Schirrmacher: Blumenvasen machen dumm
M.M., 27.11.2009
Eigentlich hätte ich noch genügend Zeit gehabt, vor dem Kauf des neuesten Schirrmachers auf die Bremse zu treten. Die Schlange vor mir war ziemlich lang.
Denn ich las, während ich wartete, unter dem grossen Titel “Payback” auch das Kleingedruckte, was ja bei jedem Versicherungsvertrag das eigentlich Wichtige ist:
Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.
Dieser Satz ist nun wahrlich keine Offenbarung. Der läuft unter der Kategorie “Hund schifft an Laternenpfahl”. Delete “Informationszeitalter”, paste “Kapitalismus”, zum Beispiel.
Was mich dann als nächstes ärgerte an dem Buch, war der Preis. Hätten wir den Euro, hätte ich doch glatt so um die fünf Franken weniger bezahlt.
Gestern Abend habe ich die 226 Seiten durchgelesen, im Bett.
Wobei, ich gebe es zu, ich zwischendurch wegdöste und sich in meinem Kopf Schirrmachers Internetkritik mit Traumfetzen meines Hirns zu eigenenartigem Gedankenmüll ver-Brei-ten.
Und in der Tat waren diese Übergänge zwischen Wachsein und Traum, wo du nicht weisst, bist du jetzt hier oder schon dort, einiges mitreissender als das Wachwelt-Buch.
Der Inhalt ist kurz zusammengefasst der:
DAS INTERNET MACHT DUMM, WEIL MULTITASKING UNSERE DENKBAHNEN SCHARF BREMST, WESHALB WIR NOCH MEHR COMPUTER EINSETZEN MÜSSEN UM WIEDER IN DIE GÄNGE ZU KOMMEN, WAS WIEDERUM DAZU FÜHRT, DASS WIR SELBSTSTÄNDIGES DENKEN VERLERNEN.
Und, Hilfe, unser Hirn verändert sich. Mehr ist da nicht.
Ha, aber dann kommt’s, auf Seite 177. Da schreibt Herr Schirrmacher über das ÜBERRASCHENDE, welches zu “unerwarteten Ausnahmeverletzungen” führt.
Was er dann weiterschreibt, ist nicht so wichtig, auch nicht das zuvor. Ja selbst das Zitat kann der geneigte Leser vergessen.
Vielmehr ist es so, dass ich mich bis zur Seite 177 immer mal wieder gefragt habe, weshalb Herr Schirrmacher dieses Buch geschrieben hat.
Auf Seite 177 zog die Antwort vor meinem inneren Auge (das es gar nicht gibt) in blinkender Leuchtschrift vorbei: Wegen seiner Zeitung.
Die fährt bekanntlich diese Kampagne “Dahinter steckt immer ein kluger Kopf” und verliert trotzdem an Auflage.
Schirrmachers Buch ist Teil dieser FAZ-Kampagne. Denn Herr Schirrmacher ist der Meinung, wer online News konsumiert, daneben seinen Kaffee trinkt, noch kurz die E-Mails checkt und unten rechts einen Blick aufs Twitterfenster wirft (Multitasking), verdummt.
Wer aber Zeitung liest, sich also in seiner “täglichen Routine stören lässt”, der gehört zu denen, die Wissen “in den Köpfen speichern und nicht im Computer”. Leider kommt in diesem Buch mein Lieblingswort “Qualitätsjournalismus” nicht vor (das erinnert mich immer an die “Goldwurst” von unserem Dorfmetzger Jenzer).
Hula hoop macht unfruchtbar, haben sie uns seinerzeit eingetrichtert und der Twist bringt einen auf anstössige Gedanken. Fernsehen verblödet, die Beatles und die Rolling Stones sowieso.
Und dann gab es noch etwas, was angeblich zur Hirnschrumpfung führen soll.
Ich weiss es besser.
Und jetzt sagt Herr Schirrmacher, das Internet verblöde. Hätte er statt eines Bildschirms den ganzen Tag eine Blumenvase vor sich stehen, wäre halt die Schuld, dass Herr Schirrmacher in letzter Zeit etwas unkonzentriert ist.
Aber es wäre – zumal aus seiner Feder (schön, nicht) gewiss auch ein Buch, dass in ganz Deutschland zu angeregten Diskussionen führen würde. Titel:
Blumenvasen machen dumm.
antibuerokratieteam.net





Naja, da verdummt man doch gerne, oder?
Kommt auf die Blumen an. Vasen, bei denen es auf die Vase ankommt, kann sich ja niemand mehr leisten.
Grandios geschulterter Elefant! :-D
Wer den Rezensionen folgt, darf feststellen, dass der FAZ-Mitherausgeber eines der dümmsten Bücher des Jahres geschrieben hat.
Überhaupt ist bei der FAZ seit vielleicht 5 Jahren deutlicher Abbau festzustellen.
