Standardsituation der Technologiekritik

02.12.2009 17:30 - dagny's tags by dagny t. - 8 Kommentare

Leseempfehlung, die gerade uber Twitter (dank RT von zeitonline) reinkam und die ich an unsere Leser dringend weitergebe: Die Standardsituationen der Technologiekritik.

  • Wofuer soll es gut sein?
  • Wer will denn so was?
  • Die Einzigen, die das Neue wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
  • Aber vielleicht geht es ja auch einfach wieder weg?
  • Statt der Existenz des Neuen kann man danach noch eine Weile dessen Auswirkungen leugnen. Etwa weil sich mit der neuen Technik kein Geld verdienen liesse.
  • Das Neue ist nicht gut genug und nicht 100% zuverlaessig.
  • Es ist unglaublich was das Neue in den Köpfen von Kindern, Jugendlichen, Frauen, der Unterschicht und anderen leicht zu beeindruckenden Mitbürgern anrichtet.
  • Es tauchen Etikettefragen auf, bei denen es sich strenggenommen nicht um Fragen handelt, denn sie werden weniger gestellt als ungefragt beantwortet. Unausgesprochen geht es letztlich darum, dass Gegner einer Neuerung nicht ungefragt mit ihr konfrontiert werden wollen.
  • Argument neun: ganz sicher aendern sich unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren.

Ob man den von Kathrin Passig aufgezeichneten Ausweg des Vergessens teilen will oder nicht sei dahingestellt. Die immer gleichen Argumentationsmuster der Technologiekritik sollte man als Fortschrittsoptimist jedenfalls nicht vergessen, auch wenn einzelne Punkte berechtigte Stolpersteine fuer Neues sind, welches es nicht in den Olymp des Anerkannten Klassikers schafft.

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8 Kommentare » Neuer Kommentar zum Beitrag

chriwi, 03.12.2009 07:37

Heute gibt es schon einige Neuerungen auf die, die ersten Punkte definitiv zutreffen. Das ist den kurzen Entwicklungszeiten geschuldet und/oder dem Nichtwissen der Langzeitfolgen (Gentechnik, Nanotechnologie).

So oder so 80% der Neuentwicklungen setzt sich in meinen Augen nicht durch. Auch die bessere Technologie setzt sich nicht zwangsläufig durch. Es setzt sich das durch, was verkauft werden kann. So lange man wählen kann die obigen Punkte auch egal. Schlimm wird es in meinen Augen wenn Technologien wie die Gesundheitskarte, oder Elena bei denen man nicht wählen kann. Solche Großprojekte können niemals ausgereift sein. Das ist das Gesetz der Komplexität.

Dagny, 03.12.2009 13:16

Hm, die Frage nach den Langzeitfolgen nehme ich noch in die Liste auf. Danke.

Medea, 03.12.2009 14:37 Subscribed to comments via email

Das sind die gleichen Punkte, die alle genannt wurden, als die Rechner kamen. Und natürlich die Menschen, vor allem Kinder, würden dabei total vereinsamen etc. etc. Noch heute kommen sie mit dem Märchen von Internet-Sucht.

Als der Buchdruck kam, wurde davor ebenso gewarnt, Frauen sollten nicht lesen, dass würde nur ihre Fantasie anregen, sie würden dann Haushalt und Kinder vernachlässigen.

dagny t., 03.12.2009 15:29

Genau das schreibt die Autorin ja. Das Muster ist immer das selbe, egal ob es um Buchdruck, Kino, Telefon, Internet, Computer, iPhone, iPod, GPS, das Auto, etc. pp. geht.

Man mag es schubladenhaft finden, die Technik- und Fortschrittsdiskussion in diese Kategorien zusammenzufassen, aber da sich diese Muster immer wieder wiederholen, schadet es keineswegs sich das so deutlich zu machen.

 
 
 
 
daniel, 04.12.2009 02:24

Ich denke das ALLE Punkte Stolpersteine von Neuem sind, das gegebenenfalls nicht den Weg in den Olymp des Klassikers schafft. Und wenn es stolpert – dann zurecht. Wäre mal interessant zu erforschen, an welchen Hürden denn tatsächlich Neues gescheitert ist und welche der Punkte nur noch angemahnt werden wenn das “Neue” schon etabliert ist.
Was mich aber am meisten begeistert ist, dass man die Liste auch auf andere Bereiche anwenden kann. Ich erkenne einige Argumentationsmuster von Lehnwortgegnern und anderen Sprachbewahrern.

Dagny, 04.12.2009 12:10

Es geht hier in erster Linie um Argumentationsmuster von Fortschrittspessimisten und nur sekundaer um tatsaechliche Pruefsteine.

Daniel, 04.12.2009 13:22

Und wie unterscheided man das? Ich hatte sie so verstanden, dass man Fortschrittspessimismus an diesem Muster erkennt.

Webbaer, 04.12.2009 13:30

Wir wollen zwischen Mustern und direkten Messweisen wie bspw. Checklisten unterscheiden.

Ansonsten, das hier – “Das Neue ist nicht gut genug und nicht 100% zuverlaessig.” – ist das sicherste Muster,
Also die Betonung des Risikos (alle Innovationen sind mit diesem behaftet, da eben noch keine praktischen Erfolgswerte vorliegen) und die Nichtzurkenntnisnahme oder Geringschätzung der Chancen.

Die ganz Doofen – bspw. Stichwort: Atomenergie – lassen sich allerdings nicht per risk/reward-Überlegung packen. Die sind einfach, so zu sagen unabhängig von allem, dagegen, LOL.

 
 
 
 

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