Für libertäre Gedankenspieler wie mich sind Vorgänge, wie wir sie derzeit in Ägypten und Tunesien beobachten können, höchst interessant. Die Möglichkeit Revolutionen in Echtzeit zu beobachten ist ja noch relativ neu. Heutzutage geht das jedoch nahezu problemlos.

Zumindest auf der Internetseite von Al Jazeera, die deutschen TV Sender hingegen unterbrechen für popelige Revolutionen verständlicherweise nicht ihr Nachmittagsprogramm. Was ist schon ein Hauch von Freiheit da unten in Afrika gegen den „Sturm der Liebe“?

Das ist aber auch völlig okay, schließlich könnte die deutsche Berichterstattung ohnehin höchstens einmal in einem Nebensatz und dann nur in einem latent abwertenden Tonfall über ein Phänomen sprechen, an dem mich einen ganz bestimmter Aspekt besonders interessiert. Zugegeben, dieser Vorwurf ist unfair, denn den Aspekt, der mich fasziniert, kann nicht mit Kameras beobachtet werden. Es hat etwas damit zu tun, dass sich Nachbarn und Bekannte zu Bürgerwehren zusammenschließen, um ihr Leben und ihren Besitz gegen plündernde Verbrecher zu verteidigen, sobald das staatliche Gewaltmonopol zu bröckeln beginnt.

Ich finde das insofern bemerkenswert, als dass ich in Diskussionen immer wieder Menschen begegne, die Recht und Gesetz gleichsetzen, Gesetzlosigkeit folglich mit Chaos übersetzen und denken, ohne Staat gäbe es kein Recht bzw. mit dem Staat würde augenblicklich auch jegliche Vorstellung von Recht und Unrecht verschwinden. Dass dem nicht so ist, zeigt sich derzeit in Tunesien und Ägypten ganz deutlich. Die Bürgerwehren versuchen Recht durchzusetzen, nicht Gesetze.

Recht ist das, was erstarkt und wieder hervor tritt, wenn die Gesetze verschwinden. Das ist sowohl in Tunesien als auch in Ägypten zu beobachten. Wobei man präziser davon sprechen sollte, dass diese Bürgerwehren zuerst Besitz verteidigen, nicht Eigentum. Eigentum ist ein Rechtstitel und hat als solcher nur dort Bestand, wo das Recht und nicht die Menschen herrschen.

Wenn wir noch genauer hinsehen, stellen wir nämlich fest, dass in Tunesien und Ägypten nicht das Recht herrschte, sondern Menschen. Verbrecher und Plünderer, die sich Präsidenten nannten. Konsequenterweise müsste man im Fall von Tunesien und Ägypten also nicht mehr nur von Bürgerwehren sprechen, die sich gewöhnlicher Diebe und Räuber erwehren, sondern gleichzeitig von privaten Sicherheitsunternehmen, die in dieser Phase der Gesetzlosigkeit Recht durchsetzen und ihrem Besitz damit nun endlich einen Eigentumstitel hinzufügen.

Diese Phase wird selbstverständlich nicht lange anhalten. Bald werden sich in Tunesien und Ägypten Menschen zusammenfinden, Übergangsregierungen und dann Regierungen bilden und diese Phase der Gesetzlosigkeit beenden. Dann wird sich zeigen, ob diese Regierungen dem Recht mit neuen Gesetzen eine Stimme verleiht oder aber ob sie es zum Schweigen bringt.

Den Podcast zum Text hören Sie bei Gehirnschluckauf.