Ich muss gestehen, dass ich die Aufregung über das Pofalla-Bosbach-Battle nicht verstehe. Tatsächlich war ich sogar angenehm überrascht, als ich las, dass auch ein Kanzleramtsminister hin und wieder flucht wie ein Bauarbeiter.

Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen und deine Scheiße nicht mehr hören, soll Ronald Pofalla zu Wolfgang Bosbach gesagt haben. Damit hat Pofalla ausgesprochen, was nicht wenige Menschen denken. Wolfgang Bosbach ist ja nun auch keiner, dem die Sympathien zufliegen. Schließlich gibt er meist den Hardliner.

Aber Bosbach hat in dieser Angelegenheit bewiesen, dass er wandlungsfähig ist, dass er sowohl den harten Hund als auch die arme Sau mimen kann. Das gefällt den Menschen. Das kommt an. Der Geifer in Pofallas Mundwinkeln war noch nicht getrocknet, da wurden bei Facebook bereits erste Solidarität-mit-Wolfgang-Bosbach Gruppen gegründet.

Dass Herr Bosbach plötzlich zum Sympathieträger avanciert, ist wohl weniger seinem liebreizenden Wesen, als der Tatsache geschuldet, dass er den Rettungsschirm ablehnt. Bosbach ist der prominenteste Rettungsschirm-Gegner der Union. Seiner Beliebtheit wird das sicher nicht geschadet haben.

Jetzt ist die Empörung groß, weil alle glauben, dass Pofalla Bosbach beschimpft hat, weil dieser gegen den Rettungsschirm gestimmt hat. Exemplarisch sei der geschätzte Kollege Jan Filter genannt, der sich beispielsweise wie folgt echauffiert:

Wenn die Regierung (zum Beispiel in Form des Kanzleramtsministers) aber einem Abgeordneten des Parlamentes (lustigerweise aus der selben Partei, wie jener Minister), der es wagt, nicht im Sinne der Regierung abzustimmen oder gar auch noch entsprechend den Mund aufzumachen und eigene Gedanken zu äußern, Sachen sagt wie:

Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann deine Scheiße nicht mehr hören.

…also sozusagen dem Parlament versucht den Mund zu verbieten und ihn regelrecht aus dem Parlament zu mobben, wird mir schlecht.

Ich kann das sehr gut nachvollziehen, lieber Jan. Auch ich kämpfe regelmäßig mit dem Brechreiz, wenn ich lese, was unsere Regierung sagt und tut. Das ist ganz normal. Ich vermute, jedem anständigen Menschen geht das so. Ich bin mir nur nicht sicher, ob mit Bosbach der richtige Mann zum Märtyrer gemacht wird.

Ist Bosbach tatsächlich ein Aufrechter wie Frank Schäffler, der die Transferunion aus Überzeugung ablehnt, weil sie schädlich für Frieden und Freiheit in Europa ist? Hat Bosbach ähnliche Gründe wie sein Parteifreund Hans-Peter Willsch, der u.a. sagt, wer die Gläubiger von vornherein aus der Verantwortung entlässt, stellt die Verhältnisse auf den Kopf und deshalb lehne er diese Rettungsschirmspolitik ab? Hat Bosbach das Format dieser beiden Recken, die seit Wochen und Monaten unermüdlich für ihre Position werben und dafür streiten, dass die Verluste der Banken nicht sozialisiert werden und dabei auch noch tapfer den Spott und Hohn sogar der eigenen Partei ertragen?

Ich mag daran nicht glauben. Ich denke eher, Bosbach ist einer wie Philipp Rösler, also ein Populist, der in Wahrheit nicht seinem Gewissen, sondern seiner eigenen Agenda folgt. Angela Merkel kann ja nicht ewig auf dem Thron hocken. Der Tag an dem sie abdanken wird, scheint nicht mehr allzu fern und dann muss schließlich ein Nachfolger bereit stehen. Da wird es für Wolfgang Bosbach langsam Zeit sich in Position zu bringen.

Vielleicht dachte auch Ronald Pofalla so und deshalb ist ihm der Kragen geplatzt. Vielleicht wollte er Bosbach gar nicht den Mund verbieten oder ihn aus dem Parlament mobben, vielleicht konnte er Bosbachs Gerede über dessen plötzlich wieder entdecktes Gewissen einfach nicht mehr hören, seinen Anblick nicht mehr ertragen. Vielleicht wurde ihm sogar ganz schlecht. Soll ja vorkommen.