Wir von Titanic sehen hier einen Priester, der sich hingebungsvoll einem Kruzifix zuwendet – vielleicht in demütiger Anbetung, vielleicht poliert und entstaubt er das heilige Utensil sogar, zum Wohlgefallen des Heilands


So veralbert Titanic-Chefsatiriker Leo Fischer diejenigen, die sich über das Titelbild der April-Ausgabe des Magazins echauffieren, dem Presserat eine ähnliche Beschwerdeflut beschert haben wie nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen und nun die Anwendung der Meinungsparagraphen §§ 130 und 166 gegen das Blatt fordern.

Ehrlich gesagt halte ich Blowjobs in Ministrantenumkleiden für wesentlich empörenswerter als eine, zugegebenermassen, böse Titanic-Satire. Ich kann mir aber durchaus gut vorstellen, dass die Karikatur tatsächlich „religiöse Gefühle“ verletzt – zumindest wenn man der Auffassung ist, dass Sex zwischen Erwachsenen etwas Schmutziges sei, ergibt sich diese Folgerung zwingend.

Aber letzlich steht ganz offensichtlich nicht spontane Empörung im Vordergrund, sondern ein neuerlicher Versuch des Klerus und seiner Anhänger (also einer Minderheit), die Spannbreite der Meinungsfreiheit zu definieren:

Allerdings geht es nicht nur um den Schutz der Gläubigen und der Kirche vor Beschimpfung, es geht letztlich auch um die Grundlagen unserer Demokratie

hyperventiliert z.B. Norbert Geis in der katholischen Würzburger Tagespost und nimmt damit die gesamte Demokratie für die Gefühle von Gottesgläubigen in Geiselhaft.

In jener bigotten Anmassung besteht tatsächlich eine Gemeinsamkeit zwischen dem Aufschrei der Umma über die Mohammed-Karikaturen und christlicher Empörung über die „Beleidigung“ ihres Propheten (oder Gottessohns, oder was auch immer): während die einen nicht der islamofaschistische Terror, sondern erst seine künstlerische Verarbeitung durch Jyllands Posten zum lautstarken Protest auf die Strassen führte, haben die anderen jahrzehntelang versucht, durch gutkatholisches Stillschweigen und Vertuschen Ihren Glauben vor den Perversionen in den Wärmestuben des zölibatären Klerus zu beschützen.

Der Philosoph Paolo Flores d’Arcais schreibt dazu (zum Karikaturenstreit/M in dem Fall)

Wenn man es zum Prinzip macht, dass kein religiöser Glaube verletzt werden darf, dann werden die Schlüssel dieser Freiheit in die Hände des Gläubigen und seiner Empfindlichkeit gelegt. Mit der offensichtlichen und paradoxen Folge, dass die Grenzen der Meinungsfreiheit umso enger werden, je stärker sich diese Empfindlichkeit – die bis zum Fanatismus gehen kann – äußert […] Wenn die Empfindlichkeit gegenüber Beleidigungen zum Kriterium würde, um die Meinungsfreiheit zu begrenzen, dann wäre jedermann ermutigt, seine Allmachtsfantasien auszuleben und sein natürliches Unbehagen an Kritik zum Ressentiment, zur Wut und schließlich zum Fanatismus zu steigern.

Nein, ich setze nicht gleich – ich weise nur auf ähnliche Mechanismen hin: der Appell der christlich Empörten an die Gewalt der Staatsmacht – anstelle des Appelles allzu vieler muslimisch Empörter an die Gewalt des rechtgläubigen Mobs – zeigt, dass der Zivilisierungsgrad durchaus unterschiedlich zu bemessen ist. Man visualisiere nur eine Karikatur, in der Aisha vor Mohammed kniet und… man visualisiere vor allem auch die anschliessenden Gewaltausbrüche…

Dass hinsichtlich der Säkularisierung auch unseres Gemeinwesens noch eine ganze Menge zu tun ist, zeigt allerdings die andauernde Existenz von Meinungsparagraphen wie der oben genannten. Das Abendland, ohne Zweifel genauso judäo-christlich wie von der Aufklärung (die ja aus eben jener Tradition hervor ging) geprägt, würde nicht untergehen. Im Gegenteil, erst ein Gemeinwesen, das sich auf die Bekämpfung tatsächlicher Verbrechen konzentriert, anstatt – wie zuletzt im Jahr 2006 – antireligiöse Geschmacklosigkeiten zu verfolgen, wird wirklich glaubwürdig und bietet das richtige Immunsystem gegen fundamentalistische und totalitäre Bedrohungen gleich welcher Couleur.

Nachtrag: Möglichkeiten, die Religious Correctness zu verteidigen, meine werten kirchengläubigen Brüder und Schwestern, gibt es im liberalen Rechtsstaat genügend, ohne anderen Menschen den Mund (scnr) verbieten zu wollen: bestellt eure Titanic-Abos ab, gründet Facebook-Gruppen, wünscht Agnostiker wie mich in die Hölle bzw. – besser! – betet für uns; vielleicht ist ja doch was dran. Oder schaut einfach weg. Zumindest letzteres haben ja nicht wenige von euch geübt, in den letzten Jahren.