Archiv: Juni 2010

Wetten, Derivate und die Politik

17.06.2010 15:52 - dagny's tags by dagny t. - 11 Kommentare

Im Westen nichts Neues:

In den USA kommt es jetzt zu einer neuen Liaison von Filmgeschäft und Kapitalanlagewelt. Dort hat die Finanzaufsicht neue Wertpapiere zugelassen, die Wetten auf den Erfolg von Kinofilmen darstellen. Die zuständige Behörde CFTC teilte mit, die Investmentplattform Trend Exchange dürfe entsprechende Derivate auf den Markt bringen.

Die Funktionsweise: Die Käufer der Wertpapiere schätzen mit dem Erwerb, wie hoch die Einnahmen an den Kinokassen am Startwochenende eines Films sein dürften. Liegen die Einnahmen über einem bestimmten Wert, erhalten die Investoren zum Ende der Laufzeit mehr Geld zurück, als sie eingesetzt haben; läuft der Film schlecht, ist das Derivat am Ende weniger wert, als es kostete.

So berichtet das manager-magazin. .

Es ist nicht verwerflich, auf etwas zu wetten. Wer tippt nicht diese Tage so manches Fussballergebnis? Geld dafür einzusetzen, steht auch jedem frei. Frech ist es aber, wenn die Politik zuerst ‘die Finanzmärkte’ für ‘die Krise’ verantwortlich macht und dann munter neuen Finanzprodukten das Siegel ‘zugelassen’ gibt.

Liebe Politiker, lasst doch einfach die Finger weg von diesen Dingen und spielt nicht hinterher den Betroffenen und Unwissenden, wenn Oma Ihre Ersparnisse aufs falsche Pferd, pardon auf den falschen Film gesetzt hat.

Solidarität mit Gerd Buurmann

16.06.2010 13:09 - Money and Fame by Daniel Drungels - 2 Kommentare

Es ist schon beängstigend, was sich so alles im Netz tummelt und mit welcher Gewalt hier öffentlich gedroht wird. Alles nur weil ich öffentlich meine Solidarität einer Anzeige von Volker Beck bekundet habe.

Der Grünen-Politiker Volker Beck hat gegen Jacques Linon alias Kaisa Strafanzeige eingereicht, da Kaisas Texte extrem Schwulen-, Juden- und Frauenfeindlich sind. Ein Unterschied zwischen Kaisas Texten und der Ideologie der Nazis ist nicht mehr zu erkennen. Auf dem Track „Endlich Klartext“ rappt Kaisa:

„Ne Kugel in Dein Face, Boy, Neun-Millimeter-Projektile für den Gayboy, und wenn der Sack hat zu viel gelutscht, er muss kotzen, immer wieder, wenn er in den Spiegel guckt“ oder „Keine Chance, so wie im KZ, die neue Weltordnung, alles klingt perfekt.“

In einem Statement auf seiner Homepage schreibt Volker Beck: „Dies ist eine Aufforderung zum Mord. Das kann man weder bei deutschen Rappern noch bei jamaikanischen Dancehall-Sängern durchgehen lassen.“

Beck fügt hinzu: „Wir gehen davon aus, dass Bundesministerin Schröder darüber hinaus einen Antrag auf Indizierung einzelner Liedtexte wegen Aufruf zum Mord und Leugnung des Holocaust stellen wird.“

Diese Anzeige habe ich lediglich öffentlich unterstützt, aber das reicht schon, mir öffentlich mit Mord und Vergewaltigung zu drohen.

via Die Mordphantasien von Kaisa und seinen Freunden | Tapfer im Nirgendwo.

Hier haben wir ein weiteres Kapitel aus dem Bestseller “Antisemitismus im Web“. Diesmal gewürzt mit einer ordentlichen Prise Schwulenfeindlichkeit.

Ich bin bekanntermaßen kein Freund von Verboten und stehe daher auch einem Indizierungsvorhaben skeptisch gegenüber. Gerade im Bereich der Rapmusik zeigt die Erfahrung, dass eine Indizierung die entsprechenden Songs nur populärer macht, praktisch also eine gegenteilige Wirkung entfaltet, als ursprünglich intendiert war.

Prinzipiell bin ich auch der Meinung, dass jeder seinen geistigen Unrat kundtun dürfen sollte. Dann wissen wir wenigstens, mit welch Geistes Kind wir es zu tun haben. Ich spreche mich keinesfalls dafür aus, dass wir derlei Äußerungen, seien sie antisemitisch, rassistisch, schwulenfeindlich etc., tolerieren sollten. Im Gegenteil wir sollten sie thematisieren und ächten, wo immer wir sie finden.