;-))))
Muss aber doch ziemlich spannend gewesen sein, oder? Wie sonst liest einer 226 Seiten an nur einem Abend im Bett, ohne vom Schlaf übermannt zu werden? Sind die humanoiden Speicherkapazitäten bei den Schweizern grösser als bei den Deutschen?
Es ist lange her, dass der (verlags-)unabhängige und vom Internet noch völlig unbeleckte Horkheimer (‘Frankfurter Schule’, you know?) derart über Information sinnierte:
“Schon Seneca hat es gewußt: eine große Bibliothek, so meint er, wirkt nur verwirrend; man soll sich nur mit wenigen guten Schriftstellern befassen. Heute gibt es so viel Lesestoff, daß er Menschen daran hindert, selbständig zu denken. Obendrein geht die Qualität der Bücher andauernd zurück. Unter der heutigen Romanliteratur gibt es kaum ein Buch, das man ernst nehmen kann. Sie enthält Informationen aller Art, psychologische, soziologische, und bei den avanciertesten ist es nichts mehr als ein Stammeln der Verzweiflung. Populärwissenschaftliche Produkte gibt es in Massen, aber sie dienen letzten Endes der gedankenlosen Unterhaltung. Die Menschen in den westlichen Ländern werden mehr und mehr “informiert”, jede Illustrierte, die etwas auf sich hält, bietet stundenlangen Lesestoff. Aber über alle Dinge, auf die es in ihrem Leben ankommt, wissen die Menschen weniger und weniger und zum Nachdenken haben sie weder Zeit noch Lust.” (Gesammelte Schriften, Band 14)
Ist denn so gar nix dran an der Sache, die den Werber (?) Schirrmacher derart aufregt – dass er Sie wachhalten konnte :-) ?
Ob die Herausgeber der F.A.Z. stark genug sind, dies von einem Webbären ins Gesicht gesagt zu bekommen?
Bist Du sicher, dass die F.A.Z. an Auflage verliert? Auf welches Jahr ist das bezogen? Mir war eigentlich in Erinnerung, dass F.A.Z. und F.A.S. leichtes Wachstum aufweisen(?)
Du bist doch auch IT-Mensch, da wirst Du sicherlich die Dümmlichkeit des schirrmacherschen Vortrags ebenfalls klar erkennen können.
Die FAZ (in Printform – online wirds aber auch bei Journies wie Niggemeier oder Bahner schwerer) liest der Webbaer seit längerem nicht mehr, vernünftig, oder?
Ansonsten: Auflagen sinken im allgemeinen und begrüssenswerterweise stark, looky here: http://www.ivw.eu/ – FAZ hält sich vglw. stabil (im Abwärtstrend, könnte also schlimmer kommen, wird schlimmer kommen)
Kein Werber. Solche Bücher kann man im Schnellgang lesen. Da geht es nur darum, das Stückchen Fleisch am Knochen zu entdecken. Bin Schnellleser.
Ging schon um sieben ins Bett. Was ich im Winter oft mache. TV ist out. iphone liegt auf Nachttisch. Die Bücherwand befindet sich im sogenannten Schlafzimmer, nebst der Badewanne, um noch ein Boulevardfenster zu öffnen.
Ich bin verwirrt, Sie sind verwirrt, wir alle sind verwirrt. So what. Die Menschen waren schon immer verwirrt, deshalb haben sie in ihrer Not Gott und Götter erfunden.
Ein Tramchauffeur (ist das nur schweizerisch?), der mit seiner Strassenbahn durch den dichten Innenstadtverkehr zirkelt, verarbeitet mindest soviele Unbekannte wie Herr Schirrmacher vor seinem Computer. “Chauffeur” bedeutet übrigens Heizer. Der fuhr bekanntlich früher auf den Eisenbahnen mit.
Herr Schirrmacher ist ein brillanter Schaumschläger, ein fantastischer Zusammenfasser des Aktuellen. Ein Journalist halt. Wäre da nicht die FAZ, würde wohl kaum jemand von seinem Buch reden.
Herr Schirrmachers Schreibe ist immer so aufgeregt, irgendwie atemlos, gehetzt, so als hätter Angst, man würde mit Einwänden in seinen Wortschwall fallen. Seine Bücher sind laut.
Sein letztes Buch, Das Methusalem-Komplott, war von ähnlichem Kaliber. Hat mir nichts gebracht, aber mich bestätigt. Das ist doch auch was für CHF 21.50.
PS: Neben Stief Larsson (spannend) kann ich derzeit den neuübersetzten Simplicissimus empfehlen (ach Gott, den). Den verstehen jetzt auch Leute, die wie ich, mindestens acht Stunden vor dem Computer hocken. Dieses Buch ist leise.
