine Farce.

    Ebenso unsinnig sind in der Regel die vergleichenden Gutachten, bei denen der Gutachter fast stets mit viel argumentativem Aufwand zu dem Ergebnis kommt, daß die von der Kommission beschlossene Reihung genau der Qualifikation der Betreffenden entspricht. ;-)

    Herzlich, Zettel

  2. F. Alfonzo

    Wer über die Berufung entscheidet, ist/war meiner Erfahrung nach nicht wichtig, du hast das zentrale Problem selbst genannt:

    Es gab in der Vergangenheit eher einen ‘Nettoverlust’ von Akademikern. Zumindest in meiner Fakultät war es so, dass ein Asi, der nach Harvard o.ä. gegangen ist, seither nie wieder gesehen wurde.

    Mehr Spielräume bei der Vertragsgestaltung sind hier der springende Punkt; so würden auch die Studiengebühren (selbst, wenn sie noch höher wären) durchaus Sinn machen.

  3. Dagny

    Vielen Dank fuer die weiteren Stilblueten des Berufungsunwesen. Aus meiner Zeit in den Gremien einer bayerischen Uni kenne ich zwar vieles, aber bei weitem nicht alles, was Sie genannt haben.

    Ab einer gewissen Stufe ist es schwer, eine Frau begruendet abzulehnen. Frauen werden deshalb aus Angst vor der Frauenbeauftragten nicht in die Endrunde geladen, wenn sich abzeichnet, dass sie nur auf 2-3 kommen wuerde.

  4. Kalle Kappner

    Cem Özdemir kommt da zu anderen Ergebnissen:

    http://www.oezdemir.de/show/2699625.html

  5. dagny t.

    Schon witzig, wie Ozdemir sich abmueht, Stipendien fuer Hochbegabte irgendwie mit Obama in Verbindung zu bringen. Oder mit Bush. Oder mit beiden.

  6. Christian S.

    Ebenso unsinnig sind in der Regel die vergleichenden Gutachten, bei denen der Gutachter fast stets mit viel argumentativem Aufwand zu dem Ergebnis kommt, daß die von der Kommission beschlossene Reihung genau der Qualifikation der Betreffenden entspricht.

    Ich habe schon die gegenteilige Erfahrung gemacht und es mussten weitere Bewerber eingeladen werden (Baden-Württemberg).

    Das System ist schon ziemlich ok, so wie es ist, würde ich sagen.

  7. dagny t.

    Das System ist schon ziemlich ok, so wie es ist, würde ich sagen.

    Ach, woran machst Du das denn fest? Ich kann Dir ellenlang uber die Probleme und Schwierigkeiten von (Natur-)Wissenschaftlern mit der deutschen Universitaetsbuerokratie erzaehlen.

  8. Zettel

    Lieber Christian S.,

    Sie haben Recht, es kommt gelegentlich vor, daß vergleichende Gutachten von der Reihung der Kommission abweichen.

    Das bringt dann eine Menge Ärger; bis hin zum Scheitern des Verfahrens.

    Wie sieht es mit der Validität solcher abweichender Gutachten aus? Im allgemeinen schlecht, nach meinen Erfahrungen.

    Zum einen ist “Qualifikation” ein vager Begriff. Eine Kommission gibt sich vielleicht Mühe, die Leistungen eines Bewerbers im Einzelnen zu würdigen. Der Gutachter zählt aber einfach die Zahl der Publikationen und kommt so zu einer abweichenden Beurteilung.

    Zweitens entscheiden Kommissionen, wenn sie vernünftig arbeiten, nicht nur nach dieser abstrakten “Qualifikation”. Eine Rolle spielt auch, wie gut jemand in die Fakultät paßt, welche Beiträge er zur Lehre leisten kann, welche Kooperationen mit ihm möglich sind usw.

    Ein wichtiger Faktor ist für jede Kommission auch, ob der Betreffende einen Ruf überhaupt annehmen würde. In jedem Fach kennt man diejenigen, die seit Jahrzehnten irgendwo ihr Häuschen haben und von denen man weiß, daß sie nie weggehen würden. Sie bewerben sich aber ständig in der Hoffnung, einträgliche Bleibeverhandlungen führen zu können.

    Solche Gesichtspunkte berücksichtigen externe Gutachter im allgemeinen nicht.

    Über den dritten Punkt wird selten offen geredet, aber jeder, der mit der Sache vertraut ist, kennt ihn: Berufungslisten werden auch nach forschungspolitischen Gesichtspunkten zusammengestellt. Die Liste ist oft ein Kompromiß zwischen den Befürwortern der einen oder der anderen Richtung. Manchmal unterliegt aber auch eine Richtung. Wenn es den Unterlegenen nun gelingt, einen Gutacher ihrer Richtung durchzubringen, dann kann dieser – da wird auch fleißig telefoniert – zumindest verhindern, daß die Liste durchgeht.

    Ich kenne, lieber Christian S., wenige Fälle, in denen externe Gutachen wirklich hilfreich waren.

    Und dann kommt noch dazu, daß es in Deutschland eingerissen ist, daß die Gutachter einen immensen Aufwand betreiben. (Ganz anders als in vielen Ländern, wo der Gutachter in ein paar Sätzen schreibt, wie er die Leistung eines Kandidaten einschätzt). Was da an Arbeitszeit von Hochschullehrern verpulvert wird, das ist schon eindrucksvoll.

    Herzlich, Zettel

  9. dagny t.

    Guter Hinweis. Einmal war die Berufungskommission ueber das ‘Take her, she’s the best you can get’ zwar sehr erfreut, traute sich aber nicht dieses Gutachten an das Ministerium weiterzuleiten.

  10. alex

    Also ich wähle FDP – ohne mit der Wimper zu zucken.

  11. BlackEye

    Die TU Darmstadt verfügt übrigens ebenfalls über eine weitreichende Autonomie.

    Generell gilt für die Bildung das Gleiche wie für das Gesundheitssystemund andere bereiche: Weniger Bürokraten, mehr Wissenschaftler/Ärzte/ usw. Denn die Letzteren können in der Regel auch den Papierkram effizienter gestalten.

  12. DDH

    Das System ist schon ziemlich ok, so wie es ist, würde ich sagen.

    Das Credo des Christian Soeder! Das Elend des deutschen Sozialdemokratismus in 13 Worten untergebracht. Ad sinistram und andere veritable Linke helft!

  13. Christian S.

    Jaja, schon recht. Hauptsache, einen Satz sinnentstellend zitiert. Ich bin für echte (!) Ganztagsschulen, Gesamtschulen, Kindergartenpflicht, verpflichtende Deutsch-Kurse, kostenlose Bildung lebenslang. Das ist erstmal genug Systemänderung, finde ich.

    Wenn die Wissenschafts-Community nun überwiegend erklären sollte, dass die Berufungsverfahren reformiert gehören, warum nicht? Bisher habe ich aber nichts dergleichen gehört, zumindest nicht in Baden-Württemberg. Und ich finde, wenn etwas funktioniert, sollte man es nicht ohne Not ändern. Was dabei rauskommt, sieht man ja an der Bachelor/Master-Umstellung. Gut gemeint, schlecht gemacht.

  14. Kurt

    Nicht nur an Unis, in der ganzen EU sollte es echte Wahlfreiheit geben:
    http://www.freiewelt.net/blog-694/ich-hab%60-von-der-eu-getr%E4umt.html

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