In den letzten Wochen berichteten viele Mainstream-Medien über ein Phänomen, für das sich bisher nur Kryptoanarchisten interessierten: Bitcoins. Der einflussreiche Blogger und Konferenz-Organisator Jason Calacanis bezeichnete es als das „gefährlichste Open-Source-Projekt aller Zeiten“. In kürzester Zeit ist der Wert eines Bitcoins von unter einem US-Dollar auf über 18 Dollar hochgeschnellt. Haben wir es hier mit einem bloßen Hype zu tun – oder mit einem Projekt, das die Finanzwelt so revolutionieren kann wie Peer-to-Peer-Netze die Musikindustrie?

Bitcoins sind „digitale Münzen“, mit denen man im Internet einkaufen kann. Im Gegensatz zu dem Geld, das wir kennen, werden Bitcoins nicht von einer zentralen Institution herausgegeben, sondern sie entstehen dezentral auf vielen verteilten Computern. Dazu dient ein komplizierter, auf Kryptographie beruhender Rechenprozess, der „Mining“ (Schürfen) genannt wird.

Darin unterscheidet sich Bitcoin nicht nur von anderen digitalen Währungen, wie etwa Facebook Credits oder den Linden Dollars, die in der virtuellen Welt Second Life gelten, sondern auch von US-Dollars und Euros, die von Zentralbanken ausgegeben werden und (seit der Abschaffung der Golddeckung des Dollars 1971) durch nichts weiter gedeckt sind als das Vertrauen in den Staat.

 

Zentralbank? Nein danke!

Die Macher von Bitcoin sehen das Zentralbanksystem als schädlich für Volkswirtschaft und Gesellschaft an. Eine zentrale Institution, die willkürlich Geld schöpfen und dann gegen Zinsen verleihen kann, wird dieses anti-marktwirtschaftliche Sonderrecht missbrauchen. Inflation, ob galoppierend wie im Deutschland der 20er Jahre oder schleichend wie heute, liegt im Wesen des ungedeckten Zentralbankgelds. Sie wirkt wie eine verdeckte Steuer und stellt eine Umverteilung von den Bürgern zu den Regierungen, von den Normalverdienern zu den Bankern dar. Dieses auf Verschuldung basierende Geldsystem – im Prinzip ein großes Schneeballsystem auf Kosten der Bürger – ist die eigentliche, tiefere Ursache aller Finanzkrisen (ein gutes Buch für Einsteiger hierzu: Geldreform von Michael v. Prollius und Torsten Polleit).

Im Gegensatz zum ungedeckten Papiergeld der Zentralbanken sind Bitcoins von vornherein als knappes Gut angelegt. Theoretisch kann jeder, der sich den kostenlosen Bitcoin-Client herunterlädt, selbst zum Schürfer werden, so wie jeder nach Gold schürfen und damit neues Geld in die Welt bringen kann. In einem Vorstadium trug das Projekt daher noch den Namen Bitgold.

Während Edelmetalle wie Gold und Silber von Natur aus knapp sind, und daher schon früh zu allgemein akzeptierten Zahlungsmitteln wurden, wird die Knappheit der Bitcoins durch den Algoritmus bestimmt, mit dem sie erzeugt werden. Jeder kann diesen Algoritmus überprüfen und anwenden, denn die gesamte Bitcoin-Software ist nach dem Open-Source-Prinzip entstanden, wie man es vom Betriebssystem Linux oder der Webserver-Software Apache kennt.

Auf normalen PCs würde man für das Erzeugen eines einzigen Bitcoins viele Monate benötigen und mehr Strom verbrauchen als es zur Zeit wert ist. Spezielle Mining Rigs setzen Grafikkarten ein, die für das Schürfen von Bitcoins besonders gut geeignet sind. Doch auch mit steigender Rechenleistung ist für Knappheit gesorgt: im Lauf der Zeit wird das Erzeugen eines Bitcoins immer schwieriger. Die Obergrenze an Bitcoins ist auf 21 Millionen festgesetzt. Zur Zeit befinden sich ca. 6 Millionen davon im Umlauf, der Rest muss noch erschürft werden.

 

Währung ohne Inflation

Inflation, also eine „Aufblähung“ der Geldmenge, ist dadurch unmöglich. Um dennoch mit handlichen Größen und nicht etwa mit „0.000013“ Bitcoin umgehen zu müssen, ist eine Verschiebung der Kommastelle vom System vorgesehen. Ein Bitcoin von heute könnte also in ein paar Jahren 10 000 Bitcoins entsprechen, so dass man sich einen Kaffee bestellen kann, ohne in die Tiefen der Bruchrechnung einzusteigen.

Zur Zeit steigt der Bitcoin-Kurs gegenüber Staatswährungen wie Dollar und Euro an den offiziellen Tauschbörsen wie Mt. Gox steil an. Daher fallen auch die Preise für Güter. Einige Ökonomen behaupten, eine solche Deflation sei schädlich für die Wirtschaft, weil die Menschen ihr Geld dann nicht mehr ausgeben würden. In der Tat wird man nicht wie in Zeiten der Hyperinflation versuchen, sein rasant an Wert verlierendes Geld so schnell wie möglich loszuwerden. Man erfreut sich im Gegenteil an dessen steigender Kaufkraft, so wie der Goldbesitzer kein Problem mit dem Verfall der Papierwährungen hat. Doch wenn man etwas braucht, wird man es natürlich trotzdem kaufen.

