Illegaler Arbeitsmarkt: wie man aus der Hartz-IV-Falle herauskommen kann – der Fall des Ayhan Mutlu!

Ayhan Mutlu*, Mitte Vierzig, sitzt in einem der zahlreichen Cafés, die um die Oranienburger Straße in Berlin-Mitte entstanden sind. Er trinkt einen Kaffee. Mit seinen blau-grünen Augen bedient er ganz und gar nicht das Klischee eines türkischstämmigen Deutschen. Sein äußeres Erscheinungsbild passt gut in die Berliner Szene: schwarze Hornbrille, modische Cordhose, dezente schwarze Lederjacke. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, er arbeite bei einer der Werbeagenturen oder Internetfirmen in der näheren Umgebung. Doch der Akademiker ist seit bald zwei Jahren Hartz-IV-Empfänger!

Ayhan Mutlu arbeitete an Universitäten, an öffentlichen Instituten und in Unternehmen in Berlin und im Ausland. Vor drei Jahren wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Er begann sofort, sich auf neue Stellen zu bewerben. Doch als er ein Jahr und drei Monate sowie 140 Bewerbungen später immer noch arbeitslos war, beantragte er Hartz-IV.

Er erzählt, dass er aus sehr unterschiedlichen Gründen keinen neuen Job fand. Mal war er zu überqualifiziert, mal zu unterqualifiziert, mal hatte er keinen deutschen Namen und mehrere Male die falsche Religion oder er war einfach zu alt. Nach der 140. Absage beschloss er, sich nicht mehr zu bewerben.

Eines hatte Mutlu schnell begriffen: es gibt in Deutschland mehr als genug Arbeit. Allerdings nicht auf dem legalen Arbeitsmarkt.

Mutlu, der viele Erfahrungen mit den elektronischen Medien als Content-Manager gesammelt hatte, fand schnell heraus, dass einige Institutionen und Privatpersonen nicht bereit sind, den offiziell/legalen Preis für eine diesbezügliche Dienstleistung zu bezahlen. Die Auftraggeber scheuten sich indes nicht davor, einen niedrigeren Betrag unter der Hand zu entrichten, so dass er zusammen mit seinen Leistungen aus dem SGB-II ein ordentliches Salär erwirtschaften könne, welches mit weit weniger Arbeitsaufwand dem eines regulären Gehalts in seiner Branche nahe komme.

Und auch die Hartz-IV-Leistungen seien viel besser als ihr Ruf: der Regelsatz von 359 Euro, die Miet- und Heizkosten, die Krankenversicherung, die Übernahme eines kleineren Beitrags zur staatlichen Rentenversicherung, Schonvermögen, Zusatzverdienst, keine GEZ-Gebühren, ein verbilligtes Ticket für den öffentlichen Nahverkehr, freier Eintritt in die Museen oder extrem günstige Preise für Theater- oder Sportveranstaltungen. Mutlu stellte sich die Frage, warum nicht viel mehr Menschen so vorgehen wie er? Schnell wurde ihm bewußt, dass er in der Tat kein Einzellfall war.

Mutlu machte eine weitere einschneidende Erfahrung: Hartz-IV-Empfänger sind nicht lediglich ungelernte Hilfskräfte oder Angehörige des Bildungsprekariats wie er immer in den Medien gelesen und gehört hatte. Im Laufe der Zeit lernte er viele Menschen kennen, von denen er niemals gedacht hätte, dass sie zu SGB-II-Leistungsempfängern „absteigen“:

Die ehemalige deutsche Universitätsdozentin in den USA, die keinen Job in Deutschland bekommt. Der Fliesenleger, der 2.500 bis 3.000 Euro netto auf dem Schwarzmarkt verdient und noch nicht einmal die Hälfte für die entsprechend legale Arbeit erhalten hätte. Der Chemiker, der nach der Kündigung bei einem Berliner Pharmakonzern Weiterbildungskurse anbietet. Der arbeitslose Journalist, der für viele Vereine in einer ansprechenden Qualität Texte verfasst. Die Liste lasse sich unendlich weiterführen.

In Deutschland wachse nach den Worten des türkischstämmigen Akademikers der illegale Arbeitsmarkt im Vergleich zum legalen in nicht gekannter Form. Die Menschen suchten sich neue Formen des Daseins und die staatlichen Institutionen stünden diesem Phänomen hilflos gegenüber.

Wer heute von seinem Job gut leben könne, sei in der Regel direkt oder indirekt beim Staat engagiert. Während in den siebziger Jahren Angestellte des öffentlichen Dienstes in die Privatwirtschaft abwanderten, weil sie dort besser verdienen konnten, sei es mittlerweile umgekehrt.

Mutlu lernte auch schnell, den bürokratischen Apparat zu überlisten. Um gerade die für Akademiker gehassten 1-Euro-Jobs zu umgehen, gibt er regelmäßig einige Kleinaufträge an, die seine „Auftraggeber“ als offiziell deklarieren können.

