Als ich diesen nicht neuen libertären, doch für die meisten Ohren nach wie vor mehr als provokativen Satz zum ersten Mal hörte, und, noch vor Jahren selbst über ihn erschrak, da fiel mir sofort Reinhard K. Sprenger ein, der in seinem 2006er Bestseller „Der dressierte Bürger“ von der Vorstellung spricht, Steuern und Abgaben zahlen bzw. Geld für öffentliche oder soziale Angelegenheiten hergeben könne auch freiwillig geschehen. Richtig gelesen: FREIWILLIG!

Ein Gedanke, der utopisch erscheint, aber doch sympathisch ist. Sollte es denn so absurd, so naiv sein? Wie wäre es denn, wenn…

… ich über jeden Euro, den ich 1: 1 für meine Arbeit erhalte, selbst entscheiden könnte,

… ich nicht (etwa als Unternehmer) als Komplize für den Staat meinem Kunden die Mehrwertsteuer auf meine eigene Rechnung setzen muss (und sie dadurch in ihrer psychologischen Wahrnehmung ungewollt erhöhe)

… jede Sicherheit für mein Leib und Leben, eine funktionsfähige Justiz, eine gute Infrastruktur und alles Soziale mit davon abhinge, ob und wie ich meinen Beitrag leiste,

… wenn ich anhand allfälliger Preise sehen könnte, was innere und äußere Sicherheit, unabhängige Gerichte, neue Straßen und die Versorgung Notleidender, also alles Öffentliche wirklich wert sind

… der Staatsapparat von der ihm aufgebürdeten gesetzlichen Pflicht enthoben wäre, den „Finanzbedarf“ eines 80-Millionen-Haufens überhaupt zu ermitteln, einen Haushalt „aufzustellen“, Steuern festzusetzen und zu erheben und Steuerschulden einzutreiben,

… es keine überlasteten Finanzbehörden mehr gäbe, sondern jeder selbst in privatwirtschaftlich verwaltete, nach Marktgesetzen handelnde Fonds einzahlt und diese je nach seinem selbsteingeschätzten Bedarf „subventioniert“ (geht doch auch, wenn ich auf ein Haus spare),

… Staatsbedienstete, Polizei, Bundeswehr, Justiz, Verkehr, Sozialhilfe für Bürger in Notlagen und ein wettbewerbsfähiges Grundangebot an Bildung nur und erst dann Gelder erhalten, wenn sich ihre Dienstleistungen als besser als jedes rein private Engagement auf diesen Feldern erweisen,

… nicht das natürlicherweise zur Allwissenheit unfähige Regierungspersonal, „steuerliche Anreize“ meint setzen zu müssen – und auch diese Leute endlich wahrhaft vom schiefen Anspruch des „nun-macht-doch-was“ entlastet werden,

… Politiker einfach nicht mehr den Reiz der Macht hätten, demokratische „Geschenke“ je nach Lautstärke ihres Klientels zu verteilen,

… Steuerfahndern und Betriebsprüfern das gesetzlich vorgeschriebene Herumschnüffeln erspart bliebe, das Bürger im Voraus zu Noch-nicht-Kriminellen macht, was uns ganz nebenbei Milliarden von Misstrauens-Geldern wieder ins Land brächte,

… wir darauf vertrauten, dass der Mensch – selbst als Bürger einer komplexen, hoch arbeitsteiligen Gesellschaft – weder gut noch schlecht ist – sondern, so oder so, ohnehin mündiger Entscheider in eigener Sache ist.

Man könnte es ja wenigstens einmal versuchen. Kann eh nur besser werden. Ich mag nicht glauben, dass das an die weiße Wand geredet ist. – Aber wir wissen ja: Wer Macht hat, ist nicht auf Geldverdienen angewiesen. Er erhebt Zwangssteuern. Frei-Willigkeit setzt also Macht-Losigkeit voraus. Und Macht holt man sich, oder man bekommt sie verliehen. Ich denke, es wird höchste Eisenbahn, mit dem „Verleihen“ mal vorsichtiger zu sein.

[Dieser Beitrag erschien am 05.12.2005 auf F.M.R.; ich gebe ihn hier leicht verändert wieder.]