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Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Super variable Frühaufsteher

Boris Eichler, 04.03.2010

Sachsen-Anhalt rühmt sich in der Eigenwerbung seiner “Frühaufsteher-Mentalität”:

Die Kernidee des Frühaufstehens hat den Vorteil, variabel zu sein

beschreibt die PR-Abteilung des Landes den Kern der Kampagne.

Ein Mitglied der Landesregierung scheint jedoch in letzter Zeit so früh aufgestanden zu sein, dass es ein wenig unausgeschlafen und deshalb durcheinander ist. Die Rede ist von Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD).

Im Streit um die Veranstaltung zur Lehrerfortbildung “Diktaturvergleich als Methode zur Extremismusforschung”, die am 19./20. März 2010 vom Regionalbüro Halle der Stiftung für die Freiheit mit veranstaltet wird, steigt Erben ganz besonders variabel in den Ring und sieht im Vergleich von NS-Verbrechen und SED-Diktatur eine “Gleichsetzung von NS-Verbrechen und SED-Diktatur“, ja sogar eine Relativierung des Holocaust.

Erben stößt sich an dem geplanten Vortrag “VVN/BdA – Ein trojanisches Pferd für das Engagement gegen Rechtsextremismus” – insbesondere deshalb, weil der Referent Rudolf van Hüllen äußert, die VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) wurzele in der SED und der DKP und strebe teils Ziele an, die der parlamentarischen Demokratie widersprächen.

Das wiederum weiß jeder, der am politischen Leben teilnimmt. Auch wer jenes nur beobachtet, wie der Verfassungsschutz, hält den VVN-BdA für “linksextremistisch beeinflusst” und als “Organisation im Umfeld der DKP”.

Dummerweise ist nun eben jenes U-Boot der “LINKEN”, die VVN, laut Gesetz Mitglied der Gedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt, deren Stiftungsrat Erben vorsitzt. Und daher, so der SPD-Politiker, “kann die Stiftung das nicht thematisieren”. Mehr noch: Mitarbeitern der Gedenkstättenstiftung des Landes und des Innenministeriums hat er die Teilnahme an der Veranstaltung untersagt.

Das bringt ihm jetzt aber Protestpost unter anderem von Hubertus Knabe, dem Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, ein, sowie Rücktrittsforderungen von der FDP, völlig überraschend bundesweite Bekanntheit… und gute Stimmung bei der Linken, dem künftigen Koalitionspartner, die natürlich – wie es sich für Frühaufsteher gehört – zuallererst gegen die Veranstaltung protestiert hatte: “Tendenziöse Veranstaltung” und “Geschichtsverzerrung” waren die Schlagworte.

Die Linke ist, wie Rüdiger Erben, was historische Betrachtungen anbelangt, super variabel und versteht unter “vergleichen” das gleiche wie “gleichsetzen” – wenn’s ins Konzept passt. Weshalb ja auch ihre 40-jährige Einparteiendikatur “demokratisch” war und die Stasi, das Schild und Schwert der Partei, ein Geheimdienst wie jeder andere. Jene Gleichsetzungen würden einem Vergleich natürlich niemals standhalten. Aus diesem Grund ist Vergleichen bei der Linken und ihrem neuen Freund Rüdiger Erben (SPD) unerwünscht. Es sei denn, man käme durch Vergleichen zu politisch erwünschten Ergebnissen



23 Kommentare zu “Super variable Frühaufsteher”

  1. jo@chim

    Aufschlussreicher Beitrag – danke Boris! Ergänzende Info: Bis Ende der 80er wurde die Besetzung der Vorstandsposten in der VVN im Vorfeld mit den “zuständigen” (sic!) Kreis- und Bezirksvorständen der DKP abgestimmt. Gegen deren Votum ging in der “antifaschistischen Umfeldorganisation” (DKP-Terminologie) gar nichts – nicht zuletzt, weil die VVN auch finanziell vollständig von SED/DKP abhängig war. Alle Führungspositionen waren mit “vertrauenswerten und kampferprobten Genossen” und “zuverlässigen Bündnispartnern” besetzt – “antisozialistische Hetze”, d.h. öffentliche Kritik an der DDR-Politik, führte zur sofortigen Entbindung von allen Funktionen. Ich kenne mich da ganz gut aus, glaube ich, da ich aus falsch verstandenem Antifaschismus bis 1988 Mitglied in dem Verein war.

  2. R.A.

    > weil die VVN auch finanziell vollständig von SED/DKP
    > abhängig war.
    Interessant.
    Da fragt man sich doch, wie die sich heute finanzieren.

    Mich beschleicht die Befürchtung, daß das inzwischen aus Steuergeldern geschieht.
    Wenn die es doch sogar geschafft haben, per Gesetz Mitglied dieser Stiftung zu sein – das ist ja grotesk.

  3. Christian S.

    Die Singularität des Holocausts ist mit der DDR nicht einmal ansatzweise zu vergleichen. Klar, wenn man sich lächerlich machen will, kann man das tun.