Für Mutlu eine klare Sache: Die Mitarbeiter in den Job-Centern seien derart überlastet, dass sie nicht den geringsten Anschein zeigten, sich um ihn zu kümmern, eine effektive Jobvermittlung befinde sich in weiter Ferne.

Auf den Einwand hin, dass circa 35% aller Türken in Berlin arbeitslos seien und nicht alle die akademischen Privilegien von Mutlu genössen, lächelt er beinahe spöttisch. Kein Türke in seinem näheren Umfeld sei arbeitslos, ob Akademiker oder nicht. Leistungsbezieher ja, aber arbeitslos, nein.

Man müsse nur mit offenen Augen durch Kreuzberg, Neukölln oder den Wedding gehen, um dies sofort zu merken. Der große Unterschied zwischen Arabern und Türken einerseits und den Deutschen sei, dass jene in ihren Heimatländern sehr wohl gewohnt gewesen seien, ohne den Staat bzw. staatliche Hilfe auszukommen. Der Staat sei dort ein notwendiges Übel. Man gehe ihm aus dem Weg so gut es ginge. Die informellen Netzwerkstrukturen liefen nun einmal nach anderen kulturellen Gesetzmäßigkeiten ab. Diese Mentalität hätten die deutschen Behörden niemals verstanden. Sozialhilfe in Deutschland werde aber selbstverständlich nebenbei gerne mitgenommen.

Im Laufe der letzten zwei Jahre hat Mutlu sein „persönliches System“ noch verfeinert. Eine private Rentenversicherung schloss er im Ausland ab, außerhalb des EU-Bereichs. In den letzten neun Monaten fing er schließlich an, im Ausland legal zu arbeiten, immer für einige Wochen. Er meldet sich dann bei den Behörden ab und beantragt wieder Hartz-IV, wenn er sich wieder in Deutschland aufhält. Die Erhöhung des Schonvermögens und die kommenden Zusatzverdienste begrüßt er zwar, bedauert aber den deutschen Steuerzahler, da er fest der Meinung ist, dass damit dem Missbrauch weiter Vorschub geleistet würde.

Auf die Frage, ob Mutlu damit nicht seine persönliche Würde verloren hätte, zuckt er nur mit den Schultern. Nach einigem Zögern erwidert er, dass er sich das alles nicht ausgesucht hätte. Bekomme er einen legalen Job, von dem er einigermaßen leben könne, würde er sofort zugreifen. Aber derzeit sei die Alternative, Milchtüten auf legale Weise im Supermarkt einzuräumen. Für einen miesen Lohn. Es stelle sich die Frage, bei welcher Arbeit man mehr an Würde verliere.

Eine Menge seiner Freunde und Bekannten arbeiteten mittlerweile in Istanbul, Oslo, London oder New York. Man müsse sich das einmal durch den Kopf gehen lassen: Hier in Deutschland gebe es immer noch ein einigermaßen gutes Ausbildungssystem und trotzdem sei man gezwungen, das Land zu verlassen. Das halte auf Dauer keine Gesellschaft durch. Auch im Hinblick auf die kommende demographische Entwicklung.

Zum Schluss meint er noch ungefragt: Das Gerechteste sei, dieses System abzuschaffen und nur noch wirklich Bedürftigen zu helfen. Dem Missbrauch sei Tür und Tor geöffnet. Er selbst sei das beste Beispiel dafür. Das werde für die deutsche Gesellschaft wie die Drogentherapie eines Schwerstabhängigen sein: die erste Zeit schmerzvoll und steinig, aber zum Schluss würden fast alle besser damit fahren. Außerdem verleite das System zu Passivität. Der bürokratische Dschungel lähme dieses Land und verbaue den Menschen Chancen.

Es sei ein Trugschluss zu glauben, dass staatlicher Dirigismus im digitalisierten Zeitalter heutzutage noch gesellschaftliche Prozesse steuern könne, wo jeder per Knopfdruck sein Kapital von Deutschland nach Brasilien oder in die Schweiz befördern könne.

Als Ayhan Mutlu den Kaffee ausgetrunken hat, lehnt er sich zurück und bestellt ein großes Berliner, der alten Tage wegen. In zwei Tagen ist er erneut in Osteuropa unterwegs.

*Der Name wurde vom Verfasser geändert.

———-
Der Beitrag wurde zuerst auf Comments by Murat Tebatebai veröffentlicht.

Murat Tebatebai war Büroleiter des aussenpolitischen Sprechers der FDP-Bundestagsfraktion und wissenschaftlicher Mitarbeiter für Arbeit, Migration, Soziales und Arbeit der Fraktion im Abgeordnetenhaus Berlin. Aktuell lebt und arbeitet er in Ayacucho, Peru, als Englischlehrer, Fotograf und Systemadminstrator.