Deutschland exportiert gar nichts,
Sascha Tamm, 27.01.2012
sondern Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind, verkaufen Unternehmen, die in anderen Ländern ansässig, Waren und Dienstleistungen. Umgekehrt gilt das natürlich auch – Deutschland importiert auch nichts. Doch ist das wichtig oder ist es nur Wortklauberei? Es wird dann wichtig, wenn, wie die Welt schreibt, das deutsche Exportwunder in Davos am Pranger steht und damit politische Forderungen verbunden werden.
Da behauptet dann Larry Summers, ein ehemaliger Wirtschaftsberater von Obama folgendes: „Wenn alle auf Export setzen, gibt es niemanden mehr, der das Zeug kauft. Dieses Wirtschaftsmodell ist nicht nachhaltig.“ Genau, wenn alle Unternehmen auf der ganzen Welt nur noch Badewannenstöpsel produzieren, und keiner welche kauft, haben wir ein Problem. Aber so blöd ist ja niemand, jedenfalls außerhalb von Davos, wo diese Diskussion gerade geführt wird. Unternehmen produzieren etwas, von dem sie annehmen, dass es Menschen oder Unternehmen gibt, die bereit und fähig sind, dafür zu bezahlen. Das gilt für Unternehmen auf der ganzen Welt. Man nennt das Marktwirtschaft.
David Cameron sagt: „Wenn manche Länder Jahr für Jahr besser abschneiden als andere, kann es Probleme geben.“ Zuerst mal: Wenn Jahr für Jahr eine Fußballmannschaft besser abschneidet als andere, gibt es noch kein allgemeines Problem. Höchstens die Dauerverlierer haben eins, und das müssen sie selbst lösen, wenn sie auch mal vorne liegen wollen.
Doch ernsthaft: Es schneiden nicht Länder besser oder schlechter ab, sondern Unternehmen. Diese haben Probleme, wenn sie keine Gewinne machen. Wenn in einem Land viele Unternehmen keine gewinne mehr machen, so gibt es tatsächlich ein Problem für viele Menschen, die dort leben. Dann gibt es vielleicht tatsächlich ein politisches Problem – Unternehmen werden zu stark besteuert, irgendwelche anderen Rahmenbedingungen sind schlecht. Doch daran sind nicht Unternehmen in anderen Ländern „schuld“, die Gewinne machen, und nicht einmal die Regierungen anderer Länder.
Die Kritik an „deutschen“ Exportüberschüssen hat natürlich ein Ziel – die Bundesregierung soll irgendetwas dagegen tun. So z.B. die Binnennachfrage stärken. damit die anderen Länder mehr Chancen haben, nach Deutschland zu exportieren. So äußern sich auch viele deutsche Politiker. Doch es ist nicht die Aufgabe des Staates, private Entscheidungen für Konsum, Investitionen, Sparen zu steuern – glücklicherweise ist es ja auch fraglich, ob Staaten das überhaupt können. Dazu gibt es noch zu viele Menschen, die selbst entscheiden wollen.
Makroökonomische Zahlenspiele mögen irgendeine Aussagekraft haben, als Grundlage für politische Interventionen sind sie gefährlich. Sie suggerieren, dass es Stellschrauben gibt, an denen Regierungen drehen können, um bestimmte Indikatoren zu verändern. Und tatsächlich können sie leider damit Erfolg haben: Erhöhte Zölle oder andere Handelshemmnisse beschränken z.B. mit großer Wahrscheinlichkeit Importe in ein Land. Und das, so würden Politiker sagen, sei gut für „das Land“, es schafft Jobs im eigenen Land, die sonst „unfairer“ Konkurrenz ausgesetzt sind. Doch das ist, wie fast immer in der Welt der Politik, nur eine Seite der Medaille – es leiden die Konsumenten, die bestimmte Dinge gar nicht mehr oder zu einem höheren Preis kaufen können, es leiden Unternehmen, die höhere Preise an ausländische Zulieferer zahlen müssen. Es profitieren dagegen Unternehmen, die auf einem offenen Markt nicht konkurrenzfähig sind, und verkaufen schlechtere Produkte zu höheren Preisen, als das sonst möglich wäre.
Sicher ließen sich auch Stellschrauben finden, um den deutschen Exportüberschuss zu reduzieren. Doch das würde nur eines bedeuten: In die Entscheidungen von Unternehmen und vielen einzelnen Menschen einzugreifen, um bestimmte Interessengruppen zu befriedigen, in diesem Fall die politischen Klassen anderer Länder und die Eurokratie, die ja auch auf „ausgeglichene“ Handelsbilanzen hinzuwirken.
