Was kann man dazu Sinnvolles sagen, und erst recht, was kann man dazu freiheitliches, liberales sagen, fragte ich mich, als Achim mich heute bat, etwas zu den Anschlägen in der Moskauer Metro zu schreiben – da ich ja gar nicht so weit entfernt war…

Einer der beiden Anschläge fand in der Metro-Station „Park Kultury“ statt, wo ich an jedem Arbeitstag zweimal umsteige. Heute war ich nur deshalb noch nicht von zu Hause losgegangen, weil vom ersten Anschlag schon im Fernsehen berichtet wurde und ich mich fragte, ob die rote Metrolinie überhaupt noch fährt. Ein Mitarbeiter unseres Büros ist ungefähr eine Viertelstunde vor dem Anschlag dort umgestiegen, ein anderer eine Stunde vorher. So war ich, wenn auch glücklicherweise nur ganz am Rande, betroffen. Doch das macht mich nicht kompetenter für die Frage, wie man mit solchen Dingen umgeht.Sinnvolle, gar prinzipiell freiheitliche Aussagen sind mir dann auch nicht eingefallen, aber immerhin ein paar Fragen.

Die erste stellte sich mir, als ich sah, wie schnell sich das Leben in Moskau wieder normalisierte, bzw. wie wenig es sich in den nicht betroffenen Stadtteilen überhaupt verändert hatte. Müssen wir, oder jedenfalls die Bewohner von Großstädten, die Benutzer von Flugzeugen und Zügen, nicht einfach mit der – immer noch geringen – Wahrscheinlichkeit solcher Anschläge leben? Ist das, so respektlos gegenüber den Opfern das auch klingen mag, nicht unsere einzige Möglichkeit?

Denn was ist die Alternative? Sind effektivere russische Sicherheitsdienste, die solche Anschläge vielleicht verhindern könnten, etwas, das man Russland, oder genauer, den Menschen in Russland wirklich wünschen sollte? Im Kampf gegen welche anderen Dinge wären sie dann noch effektiv?

Wie ist es mit der internationalen Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus bestellt – kann man diese bedingungslos wollen? Das fragte ich mich, als im russischen Fernsehen direkt nacheinander die Solidaritätsadressen westlicher Politiker, u.a. des NATO-Generalsekretärs, mit Russland und die Kampfansage des tschetschenischen Präsidenten und „Helden Russlands“, eines lupenreinen Demokraten, an die Terroristen gezeigt wurden. Selbstverstäündlich haben auch der russische Ministerpräsident und sein Präsident die Bekämpfung und Vernichtung der Terroristen angekündigt. In letzter Zeit haben sie ja dazu oft Gelegenheit.

Wie halten wir es eigentlich mit Gruppen, die für die „nationale“ Unabhängigkeit oder Freiheit kämpfen? Ganz offenbar ist ja nicht klar, dass sie den einzelnen Menschen ihres Landes mehr Freiheit bringen. In Tschetschenien ist das jedenfalls ganz ernsthaft zu bezweifeln. Die vermutlichen Täterinnen von Moskau, die sogenannten Schwarzen Witwen, sind selbst Opfer und Repräsentantinnen eines archaischen Systems von Ehre, Rache und Unterdrückung, Wir halten wir es auf der anderen Seite mit Regierungen, die im Sinne der nationalen Größe, Stabilität, Souveränität oder von was auch immer die Herrschaft über ein Territorium beanspruchen, auf dem sie vom Großteil der Bevölkerung nicht anerkannt werden?

Bei den letzten beiden Fragen zeigt sich ein Dilemma: Kann man beide Seiten in gleicher Weise kritisieren? Was heißt das dann praktisch, auf dem Feld der Politik? Sind nicht Situationen denkbar, wo die Unabhängigkeit für viele Menschen in einem Land das größere Übel wäre, jedenfalls für die, die nicht die Mehrheitsmeinung oder –religion teilen, die nicht in einem Gottesstaat leben wollen? Man könnte antworten, und die Liberalen, mich eingeschlossen, tun das auch gern, dass solche Probleme in einem wirklichen Rechtsstaat, der sich auf seine wenigen Kernaufgaben konzentriert, viel geringer wären und vielleicht verschwinden würden. Doch was sagt uns das für den Umgang mit der aktuellen Situation?

Nach all den Fragen zum Schluss noch etwas Allgemeines, das aber, wie ich zugebe, praktisch heute gar nicht weiterhilft. Die Konflikte, die zu Anschlägen, zu Kriegen und Terror führen, sind die Frucht eines von etwas, was viele so gern einfordern. Sie sind die Folge davon, dass das „Wir“ über das „Ich“ gestellt wird. Sie sind die Folge davon, dass die Interessen eines Kollektivs – sei es nun ein Staatsvolk oder ein Volk ohne Staat – und seiner Herrschaftsstrukturen über die Interessen der einzelnen Menschen, die unfreiwillig Mitglieder dieses Kollektivs sind, gestellt werden.