Nun musste sich die FDP auf einen Kompromiss mit der Union verständigen: Die Wehrpflicht wird nicht ausgesetzt, wie von den Liberalen im Wahlkampf gefordert, geschweige denn, abgeschafft – nein, die Dauer des abzuleistenden Dienstes wird einmal mehr verkürzt, von derzeit neun auf künftig nur noch sechs Monate.

Kritiker wie Befürworter staatlicher Zwangsdienste berufen sich in der Diskussion so traditionell wie praktisch ausnahmslos auf reine Kosten-Nutzen-Argumente. Für die einen breche der billige Zivildienst weg (Rotes Kreuz), für andere stünde die Bundeswehr vor ihrer Meinung nach praktisch nicht zu bewältigenden Aufgabe, plötzlich selbst für Nachwuchs an Zeit- und Berufssoldaten sorgen zu müssen (man fragt sich dabei, wie das etwa Polizei, Feuerwehr, THW, städtische Verkehrsraumüberwachung, Schützenvereine und andere Institutionen in der Vergangenheit hinbekommen haben…). Rühmliche Ausnahme: Es war die FDP, die zu Recht mit dem Hinweis auf die fehlende „Wehrgerechtigkeit“ (nur noch 15 Prozent eines tauglichen Jahrgangs konnten 2008 einrücken) ein rechtspolitisches Argument ins Feld geführt hatte.

Doch die Kosten-Nutzen-Argumentation ist die denkbar schlechteste, wenn es darum geht, Gesetze auf ihre Tauglichkeit zur allgemeinen Freiheitssicherung hin zu überprüfen.

Der Liberalismus lehrt uns, dass staatlicher Zwang dann und nur dann gerechtfertigt ist, wenn er zur allgemeinen Rechtssicherung der Bürger erforderlich ist. Allgemeine Rechtssicherung kann dabei nur heißen: Sicherung der gleichen Freiheitssphären für jeden Einzelnen, und Sicherung dieser Sphären nicht nur vor dem willkürlich Zugriff anderer, sondern auch vor Übergriffen staatlicher Instanzen. Letztere sind im übrigen untrügliches Kennzeichen dafür, dass ein Staat aufhört, Staat zu sein. Man muss nicht mehr etwa an eine GeStaPo erinnern, damit dies dem aufgeklärten Bürger im Rechtsstaat klar ist. Zur Rechtssicherung gehört ausdrücklich auch die Sicherung nach außen (solange es keinen Weltrechtsstaat gibt, vgl. dazu Kant, Zum Ewigen Frieden) sowie das globale Eintreten für Recht und Freiheit für alle Menschen. Die wichtige Frage, ob das im Einzelnen auf militärische Weise geschehen kann (Afghanistan zum Rechtsstaat verhelfen) oder muss (Hitler besiegen, II. Weltkrieg beenden), gehört zum laufenden kritischen demokratischen Diskussions- und Entscheidungsprozess.

Doch die scheinbar endlose und zum Überdruss geführte Wehrpflichtdiskussion rührt tiefer. Sicher: Es gibt durchaus eine ganze Reihe zulässiger sicherheitspolitischer Erwägungen für oder gegen den Zwangsdienst an der Waffe. Doch wenn man, wie ich, die Bundeswehr gut von innen kennt, dann hat das Festhalten gerade konservativer und militärischer Kreise am Zwangsdienst einen weiteren Grund: Es ist das unausgesprochene, obrigkeitsstaatliche und nur noch psychologisch zu erklärende Motiv des puren Machtanspruchs von Menschen über Menschen. Wer Zwang ausübt, beweist: Ich bin oben, du bist unten, und wenn isch will, mach‘ isch disch platt, klar! …. – Freilich geschieht dies in einem gebildeten, zivilisierten und hoch arbeitsteiligen Gemeinwesen auf eher subtile Art, auf eine durch und durch bürokratische und heute doch leise Art. Aber es geschieht; es tut heute nicht einmal mehr weh, nichtmal auf Kasernenhöfen und Hindernisbahnen. Manchen macht es sogar Spaß, gestriezelt zu werden. Militärischen Drill ertragen zu haben, gehört zu einem archaischen Männlichkeitsritual, inzwischen von Frauen adaptiert, mit dem sich noch Jahrzehnte später bei Bier und Pfeife ordentlich prahlen lässt („Weißt du noch, Karl, [oder Jessica] als uns damals der Oberfeldwebel…. „). Für nicht wenige hohe Offiziere und militärische Vordenker war und ist die Auffassung lebendig, nur der Zwangsdienst möglichst vieler junger Menschen „erzöge“ sie zu ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft.

Mit welchem Recht also Wehrpflicht? – wenn die sicherheits- und damit rechtspolitische Lage in Deutschland für diese keinen legitimen Grund mehr abgibt? Als Liberaler möchte ich nicht in einem Staat leben, der glaubt, er könne aus anderen als legitimen Gründen nicht auf den Zwangsmilitärdienst verzichten. Ich möchte in einem Staat leben, der von der freien Überzeugung seiner Bürger getragen ist, von der Überzeugung, dass Rechts-Mündigkeit aus Selbstbildung und Eigenaufklärung und aus Freiwilligkeit kommt, und nicht vom Uniformtragen, Antreten, kilometerlangen Leistungsmärschen und Essen von EPAs… vielleicht ist der erste Weg viel mühsamer, aber er ist nachhaltiger, und er wäre einzig menschengemäß.