Was mich als Kommunikationsprofi immer wieder fasziniert, ist, dass derselbe Text in einem anderen Kontext einen neuen Sinn bekommt. Ich meine, das ist doch das Internet! Und trotzdem gibt es immer noch diese Grenzen. Im Denken. Hier also ein paar provokante Gedanken, geschrieben für Schweizer in meinem Blog ennet der Grenze inklusive Originaltitel, nun auch auf einem deutschen Blog. Bin gespannt auf die Reaktionen.

Es ist bereits drei Jahre her, seit der Blick die Frage stellte: „Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?“ Was für eine Frage, dachten wir damals.

Doch wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umhöre, dann wird die Frage drei Jahre später so beantwortet: Es reicht.

Nun möchte ich gleich beifügen, dass es sich hier nicht um einen deutschfeindlichen Beitrag handelt. Also nix da SVP-Trittbrettfahrer.

Es geht um die Alltagswirklichkeit im Ingenieur- und Architekturbüro, im Spital, in der Werbe- und Marketinszene, in der Verwaltung von grösseren und kleineren Unternehmen, in Restaurants und Hotels, in öffentlichen Verkehrsunternehmen – kurz: am Alltagsarbeitsplatz.

Der nächste Roger Federer – ein Deutscher

Gestern interviewte Radio DRS den begeisterten Ballbubennachfolger von Roger Federer – der Balljunge sprach reinstes Hochdeutsch. Vor zwei Wochen ein Beitrag mit einer Beamtin des Bundes zu irgendeinem Schulproblem: eine Deutsche. Der Lehrer, der ebenfalls befragt wurde: ein Deutscher.

Eben am Telefon mit einem Geschäftspartner, der an einer Branchentagung der Basler Wirtschaftsförderung teilgenommen hat. Die anwesenden Verantwortlichen der Wirtschaftsförderung: Deutsche, die meisten Unternehmensleiter der Basler Firmen: Deutsche.

Nein, das ist kein deutschfeindlicher Beitrag, sondern eine Feststellung: In meinem  Berufsalltag sind die Deutschen eine derartige Selbstverständlichkeit geworden, dass Hochdeutsch nicht mehr nur im Kindergarten gesprochen wird, sondern eben auch in Sitzungen.

Die Dreischichtenschweiz

Unsere Gesellschaft besteht, holzschnittartig skizziert, neu aus drei übereinander gelagerten Schichten.

Oben, in der Führungsebene und den kreativen Elitejobs im Mittelbau sind es inzwischen vor allem Nichtschweizer, die das Sagen haben. Sie schätzen die beruflichen Möglichkeiten des Landes, die Gestaltungsfreiheit, die noch immer liberalen Grundwerte, die Sicherheit, die guten Verdienstmöglichkeiten, die Ordnung, den sozialen Frieden.

Im Mittelbau finden wir die Schweizer. Sie sorgen neben ihrem täglichen Job mit persönlichem Engagement in Politik, im Militär, in der Gemeinde, im Kanton, an der Urne dafür, dass es so bleibt und ist, weswegen die Schweiz im Ausland eine derart grosse Anziehungskraft geniesst.

Klar, es ist eine Minderheit, die sich in unserem Milizsystem engagiert, die eine Gemeindeversammlung besucht, die einer Partei angehört und es sind etwas mehr, die regelmässig an die Urne gehen. Aber genau wegen des Engagements von hunderten, von tausenden von politisch und gesellschaftlich engagierten Freiwilligen zahlen wir halt in einer Gemeinde wie Arlesheim weniger Steuern als in einer vergleichbaren Gemeinde, sagen wir in Deutschland.

Den Unterbau bilden Ausländer (und Schweizer), die Mühe haben, gesellschaftlich und beruflich mitzuhalten und andere, die dank den Transferzahlungen von allen, plus Milizleistungen der Schweizer, ein akzeptables Sozialeinkommen beziehen – verglichen, sagen wir mit Deutschland, gar ein gut bemessenes Sozialeinkommen.

Sprachliche Unterlegenheit?

Was ich seit ein paar Monaten beobachte, ist, dass sich bei berufstätigen Schweizern, gerade bei gut ausgebildeten und denen, die Verantwortung tragen (möchten), ein grosser Unmut aufbaut. Nicht gegen die Jugos, die haben ihren Platz unten. Sondern gegen die Deutschen und anderen Ausländer, welche in den Chefetagen und im Führungsmittelbau an manchen Orten einen starke Minderheit, an anderen inzwischen die Mehrheit bilden.

Auch gut ausgebildete Schweizer stellen fest, dass sie in einer Gruppe, auch wenn sie die Mehrzahl bilden, sprachlich den deutschen Kollegen unterlegen sind. Nicht weil die besser sind, sondern weil die schweizerische Art des Umgangs miteinander, auch des Abwägens und Hinterfragens, als Schwäche interpretiert wird.

Und ob es nun so ist oder nicht: Ein deutscher Chef stellt weitere Landsleute ein. Weil diese in Elternhaus und Schule ähnlich sozialisiert wurden, kapieren die auch leichter, was er meint und will als diese manchmal etwas eigensinnigen Schweizer.

Ich habe das selbst schon oft erlebt: Die reden perfekt drauflos, wollen aber einfach nicht kapieren, dass gerade gedankliche Umwege oftmals zu besseren Ergebnissen führen. Manchmal endet ein Erklärungsversuch im totalen, unüberbrückbaren Missverständnis. Weil ich der Chef war, habe ich ein paar Mal zum deutschen Führungsmittel gegriffen: Es wird jetzt einfach so gemacht, wie ich es sage. Ende der Ansage.

Politische Feuerwehrsteuer für Eliten

Ich habe kürzlich bei einem launigen Nachtessen den Vorschlag in die Runde geworfen, die Ausländer, die Eliteausländer zumal, sollten doch zu einer Sondersteuer verknurrt werden. Diese Sondersteuer würde beispielsweise für die Parteienfinanzierung verwendet und für Schweizer, die sich im Milizsystem engagieren. Eine Art politische Feuerwehrsteuer.

Klar ist das eine Grappaidee (der Grappa war exzellent!). Aber im Kern geht es doch um den simplen Sachverhalt, dass die Schweiz so angenehmen ist, wie sie von der ausländischen Elite geschätzt wird, weil sie auf allen Ebenen von engagierten Citoyens mitgestaltet wird.

Ohne engagierten Citoyen keine Schweiz

In der Schweiz lässt es sich so angenehm arbeiten und leben, weil verantwortungsbewusste Bürger für einen Gotteslohn Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Und nicht wie im Ausland teuer bezahlte Berufspolitiker und Beamte.

Was mich zur Ausgangsfrage zurückbringt: Wie viel Deutsche verträgt die Schweiz? Vielleicht müsste die Frage etwas anders gestellt werden: Wie viele Deutsche erträgt die Schweiz?

Disclaimer: Ich bin eingebürgerter Deutscher und verstehe gerade deshalb die Unterschiede.