Richtig: die Ethik. Jedenfalls glauben das viele Politiker und, was noch viel schlimmer ist, auch viele andere Menschen. Sie denken, wenn sie etwas „ethisch“ nennen, erübrigt sich weiteres Nachfragen und Nachdenken, ist Widerspruch nicht angebracht, geradezu unethisch.

Liebe Mitglieder von Ethikkommissionen und Autoren von Ethikrankings, liebe Berater für ethische Geldanlagen, eigentlich wollte ich mich nicht mit dem befassen, was sie da so treiben. Lange habe ich mich zurückgehalten, auch noch bei der Antiatomkraftproausstiegsethikkommission, oder wie immer diese hieß. Doch irgendwie hat mich heute die moralische Verpflichtung übermannt, ein paar Fragen zu stellen, als ich nacheinander etwas über ein Ethikranking von Urlaubsländern und eine neue Ethikkommission der Formel 1 las.

Haben sie sich schon einmal die Gedanken darüber gemacht, ob das, was sie da tun, zu rechtfertigen ist? Ist es zu rechtfertigen, dass sie vielen Menschen vorgaukeln, dass Ethik und alles, was sie mit diesem etwas „Gutes“ sei und alles, was mit ihm in Berührung kommt, besser mache?

Haben Sie sich schon mal darüber Gedanken macht, dass es bei der Ethik darum geht, über Begründungen für unser Handeln und über die Regeln, die es leiten, vernünftig zu diskutieren? Ethische Reflexion ist also das Gegenteil von dem was Sie tun – nämlich momentane Stimmungen, irrationale Ängste und vieles ändere als Vorwand zu nutzen, anderen ihre Vorlieben aufzudrücken. Eine ethische Debatte müsste genau das problematisieren. Ethik ist das Gegenteil von öffentlicher Erregung. Sie ist auch das Gegenteil von Marketing und modischem Geplapper. Jedenfalls sollte sie es sein.

Und liebe Ethikkommissionsmitglieder, Ihre Ethik ist nicht meine. Ich glaube z.B. nicht, dass ich nur in Länder reisen sollte, die ihre Umwelt schützen. Ich glaube auch nicht, dass es moralisch geboten ist, Atomkraftwerke, die sicher sind, abzuschalten. Was sagen Sie dazu? Ich kann jedenfalls einige der Grundlagen meines Handelns nennen: die Freiheit der anderen respektieren, Einhalten von Verträgen, Einhalten von Regeln, auf die man sich geeinigt hat – das sind nämlich die Voraussetzungen dafür, dass wir friedlich zusammenleben können. Ich glaube auch, dass ich Menschen, die mir nahe stehen, Solidarität und Hilfe schulde, wenn Sie diese brauchen. Und sicher gibt es da noch Einiges mehr, von dem ich mich leiten lasse.

Es würde mich freuen, mal von Ihnen zu hören, welche eigentlich die Prinzipien sind, die ihrem Handeln zugrundeliegen und wie man diese vernünftig begründen kann. Vernünftig heißt z.B. ohne Verwendung des Begriffes „gesellschaftlicher Konsens“.

Übrigens: Was bedeutet das, was sie da postulieren, eigentlich für die Politik und den Staat, also für Mechanismen, die Menschen zu bestimmten Handlungen zwingen können? Ist es ethisch vertretbar, Menschen zu „ethischem“ handeln zu zwingen? Ist es dann noch ethisch. Aber das versteht sich für Sie ja von selbst, denn Sie sind ja auf der richtigen Seite, ich meine auf der ethischen.

So, liebe Ethikerinnen und Ethiker, jetzt habe ich mich in ganz unvernünftiger Weise genug aufgeregt und höre folgerichtig damit auf. Zum Schluss noch eine Einladung an alle, die ethisch leben wollen – die ist zwar drei Jahre alt, aber zeitlos schön:

Die Hochschule für Philosophie setzt ihr Projekt, erste Bio-Hochschule Münchens zu werden, mit einem Vortrag von Karl Schweisfurth zum Thema „Ethisch Essen –Die Bedeutung der Ethik bei der Lebensmittelproduktion“ fort. Im Anschluss an den Vortrag mit Diskussion gibt es ein Bio-Büffet, das von vivo, der jungen Marke von Villeroy & Boch, mit einer Geschirrausstattung unterstützt wird.

Aus gegebenem Anlass und um Missverständnisse zu vermeiden: Dieser Text vertritt in keiner Weise die Position meines Arbeitgebers, der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, sondern ganz allein meine eigene.