Der US-amerikanische evangelikale Eiferer Pat Robertson ist der Meinung, dass die Haitaner selbst Schuld am Erdbeben sind: 1791 hätten die dämlichen Neger einen Deal mit Satan geschlossen, um eine grundböse Tat zu begehen – nämlich sich von der wohlwollenden französischen Kolonialmacht zu befreien, die sie in die schöne Karibik geholt und ihnen Arbeit und Brot auf den Zuckerrohrplantagen gegeben hatte. Klingt etwas verwirrt, meinen Sie?

Nein, dem ist das durchaus ernst. Aber was soll man von einem Fernsehprediger schon erwarten – Geschichtskenntnisse oder gar die Einsicht, dass die versklavten und nach Haiti verschifften Afrikaner vielleicht gute Gründe hatten, ihre eigenen Kulte dem Christentum der weissen Herrenmenschen vorzuziehen? Für den einen Spinner ist es die Erderwärmung, für den anderen ist eben seine Gottesprojektion eingeschnappt und lässt es deshalb ein wenig rumpeln. Die Welt ist nicht so, wie sie scheint! Plattentektonik wäre dann ja doch zu einfach. But, who cares?

Nun bekommt Robertson allerdings Unterstützung hierzulande. Aber nicht auf kreuz.net oder von abgedrehten Bibelforschern, sondern auf ef-online (Sie erinnern sich – der Online-Ableger des Magazins aus Grevenbroich, das sich einmal selbst als libertär bezeichnete): des Predigers Ursachenermittlung sei

zweifelsohne eine Provokation für alle Kulturrelativisten, die vielleicht gerade noch die Existenz eines fernen Gottes zugeben, jedoch die Existenz seines Gegenspielers Satan leugnen müssen.

Denn

die infantile Gleichsetzung des demütigen Betens um göttliche Gnade mit obskurantistischen Beschwörungen und Zaubereien begünstigte die Machtübernahme durch Dynastien kleptokratischer Diktatoren und die damit einhergehende Vernachlässigung von Vorsorge-Investitionen gegen Hurrikane und Erdbeben

kommentiert dort ef-Kolumnist Edgar Gärtner unter dem Titel Haiti: Der Fluch der Blasphemie Robertsons Erguss. Und um nicht nur die Frömmler-Klientel zu bedienen, sondern auch die Zielgruppe derjenigen, die gerne einmal geniessen, mit einem gebildeten Rassisten zu sprechen, im Meer der seichten, langweiligen Politischen Korrektheit, erweitert Gärtner die tief schürfende Analyse noch:

Früher war nämlich alles besser in Haiti, denn da „blühte dort über hundert Jahre lang der Zuckerrohranbau, der mithilfe aus Afrika importierter Sklavenheere betrieben wurde. Haiti wurde zu Frankreichs ertragreichster Kolonie“. Nachdem sich allerdings einige Schwarze nicht ausreichend geschützt hatten und sich mit der Gleichheitsidee der französichen Revolution ansteckten, nahm das Desaster seinen Anfang.

Nicht die Zuckerrohr-Monokultur der Sklavenhalter, sondern erst die Landreform, die Privateigentum für Millionen geschaffen hatte, laugte die Böden aus. Und die (nach heutigem Kurs) Milliarden an Reparationen, die sich Frankreich von den Haitianern als „Gegenleistung“ (sic!) für die diplomatische Anerkennung erbeten hatte, waren natürlich ebenfalls nicht ursächlich für Armut und Unterentwicklung, sondern die eigentliche Crux bestand darin, dass „in Haiti der Voodoo-Kult von Anfang an als dem Christentum zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen angesehen wurde„. So geht das weiter – schliesslich versteigt sich der Autor sogar dazu, die „Verbreitung des Christentums seit fast zwei Jahrtausenden“ unter „stille und unblutige Revolutionen“ zu subsummieren… ein neuerlicher Tiefpunkt in der Geschichte des Magazins eigentümlich frei.

Ach, übrigens: finden Sie es nicht auch eigenartig, Herr Gärtner, dass Haiti und die benachbarte Dominikanische Republik (in der, ebenso wie in Haiti nebenbei, der Katholizismus Staatsreligion ist) bis Anfang der 1960’er ein ähnliches BIP* aufwiesen, wo doch das Elend schon 1791 begann? Wie erklären Sie sich, dass die Parameter erst auseinander liefen, seit die gut katholische Familiendynastie der Duvaliers das Land in ihr Defacto-Privateigentum überführte und bis in die 80’er Jahre ausplünderte? Zu Beginn aus antikommunistischer Motivation leider von den USA und dem evangelikalen Netzwerk „The Fellowship“ (das aktuell gerade andernorts seine „segensreiche“ Wirkung entfaltet…) unterstützt.

There’s the beef: In Haiti wurden Marktbeziehungen und Zivilgesellschaft – soweit vorhanden – durch eine korrupte Pseudo-Monarchie zerstört. Ökonomischer Fortschritt war so nicht möglich. Anzahl, Art und Vorlieben der jeweiligen Götter sind vielleicht für salbadernde Frömmler interessant, taugen aber nichts als Erklärungsmodell für die Entwicklung einer Gesellschaft (zumindest solange sich die Erweckten nicht gegenseitig an die Kehle gehen). Lassen Sie sich’s vielleicht gelegentlich einmal von einem indischen Software-Ingenieur erklären. Ganesha sei mit Ihnen!

(*vgl. die Grafik „Wohlstandsentwicklung“ des IMF – Economic Freedom of the World 2009, NZZ Hintergrund-Artikel)