Übrigens, um einem Missverständnis vorzubeugen: Natürlich sind nicht Exporte per se gut und Importe schlecht. Ich sage also auch nicht, dass Deutschland immer einen Exportüberschuss haben muss – das ist erstens ziemlich unwichtig, und zweitens sollte darüber nicht die Politik entscheiden, schon gar nicht die europäische oder die globale.
antibuerokratieteam.net





Ja, es ist Wortklauberei. Denn der Rede vom nationalstaatlichen Export/Import liegt das Denkmodell grenzüberschreitender Warenströme aus/in definierte Wirtschaftsräume zu Grunde. Nicht mehr, nicht weniger. Volkswirtschaftslehre hieß früher einmal Nationalökonomie.
Deiner Analyse im Beitrag ist ansonsten voll zuzustimmen :)
wie wahr
Das finde ich nicht nur wahr, sondern auch sprachlich sehr gut gelungen.
Wobei ich der Ansicht bin, dass es so etwas wie Nationalökonomie durchaus gibt. Die Chinesen zeigen gerade sehr gut, wie sie funktioniert: Sie öffnen ihre Märkte nur dort wo es ihnen nützt, verlangen Technologietransfers, kaufen ausländische Unternehmen und drohen bei politischen Widerständen die Schließung ihrer Märkte an. Das ist schon extrem wirksam.
Ein Land mit hohen Export-Überschüssen muss sich auf Druck von den Import-Überschuss-Ländern einstellen. Zumal ein größerer Teil dieser Überschüsse ja nun in Deutschland investiert wird und nicht mehr in Häuslebau-Aktivitäten in Spanien oder den USA bzw. auch eine immer weitere Ausblähung des Finanzstandorts London oder Nummernkonten in der Schweiz. Meine Kanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, muss mit diesem Druck umgehen. Kommentatoren habens da bequemer. Sie können einfach 3 mal laut Foul rufen.
Und selbstverständlich agieren Unternehmen nicht in einem luftleeren Raum sondern innerhalb von regulatorischen und kulturellen Entitäten, die nun einmal zu einem nicht geringen Teil Nationalstaaten darstellen.
Herr David Cameron sollte sich natürlich auch die Frage stellen, warum deutsche Produkte so viel mehr nachgefragt werden als Produkte aus UK.
Bei solchen Debatten verbirgt sich hinter dem Label Deutschland eigentlich auch ein ganzes Cluster von Ländern. Skandinavien, Niederlande, Nord-Belgien, Luxemburg, Deutschland, Österreich, die Schweiz, Teile von Tschechien und die Region Bratislava.
Und dann wächst die Welt der Menschenkinder in entwickelten Volkswirtschaften immer weiter über den traditionellen Rahmen raus. Eine Senkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Ost-Asien hin zu dem Niveau Nord-Atlantischer Volkswirtschaften wird sich kaum jemand wünschen.
Nun beschwert sich ein konservativer britischer Premier über die zu starke Kompetivität unserer Wirtschaft sowie dem zu hohen Eisengehalt unserer Lady an der Spitze. Ich deute das als ein klares Signal, dass die dominierenden Ideen-Linien der deutschen Liberalen einer Phase der kreativen Zerstörung bedürfen.
Das Problem ist nicht, dass es wirtschaftlich sehr starke und sehr schwache Länder gibt, sondern dass sie eine gemeinsame Währung verbindet.
Das zweite Problem ist, dass alle geschriebenen Regeln gebrochen werden können, aber die eine, ungeschriebene, nicht.
Das Tabu der Staatsinsolvenz.
@4.
Ich fürchte, das geht nicht: Exportüberschuss ist immer auch Kapitalexport.
Stimmt Rayson.
@6 »Exportüberschuss ist immer auch Kapitalexport.«
Aber nur, wenn der Bäcker dem Kunden das Geld leiht, um die Brötchen des Bäckers zu kaufen – Oder habe ich da etwas missverstanden.
http://liberalesinstitut.wordpress.com/2011/09/14/der-mythos-vom-wohltatigen-exportuberschuss/
@8.
Scheint so. Die Gleichung Exportüberschuss=Netto-Kapitalexport ist eine buchhalterische Zwangsläufigkeit, genau wie Aktiva=Passiva: http://de.wikipedia.org/wiki/Zahlungsbilanz