Mit viel Zustimmung gelesen, danke – sowohl vom Informationswert wie auch von den privaten Enthüllungen her :-) ! Bei uns ist der ‘Chauffeur’, also Heizer, übrigens der Fahrer, wahrscheinlich deshalb, weil die Bahn hierzulande mit Strom fährt … mal den Steinbrück fragen (ach so … ), ob und wie lange das in der Schweiz noch so bleiben kann ;-) … ?
In der SZ heisst es über das Buch, es bringe ‘die digitale Debatte zwar auf den neuesten Stand, aber nicht weiter”; dann aber auch: “… erweitert die Debatte nun endlich um kluge Gedanken.” Und schliesslich: “Auch der Spagat, den Schirrmacher zwischen seinem kulturpessimistischen Ansatz und seiner eigenen Zukunftseuphorie macht, ist letztlich zu weit.”
Es kommt Ihnen also, wenn ich Sie richtig verstehe, auf ein (von Schirrmacher eben nicht geleistetes) leises Schliessen dieses Spagats an? Da bin ich dabei – obwohl: eigentlich bin auch Laut-Verstärkern (wie Schirrmacher) nicht abgeneigt, wenn es darum geht, ein schleichend offenkundig werdendes Problem in möglichst viele Köpfe zu hämmern – egal wie, von mir aus auch vom gehobenen ‘Boulevard’ her, damit auch solche sortieren und klar kommen können, die eben ein Sprach-Rohr (wie Schirrmacher) dazu brauchen :-) …
Das ist jetzt aber auch sehr schön gesagt. :-) Schönes Wochenende.
Danke, gleichfalls. – Ich lass mich gerade für € 17.95 bestätigen :-) …
Warum Blumenvasen? Ich denke eher an Goldfüller. Apropos: Gibt es schon eine Liste der Sünder?
Am Rande:
Glückwunsch an die Schweizer für die demokratisch beschlossene Einschränkung der freien Religionsausübung der Moslems. Aus liberaler Sicht gibt es hier zwar wichtigere Einschränkungen die genannte Personengruppe betreffend, aber immerhin!
Die Religionsausübung der Moslems ist nicht beschränkt worden, dazu hätte man auch nicht wirklich gratulieren können.
Wer Religionsausübung mit dem Bauen von Minaretten gleichsetzt, wird bald auch riesige von mir errichtete Phallussymbole und Vaginas im öffentlichen Raum akzeptieren müssen. Riesige, nackte, weibliche Körper in äußerst anzüglichen Posen. Das ist nämlich Teil meiner Religion, behaupte ich zumindest.
Oder eben überdimensionale Spaghettimonster.
Beschränkt wurde daher nicht die Religionsausübung, sondern einzig die Baufreiheit. Die Baufreiheit dürfte in der Schweiz allerdings so oder so schon ziemlich eingeschränkt sein. Genaueres weiss ich nicht, aber nimmt Deutschland als Vergleichsmaßstab (und in der Schweiz sieht es nun einmal ähnlich aus, was ja seinen Grund haben muss), so ist es mit der Baufreiheit nicht so weit her.
Zäune, Dächer, Fenster, Säulengänge… alles das muss dem vorherrschenden Geschmack entsprechen. Sonst “verunstaltet” es.
In einem Landeskommentar zur Bauordnung habe ich sogar einmal gelesen, dass selbst Architektur nach Hundertwasser “verunstalten” kann, es kommt eben immer auf das “Einfügen” in die Umgebung an.
Das Bauverbot ist – wenn man sich die überwiegende Architektur in der Schweiz anschaut, das deutsche Baurecht zum Vergleichsmaßstab nimmt und davon auf die Baufreiheit der Schweizer schließt, keine Revolution, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Warum sollten die Muslime solche Türme bauen können, die ein architektonischer Stilbruch sind? Die überhaupt nichts mit der Landschaft gemein haben? Die sich ganz und gar nicht in die Umgebung “einfügen”?
In Deutschland sollte man Minarette daher gar nicht verbieten müssen, sie sollten meines Erachtens – bei Anwendung gleicher Maßstäbe – längst verboten bzw. nie erlaubt gewesen sein.
DDH als Architekt weiß sicher mehr. Es wäre interessant mal einen Architekten dazu zu lesen.
Der Sicht, dass die freie Religionsausübung unbeeinträchtigt bleibt, wenn andere Aspekte dieses Zusammenhangs bearbeitet werden, schliesst sich der Webbaer, gerne an.
Man darf immer sagen können: “Eingeschränkt wird nicht die freie Ausübung des Islam, sondern nur dieses oder jenes.”, die freie Ausübung dieser Sache ist naturgemäss in jedem zivilisierten Land einzuschränken. Geschieht ja auch fortlaufend ohne dass das näher betrachtet und kommuniziert wird.
Am Rande:
Atatürk hat die Bärtigen demzufolge auch angemssen bearbeitet, BTW, die Türkei entwickelt sich wieder im Sinne der freien Religionsausübung. Schaun mehr mal, wann dieses Land aus der NATO austreten wird.