Von Volksverhetzung und Rassismus war die Rede wegen Thilo Sarrazins polemischer Worte zur gescheiterten Integrationspolitik auf Lettre International. Nicht nur aus den linksextremen Schmuddelecken des Netzes, sondern z.B. auch vom Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir musste er sich als „Sozialdarwinist“ schelten lassen. Es gab sogar Bestrebungen, die berufliche Existenz des Bundesbank-Vorstandes anzugreifen, was aber nur teilweise gelang. Im Folgenden strengten zwei SPD-Kreisverbände ein Parteiausschlussverfahren gegen den Genossen Sarrazin an – welches nun aber bemerkenswerterweise ebenso scheiterte: Parteischädigendes Verhalten sei Sarrazin nicht vorzuwerfen, urteilte die Schiedskommission, von „Sozialdarwinismus“ oder gar „Rassismus“ ist keine Rede mehr. Die öffentliche Hinrichtung des unkorrekten Delinquenten ist also abgesagt, auch wenn dies noch nicht bis zur einen oder anderen sozialdemokratischen Wärmestube in der Blogosphäre oder bei Facebook durchgedrungen ist.

Doch was hat es mit jenem gerne gegen Liberale und andere Sozialstaatskritiker kolportierten Vorwurf auf sich, Anhänger einer soziologischen Theorierichtung aus den 30er Jahren zu sein, auf die sich im Folgenden die nationalsozialistische Eugenik und „Rassenhygiene“ stützte?

Ähnlich dem Neoliberalismus und weiteren politischen Buzzwords (wie z.B. dem bei manchen Liberalen eigentümlicher Weise und frei jeden Bezuges auf die – tatsächlich – liberalen Werte der Aufklärung angesagten Lamento über einen angeblichen Werteverfall, den es rückgängig zu machen gelte) besteht die Charakterisierung von politischen Aussagen als „sozialdarwinistisch“ in den allermeisten Fällen nicht einmal ansatzweise den Reality Check. Denn weder hat das Zerrbild, das der linke und sozialkonservative Mainstream vom Neoliberalismus zeichnet, etwas mit dem Versuch zu tun, aus den Erfahrungen des Weges der totalitären Grossideologien in die Knechtschaft eine Revision des klassischen Liberalismus zu begründen, noch droht der Untergang des Abendlandes zum nächsten Christopher Street’s Day.

Und auch jene Ideologie, die Darwins Theorie der biologischen Evolution mechanistisch und mit wenig Verständnis gesellschaftlicher Prozesse auf das Soziale anwenden wollte, vertritt heutzutage niemand mehr ernsthaft. Zumindest jenseits jener Kreise nicht, die ohne nationalen und sozialistischen Protektionismus ihre Herrenrasse vom Aussterben bedroht sehen und zu blond sind, um den dieser Aussage immanenten Widerspruch zu erkennen. Zu offensichtlich ist, dass diejenigen, die versuchen, möglichst brutal und unkooperativ auf Kosten ihres Umfeldes zu agieren, die evolutionären Looser sind, nicht die Individuen oder Gruppen, die verstehen, in Netzwerken und auf Märkten zum gegenseitigen Nutzen zu agieren.

Es ist klar: der Ruf „Sozialdarwinist!“ tarnt sich lediglich als politische Kategorie. Er bleibt in Wirklichkeit immer Schimpfwort mit dem Ziel, eine unerwünschte Debatte zu beenden oder von vorneherein verhindern. Stellen wir doch deshalb den Begriff einmal vom Kopf auf die Füsse: Trifft nicht eigentlich in Wirklichkeit für diejenigen diese Charakterisierung zu, die meinen, es gäbe eine grosse Anzahl Menschen, die wegen ihrer Herkunft oder ihres sozialen Status nicht geeignet wären, aus eigener Kraft – ohne Zwangs-Alimentierung und Umverteilung von Ressourcen – ihr Leben vernünftig zu organisieren und für sich und ihren Nachwuchs zu sorgen?

Für solche Sozialdarwinisten gälte in einer deregulierten Gesellschaft das Prinzip „fressen oder gefressen werden“. Der Zerfall sozialer Beziehungen kann für sie nur durch einen starken Staat verhindert werden, da bei freien Vertragsbeziehungen die Mehrheit der Schwachen immer von der elitären Minderheit über’s Ohr gehauen würde.

Diese Sozialdarwinisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich nicht vorstellen können und wollen, dass ein Sozialsystem auf Basis freiwilliger gegenseitiger Hilfe und privat organisierter Versicherungen ohne staatliche „Sozial“-Bürokratien, wohlwollende Aufseher und Sozialstaats-Pädagogen funktionieren könnte. Solidarität muss aus dieser Sichtweise, da sie nicht spontan entsteht, durch die politische Elite erzwungen werden, wenn man einen sich naturwüchsig ergebenden Kampf jeder gegen jeden, in dem nur „die Starken“ eine Überlebenschance hätten, vermeiden will…

… wären also nicht eigentlich die Sozialisten, die all dies vertreten, als die wahren Sozialdarwinisten zu bezeichnen?