Die Nominierung Joachim Gaucks als Bundespräsident halte ich für eine akzeptable drittbeste Lösung – nach der ersatzlosen Streichung des Amts und dem Mihigru-Dreamteam Henryk Broder und Hamed Abdel-Samad.
Besonders erfreulich finde ich, dass die FDP endlich einmal Standfestigkeit gezeigt hat, und Gauck gegen den Widerstand einer vor Wut schäumenden Bundesmutti durchsetzte. Bravo!

Es sieht so aus, als würde der Trick von SPD und Grünen, den liberal-konservativen Gauck als ihren Kandidaten zu nominieren, gewaltig nach hinten losgehen. Gauck nimmt kein Blatt vor den Mund, bezeichnet den Ruf der Occupy-Bewegung nach staatlicher Regulierung der Finanzmärkte als „unsäglich albern“, Thilo Sarrazin attestiert er „Mut“ (gleichwohl er dessen Argumentation kritisiert), er scheut sich nicht einmal, ein politisch inkorrektes Wort wie „Überfremdung“ in den Mund zu nehmen.

 

Wir brauchen eine differenzierte Islam-Debatte

Die Islamverbände in Deutschland trauern bereits Christian Wulff hinterher, dessen einziges Vermächtnis wohl der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ bleiben wird. Würde Joachim Gauck das wohl auch so formulieren? Wir dürfen gespannt sein auf seine erste große Rede als Bundespräsident! Vielleicht lässt er sich dabei von seinen Beinahe-Konkurrenten Broder und Abdel-Samad beraten? Die kennen sich mit dem Thema Islam bekanntlich gut aus…

Es ist gut, dass die Zeit des Schweigens über Themen wie Einwanderung, Integration und Islam vorbei ist. Im Zukunftsdialog der Bundesregierung steht der Wunsch über eine offene Diskussion über den Islam mit Abstand an erster Stelle. Deutschland ist de facto längst zu einem Einwanderungsland geworden, wir müssen uns daher auf differenzierte und kluge Weise mit diesen Themen beschäftigen.

Gehört der Islam zu Deutschland, wie Ex-Bundespräsident Wulff unter dem Beifall der Islamverbände und der politisch korrekten Medien gesagt hat? Es ist unbestreitbar, dass in unserem Land viele Menschen leben, die aus islamisch geprägten Ländern stammen. Viele haben sich hier gut integriert, sprechen fließend Deutsch und verstehen sich als Deutsche. Natürlich gehören die hierher, egal ob sie anders aussehen als die Biodeutschen und Namen mit vielen Ös und Üs tragen.

 

Kritik der säkularen „Neudeutschen“

Viele von ihnen sehen die stark mit Politik vermischte Religion ihrer alten Heimatländer kritisch, haben sich entweder vom Islam losgesagt oder verstehen sich als „säkulare“ bzw. „Kulturmuslime“, die den Islam sehr frei für sich interpretieren oder lediglich bestimmte kulturelle Bräuche pflegen, so wie auch Atheisten in Deutschland Weihnachten und Ostern feiern.

Es ist kein Zufall, dass die schärfsten deutschen Kritiker des Islams selbst aus dem islamischen Kulturkreis stammen – z.B. die Gründerin des „Zentralrats der Ex-Muslime“ Mina Ahadi, die Anwältin Seyran Ateş, die Soziologin Necla Kelek oder der schon erwähnte Hamed Abdel-Samad. Auch in meinem persönlichen Freundeskreis haben die „Neudeutschen“ die wenigsten Hemmungen, sich kritisch über den Islam zu äußern – während wir Biodeutschen in diesem Fall bekanntlich sofort mit der Nazikeule geschlagen werden.

Wer die hier lebenden Menschen, die aus islamisch dominierten Ländern kommen, pauschal als Angehörige einer totalitären Ideologie abstempelt, die Gewalt gegen Andersgläubige befürwortet und Frauen und Schwule als Menschen zweiter Klasse ansieht, begeht einen groben Fehler.

Wir sollten sehr genau differenzieren: wer den Koran und die Hadithen wörtlich nimmt und sein Handeln danach ausrichtet, wer meint, dass die „Gesetze Gottes“ höher stehen als die Menschenrechte, „gehört“ sicher nicht nach Deutschland.

 

Islam oder Islamismus?

Wer hingegen individuell einen Gott anbeten möchte, den er „Allah“ nennt, sich dabei nach Mekka verbeugt und einmal im Jahr fastet, kann das gern tun, solange er niemanden (auch nicht seine Kinder) dazu zwingt, diesem Weg zu folgen – und sich ansonsten an die Gesetze und die Ethik unserer Gesellschaft hält.

Zur Religionsfreiheit gehören auch die Freiheit von der Religion und die klare Trennung von Staat und Religion – ein Konzept, das dem Islam fremd ist. Die Unterscheidung zwischen Islam (als spirituellem Weg) und Islamismus (als politischer Ideologie) ist ein zutiefst westlich-säkulares Konzept, das sich im islamischen Kulturkreis bisher noch nicht durchgesetzt hat.

Die dominierende, nach politischer Herrschaft strebende Spielart des Islam – so wie sie von den islamischen Fundamentalisten verstanden wird – „gehört“ hingegen ebensowenig in die freie Gesellschaft, die ich mir für Europa und Deutschland wünsche, wie der Nationalsozialismus oder der Kommunismus.

Ich hoffe sehr, dass unser neuer Bundespräsident sich diesem wichtigen Thema widmen und den Wunsch der Deutschen (ob mit oder ohne Migrationshintergrund) nach einer offenen, tabulosen Auseinandersetzung mit dem Islam ernst nehmen wird.