Wäre diese simple Theorie der Deflation richtig, würde sich niemand mehr einen Computer kaufen, denn man kann davon ausgehen, dass ein vergleichbares Gerät schon in einem Jahr nur noch einen Bruchteil des heutigen Preises kosten wird. Dennoch kaufen die Leute fleißig weiter Computer, Handies und andere Hi-Tech-Geräte, deren Preise seit Jahrzehnten frei nach Moore’s Law ins Bodenlose fallen. Nach der österreichischen Schule der Volkswirtschaft gibt es keine „optimale“ Geldmenge, die vom Staat zu bestimmen wäre. Nur der Markt kann durch Angebot und Nachfrage bestimmen, welches der sinnvollste Preis der Waren im Verhältnis zum Geld ist.

 

Nichts für Geldwäscher und Kriminelle

Damit Bitcoins wirklich eine ernstzunehmende Währung werden, fehlen noch ein paar Dinge. Zunächst einmal muss der Markt für Bitcoins sehr viel größer werden. Zur Zeit gibt es etwa 2000 Produkte und Dienstleistungen, die man für Bitcoins kaufen kann. Hauptsächlich sind dies bisher IT- und Web-Dienstleistungen, aber auch Alpaka-Socken, Gitarren, Luxusuhren und digitale Kunst sind bereits für Bitcoins erhältlich.

Bis man auch beim Supermarkt um die Ecke für Bitcoins einkaufen kann, braucht es einfache Anwendungen, zum Beispiel eine Bitcoin App auf dem Handy, die vom Verkäufer genauso akzeptiert wird wie heute eine EC-Karte. Die Usability des derzeitigen Bitcoin-Clients lässt noch sehr zu wünschen übrig, daher ist es wichtig, dass bei der Weiterentwicklung nach den Kryptoexperten und Open-Source-Freaks jetzt Designer, Unternehmer und Marketingleute zum Zuge kommen.

Die von einigen Ahnungslosen verbreitete Befürchtung, Bitcoin würde zur Geldwäsche, zur Finanzierung von Terroristen und zum Handel mit Kinderpornographie und Drogen benutzt werden, geht voll am Thema vorbei. Für all diese Dinge eignet sich staatliches Bargeld sehr viel besser.

Bitcoins sind nämlich – im Gegensatz zum Koffer voller Euronoten – keineswegs völlig anonym oder nicht nachverfolgbar. Es liegt sogar in der Natur des Systems, dass alle Transaktionen dem gesamten Netzwerk bekannt sind. Nur so lässt sich sicherstellen, dass man nicht den selben Bitcoin für verschiedene Einkäufe benutzt, sondern dass ein einmal ausgegebener Bitcoin tatsächlich aus dem Portemonnaie des Besitzers verschwindet.

Auch die Behauptung, Bitcoins würden zur Steuerhinterziehung einladen, ist Unsinn. Natürlich besteht eine Steuerpflicht auch für Einnahmen in Bitcoins, so wie der Besitzer eines Restaurants seine gesamten Bareinnahmen versteuern muss (wieviel davon dennoch in die „schwarze Kasse“ fließt, ist eine andere Frage, aber kein Bitcoin-spezifisches Problem).

 

Bitcoin als Alternative zum Fiat-Money-System?

Der Zusammenbruch des derzeitigen Geldsystems ist angesichts der massiven Staatsverschuldung nur noch eine Frage der Zeit. Es ist also durchaus sinnvoll, sich bereits jetzt nach Alternativen umzusehen. Ökonomen mit Verstand bevorzugen die Rückkehr zum Goldstandard oder die Einführung eines freien Bankwesens mit konkurrierenden, gütergedeckten Währungen. Diese Kriterien erfüllen Bitcoins nicht – sie sind durch nichts gedeckt, außer durch das Vertrauen ihrer Besitzer. Andererseits trifft das für Gold ebenso zu.

Doch angesichts der großen Erfolge anderer Open-Source-/ Peer-to-Peer-Projekte ist Bitcoin es auf jeden Fall wert, genauer beobachtet zu werden. Der aktuelle Bitcoin-Hype könnte dazu führen, dass sich jetzt die kreativen Unternehmer auf dieses Thema stürzen und die alltagstauglichen Anwendungen erfinden, die noch zum durchschlagenden Erfolg fehlen.

Vielleicht erreicht Bitcoin gerade dann seine eine kritische Masse, wenn das alte, staatlich kontrollierte „Fiat-Money„-System krachend in sich zusammenfällt?

 

Aaron Koenig ist Medienunternehmer und Journalist, bloggt über Politik bei politicool.de und ab sofort öfter auch mal bei antibuerokratieteam.net. Von Juli 2009 bis Mai 2010 war er im Bundesvorstand des Piratenpartei und gründete 2010 die Partei DIE FREIHEIT mit.