  4. califax

    Der Irrtum: Vergleichen mit Gleichsetzen gleichzusetzen. Der Vergleich von Diktaturen ist stinknormale Wissenschaft. Die SED wehrt sich nur mit Händen und Füßen dagegen, daß man ihre traditionellen Inhalte und Rituale analysiert – denn die sind zum Teil nationalsozialistisch inspiriert. (Was kein Wunder ist – Sowohl NSDAP als auch SED sind sozialistische Parteien, bei denen die Volksgemeinschaft alles, das Individuum nichts gilt.)

  5. Bodo Wünsch

    Ja ja, der Ver-Gleich.

    Prinzipiell ist jedes historische “Ereignis”, jede einzelne Handlung eines Menschen einzigartig (man beachte einzeln – einzigartig).

    Was wir bei der ganzen Vergleichsrhetorik erleben, ist im Grunde _nichts_.

    Auf die “Singularität” der Shoa hinzuweisen ist in seiner intellektuellen Tragweite in etwa vergleichbar ;-) mit dem Hinweis, dass der Turm von Pisa ein schiefer ist.

  6. Christian S.

    Ich finde diese implizite Verharmlosung des Holocausts mehr als geschmacklos.

  7. jo@chim

    Die Singularität des Holocausts ist mit der DDR nicht einmal ansatzweise zu vergleichen

    Die Shoa war eine “Spezialität” des deutschen Nationalsozialismus, die in ihrer perversen und umfassenden Perfektion in der Tat singulär ist (obwohl ich denke, dass die planmässige Ausrottung der Kulaken durch Hunger und Zwangsarbeit in der Sowjetunion sehr, sehr, nahe an diese industrielle Vernichtungspolitik heran kommt).

    Aber diesen Vergleich hat ja auch niemand gezogen.

    Es geht in der von Hannah Arendt begründeten Totalitarismustheorie vielmehr um einen Vergleich der Systematiken totaler Herrschaft (bzw. später in der DDR oder im spanischen Faschismus wohl eher autoritärer Systeme) nicht um die mehr oder weniger menschenmörderischen Auswirkungen der verschiedenen Sozialismen und Faschismen.

    Dein Einwand verfehlt deshalb das Thema, Christian. Von Kommunisten wird er gerne verwendet, um unangenehmen Diskussionen über die kommunistischen Verbrechen aus dem Wege zu gehen.

  8. Adrian

    Oder anders gesagt: Die Mechanismen von Diktaturen sind überall gleich. Wohin es führt kommt allerdings auf den Inhalt der Ideologie an.

  9. jo@chim

    “Gleich” in Methode und System sind sich die verschiedenen Formen totalitärer und autoritärer Herrschaft nicht, sonst bräuchte man ja keine unterschiedlichen Bezeichnungen und auch keine Forschung zur Thematik…
    Die Herrschaftsideologie ist dabei relevant, aber nicht der einzige Parameter – die DDR z.B. war unter Ulbricht sicher totalitär im Sinne Arendts. Unter Honecker wäre sie aber wohl eher als autoritäre Diktatur zu bezeichnen gewesen.

  10. Adrian

    Jede Diktatur hat folgendes Grundprinzip: Ein Zampanao (oder auch mehrere davon) will seinen Willen durchsetzen und alle anderen müssen gehorchen (oder zumindest nicht widersprechen). Für die weitere Analyse muss man lediglich herausarbeiten, was es ist, was der Zampano will.

    Ein totalitäres Regime zeichnet sich dadurch aus, dass Macht nicht der alleinige Punkt ist, sondern von einer Idee gestützt wird. Autoritäre Regime kommen dagegen schon mit dem alleinigen Willen zur Macht klar. Insofern würde ich die DDR bis zum Schluss als totalitär bezeichnen. Denn die Idee war immer allgegenwärtig.

  11. Christian S.

    “Dein Einwand verfehlt deshalb das Thema, Christian.”

    Das ist möglich. Obiger Artikel ist aber derart kryptisch und unverständlich formuliert, dass es unvermeidlich ist, das Thema zu verfehlen.

  12. jo@chim

    Na dann hoffe ich etwas zu Deiner Erleuchtung beigetragen zu haben, Christian ;-)

  13. Christian S.

    Naja, ich diskutiere hier immer gerne mit, aber im obigen Beitrag wird derartig viel vermengt und vermischt, dass man nur schwerlich sinnvoll antworten kann.

  14. Die Stimme aus dem Off

    Ja, das ist schon sehr geschmacklos. *seufz* Vielleicht hätte man besser das hier zum Vergleich herangezogen.

    Wäre das mit Deiner Singularitätsauffassung besser vereinbar gewesen?

  15. CfG

    Ich finde es schlimm wie der Holocaust immer noch allesbestimmendes Merkmal Deutschen Denkens sein soll.

