Das obligatorische Anbringen religiöser Symbolik in Staatsschulen verletzt die Religionsfreiheit der Schüler und beschränkt unzulässig das Recht der Eltern, ihre Kinder in Übereinstimmung mit ihren Überzeugungen zu erziehen, sowie „das Recht der Kinder, zu glauben oder nicht zu glauben“. Mit dieser Entscheidung gab der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte der Beschwerde einer Mutter zweier Kinder statt, die zuvor vor dem italienischen Verfassungsgericht gescheitert war. Die Regierung in Rom wurde zur Zahlung einer Entschädigung von 5000 Euro verurteilt.

Dass sich deshalb klerikale Parteigänger aller Art, auch hierzulande, veranlasst sehen, wohlfeil von Kultur, Identiät, Werten und all den wichtigen Dingen zu schwadronieren, die nur durch die jeweilig regional vorherrschende Religion – also ihre – entstehen und bestehen könnten, will ich hier nicht weiter kritisieren. Haken wir das laute Jammern über den Untergang des Abendlandes unter Lobbyarbeit ab. Wenn sich Politiker der Gerechtigkeitspartei über das Kopftuchverbot an türkischen Universitäten echauffieren oder christliche Fundis in den USA über die Lehrpläne staatlicher Schulen, gehört das in die selbe Kategorie.

Eine Anmerkung zum Thema „christlich-abendländisches Wertefundament“ erscheint mir aber schon angebracht: Laizismus und Aufklärung – mithin das staatliche Neutralitätsgebot – beruhen in der Tat ebenso auf christlich-abendländischen Traditionen wie die europäischen Religionskriege, religiös motivierte Vertreibungen und andere Formen kirchlich angeordneter Intoleranz unter dem Zeichen des Kreuzes. Es geht also vorrangig um die Entscheidung, auf welche Traditionslinie(n) man sich beziehen will, nicht um eine „Abkehr von gemeinsamen Werten“.