Wir haben ja, je nach politischem Standort, unsere diebische Freude an dieser Wikileaks-Sache. Und ein paar Medien machen das grosse Geld.

Doch im Grunde genommen ist das alles gar nicht lustig.

Ich meine nicht deswegen, weil da ein paar amerikanische Botschafter am nächsten Cocktailempfang in Unterhosen rumstehen werden.

Nein, hier werden jetzt Kräfte mobilisiert, die das bis anhin mehr oder weniger frei zugängliche Internet in Schranken weisen möchten.

Denn den Herrschenden – sei es nun der kleine FDP-Landrat in Liestal oder der mächtige Mann in der Schaltzentrale eines multinationalen Konzerns – ist es schon längst ein Dorn im Auge, dass da jeder ins Netz stellen kann, was er oder sie gerade denkt.

Erste Tendenzen zeichnen sich ab.

Beispielsweise Apple: Das Unternehmen baut tatkräftig ein geschlossenes System, ein Paralleluniversum zum frei zugänglichen Internet auf. Aus diesem geschlossenen Webkreislauf ist derzeit nur noch Safari das Fenster zur Aussenwelt. Fällt der Webbrowser weg, ist auch die Türe zu.

Und derweil basteln marktmächtige Kabel- und Netzanbieter unterschiedliche Zugangsangebote. In England bekommt man für umgerechnet 20 Franken im Monat nur noch den Zugang zu ein paar Unterhaltungswebsites. Wer auf Wikipedia zugreifen will, mit anderen Worten: frei surfen will, muss tiefer in die Tasche greifen.

Die Swisscom bastelt am Mobile-Web der unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

In Deutschland wurde eben eine neues Jugendstrafgesetz verabschiedet. Das hat zur Folge, dass ich diesem Text, diesem Blog, eine Altersdeklaration beifügen müsste. Mache ich das nicht, drohen mir exorbitant hohe Geldstrafen. Die ARD schaltet den Tatort und andere Sendungen deshalb erst ab 20.00 Uhr auf. Tausende von Beiträgen haben die grossen Fernsehstationen in den letzten Monaten bereits vom Netz genommen.

Die Staaten, die restriktiver werden möchten, haben jedoch nicht nur willige Verbündete in den Telecom- und Kabelgesellschaften. Mächtige Verbündete im Kampf gegen den freien Informationszugang sind die Medienunternehmen. Diese möchten die Oberhoheit über den Nachrichtenstammtisch zurückerobern, indem sie Bezahlschranken runter lassen.

Herr Murdoch ist ein Vorreiter.

Noch im Dezember will er eine „Zeitung“ exklusiv fürs iPad herausbringen. Bei Springer plant man Ähnliches. Die deutschen Verleger lobbyieren seit Monaten für ein Gesetz, das beispielsweise diesem Blog verbietet, weder aus einem Artikel zu zitieren, noch den Inhalt kurz zusammenzufassen und schon gar nicht auf den Beitrag zu verlinken. Auch wenn der gratis im Netz steht.

Man redet über Google, meint aber die Kontrolle übers Netz.

Und versucht inzwischen mit Apps den Zugang zur Information regeln. Solche Inhalte können dann weder kopiert noch verlinkt werden. Man ist wieder zurück im alten System und könnte genau so gut beim Papier bleiben.

Wie die Entwicklung verlaufen kann, zeigt eindrücklich die Musikindustrie. Dort ist der Mist geführt, das heisst, die illegalen Gratistauschportale sind tot. Nicht dass ich das bedaure. Doch das Ergebnis ist nun, dass das Musikbusiness trotzdem nicht mehr von den grossen Labels und ein paar Ladenketten beherrscht wird, die CDs verkaufen, sondern von nur noch zwei Playern, von Apple mit iTunes und von Amazon.

Gut, auch die Preise sind derart im Keller, dass sich selbst Gratistauschen nicht mehr rechnet.

Die Wikileaks-Sache kann also ganz üble Auswirkungen haben. Denn man soll sich bloss nicht täuschen: Die Feinde und die Verbündeten der USA ziehen hier am selben Strick. Sie werden sich vereinen im Willen, mit vielen kleinen neuen Gesetzen das Netz ihrer Kontrolle zu unterwerfen.

So könnte Herr Assange, der offenbar einen privaten Feldzug gegen die USA führt, zum Totengräber des freien Internets werden. Weil nun jede Menge Leute sich zusammenfinden werden, um gemeinsam Tabularasa zu machen.

Das ist keine schöne Vorstellung.

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