Ich denke nur, dass es nicht die Aufgabe des Staates ist, zu definieren, was ächtenswert ist und entsprechende Aussagen zu sanktionieren. Staatliche Verbote machen träge, faul und im schlimmsten Fall blind, weil sie die Menschen von ihrer individuellen Verantwortung entbinden. Das ist unsere Aufgabe, die Aufgabe der Zivilgesellschaft, die Aufgabe der Menschen, die jeden Tag online kommunizieren, solchen Menschen entgegenzutreten und sie als das zu brandmarken, was sie sind: hasserfüllte Idioten. Dieser individuellen Verantwortung können und sollten wir uns nicht entziehen. Wir sollten uns klar machen, dass wir “Facebook” und “das Internet” sind und wir sollten bei unserer Onlinekommunikation nichts dulden, was wir nicht auch im Bistro oder in der Kneipe dulden würden.

Nun lässt sich sicherlich darüber diskutieren, ob und wie ernst wir die Äußerungen der Kaisa-Fans nehmen müssen. Kaisa selbst scheint nicht gerade eine Leuchte zu sein und auch seine Fans (zumindest ein Teil von ihnen) kochen geistig wohl ebenfalls auf Sparflamme. Bei den von Buurmann zitierten Aussagen handelt es sich aber nicht mehr um dumme Beleidigungen und schwachsinnige Pöbeleien. Buurmann wurde mit dem Tode bedroht.

Und wie ernst derlei Morddrohungen gemeint sind, wissen wir zu oft leider erst dann, wenn wir die Umrisse der Leichen mit Kreide auf den Boden gezeichnet sehen. Meine Verantwortung und meine Möglichkeiten erschöpfen sich darin, diese ekelhafte Angelegenheit zu thematisieren, weiterzutragen und mich mit Buurmann solidarisch zu zeigen. Gerd Buurmann sollte sich damit nicht zufrieden geben, sondern Strafanzeige erstatten.

Update: Facebook hat zwischenzeitlich die Seite von Chakra ウ Prana Reiatsu und die Gruppe „Für Kaisa“ mit den antisemitischen und frauenfeindlichen Inhalten gelöscht. Sehr vorbildlich.

eigentümlich Fail

14.06.2010 19:48 - ∆Foxtrot by Daniel Fallenstein - 45 Kommentare

Soweit, so altbekannt, seitdem selbst libertäre Freigeister über ihre Berliner Wannseekonferenzen erst heimlich lachen* und dann laut Alarm schlagen.

Wenn einem provinziellen Wurzelzwerglein die Windel zu feuchtwarm wird, dann lügt es sich eben eine passende Realität zusammen.

(* Meine Hervorhebung)

Kommentare geschlossen. Hier geht’s weiter.

Stoppt die Vuvuzelas!

Nein, es ist nicht auszuhalten. Den Argentinien-Match habe ich gestern ohne Ton verfolgt. England-USA war etwas besser. Das Gedröne im Hintergrund nervt.

Wem das Getüte der Vuvuzelas, dieser permanente Bienenschwarm im Hintergrund, auf den Wecker geht, kann der Facebook-Gruppe beitreten. Nützt zwar nichts, aber ist gut für die Psyche :-)

Die Hoffnung

Wenn ich mit meinen Fellow Europeans aus Deutschland wie kürzlich beim Bier sitze, wird immer mal wieder die Bitte an mich herangetragen, die Schweiz solle doch Deutschland einfach übernehmen. Dann ginge es auch hier politisch und so bergauf.

Leute, die Hoffnung scheint sich zu erfüllen, zumindest für Baden-Württemberg. Die Schweizerische Volkspartei hat einen entsprechenden Vorstoss im Parlament lanciert. Ich dachte auch zuerst an einen Scherz, doch das heutige Datum zeigt: Die meinen das ernst.

Geht es nach SVP-Präsident Toni Brunner und seinem Fraktionschef Caspar Baader, dann ist Schwäbisch bald der meistgesprochene Schweizer Dialekt. Und die grösste Schweizer Stadt heisst neu Stuttgart. Brunner, Baader und 26 ihrer Fraktionskollegen haben eine Motion von Nationalrat Dominique Baettig unterschrieben, der eine «erleichterte Integration grenznaher Regionen als Schweizer Kantone» vorschlägt.

SVP will der Schweiz Nachbargebiete einverleiben

Ein Gauckucksei?

09.06.2010 16:56 - ∆Foxtrot by Daniel Fallenstein - 14 Kommentare

Ich finde es in Ordnung, aber man kann es natürlich auch so sehen.

Der Scoop, den Gabriel und Trittin gelandet haben, ist beachtlich, ihr strategisches Ränkespiel keinen Deut moralischer, als das der Kanzlerin.

Darf ich Mama zu Dir sagen? – Nein! Ich bin dein Elter!

08.06.2010 18:08 - ∆Foxtrot by Daniel Fallenstein - 10 Kommentare

Kollege Alexander Kissler bringt’s hübsch auf den Punkt:

Zweitens ist Sprachpolitik Bewusstseinspolitik. Ein Bewusstsein soll sich bilden, dass Geschlechtergerechtigkeit vor allem eine Tilgung männlicher Ausdrucksformen bedeutet. Das zu Überwindende trägt ein Y-Chromosom.

(obligatorischer disclaimer: Ich arbeite für die Redaktion von The European.)