    Ich kenne viele Jugendliche die nach Jahrzehntelanger Beschallung mit Nazi-Schuld-Theorien sehr ablehnend reagieren. Und lieber mit denen Reden, die die Schuld bei anderen Suchen…

  16. Adrian

    “Ich finde es schlimm wie der Holocaust immer noch allesbestimmendes Merkmal Deutschen Denkens sein soll.”

    Ich finde es viel schlimmer, dass “Deutsches Denken” nicht vermocht hat, den Holocaust zu verhindern.

    “Ich kenne viele Jugendliche die nach Jahrzehntelanger Beschallung mit Nazi-Schuld-Theorien sehr ablehnend reagieren.”

    Verstehe ich nicht. Warum sollten Jugendliche ablehend reagieren, wenn gesagt wird, dass Nazis schuldig waren? Das macht doch nur Sinn, wenn sich Jugendliche mit den Nazis identifizieren.

  17. califax

    Der dümmere Teil unserer Pädagogen denkt kollektivistisch und übernimmt ungewollt die Agitation ihrer Gegner. Da darf man als Deutscher angeblich nichts gegen Israel sagen, da muß man als Deutscher wegen der Lehren aus der deutschen Geschichte dauernd irgendwelchen Unsinn vorspielen: Schuldgefühle, Ablehnung der eigenen kulturellen und ethnischen Identität, etc.

    Dazu kommen dann noch dümmliche Aktionen wie Nazialarm wegen einer Deutschlandfahne oder Schulverbot für Reebok und Lonsdale und fertig ist die Selbstdemontage. Das und der Mangel an männlichen Vorbildern* außerhalb der rechten Szene richtet an einem einzigen Tag mehr Schaden an als alle Schulhof-CDs der NPD zusammen.

    *Solche mit Muskeln. Solche ganz unmetrosexuellen Kämpfertypen.

  18. Adrian

    Ach so, es geht also darum, was man als Deutscher aus der Geschichte gelernt haben müsse. Okay, das nervt mich zuweilen auch.

    “Solche mit Muskeln. Solche ganz unmetrosexuellen Kämpfertypen.”

    Oh je, Geschlechterrollen, männliche Vorbilder und das Bild von “Männlichkeit”. Da sage ich jetzt lieber nix zu. Kannst ja mal meinen Beitrag von heute lesen. Einfach auf meinen Namen klicken ;-)

  19. CfG

    Danke für die Erläuterung, ich hab das zu kurz formuliert.

  20. politbuerokrat

    Mord und Kriegsverbrechen (wie der von den Amerikanern selbst so genannte Holocaust durch ihre Brandbomben auf deutsche Städte) sind keine unausweichlichen Brandopfer, wie es der Begriff “Holocaust” implizit verharmlosend darstellt.

  21. Boris Eichler

    In der umstrittenen Veranstaltung geht es um “Diktaturvergleich als Methode zur Extremismusforschung”. Ich darf mal daran erinnern. Nicht um den Vergleich Holocaust mit DDR. Das geheimnisst Staatssekretär Erben hinein. Und an den Kommentaren hier merkt man: Es funktioniert! Strukturen von Diktaturen, auch der DDR, spielen keine Rolle mehr – es geht jetzt um den Holocaust und unseren Umgang damit. Ziel erreicht.

  22. Boris Eichler

    Guckloch in die Wirklichkeit: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/sie_luegen_wie_gedruckt_stasioffiziere_stellen_ihr_buchfragen_an_das_mfs_vo/

  23. buereaucrat

    Abgesehen davon dass man alles darf:

    Wie will man im Jahr 2010 Kindern Wissen vermitteln, wenn man die unbekannte DDR mit dem noch unbekannteren III. Reich vergleicht ?
    Pädagogisch sinnvoll ist, das Unbekannte mit dem Bekannten zu vergleichen. Wie es Kurt Schumacher tat, als er seinem Publikum erklärte, Kommunisten seien rot lackierte Nazis. Das war 1950, fünf Jahre nach Kriegsende und Nazis waren bei keinem seiner Zuhörer eine unbekannte Größe.

    Aber heute ?
    Mal ein Beispiel, ein Vortrag der Pfarrerstochter Hildigund Neubert, Stasibeauftragte in Thüringen:
    “Wie bei der NSDAP in Nazi-Deutschland war es die SED in der DDR, die die Macht beanspruchte und alles dafür tat, um sie zu erhalten.
    … Besonders leiden mussten daher Kinder von Pfarrern …..”

    http://www.kreiszeitung.de/nachrichten/landkreis-verden/doerverden/zweisprachig-aufgewachsen-540242.html

    Mussten Pfarrerstöchter im Dritten Reich besonders leiden ?
    Mussten Pfarrerstöchter in der DDR besonders leiden ?

    Die Regel-Rolle des evangelischen Pfarrers in der DDR ist dem Publikum unbekannt.
    Die Regel-Rolle des evangelischen Pfarrers im Dritten Reich ist dem Publikum auch unbekannt.
    Und damit spielen dann die Ideologen. Ein weites Feld für das Verbreiten von Legenden.

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