Congressman Ron Paul at an event hosted in his...
Congressman Ron Paul at an event hosted in his honor at CPAC 2011 in Washington, D.C. -- Bild: Gage Skidmore (Flickr: Ron Paul) CC-BY-SA-2.0, via Wikimedia Commons

«End the Fed!» brüllen die jungen Aktivisten. Wieder und wieder «End the Fed!». Sie fordern den Tod einer hybriden Institution die nicht ganz Unternehmen ist und nicht ganz Behörde. Sie fordern nicht weniger als einen tiefen Einschnitt, der nach gängiger Ansicht das Geldwesen erschüttern würde.

Ununterbrochen: «End the Fed!» Es ist die Forderung nach dem Ende der Federal Reserve, der amerikanischen Zentralbank. Doch was dem einen die Erschütterung der Geldversorgung ist, ist diesen Jubelnden die Rückkehr zu einer gesunden monetären Verfassung. Um die Feinheiten der theoretischen Fundierung einer marktwirtschaftlichen Geldordnung nach der Vorstellung des Wirtschaftsnobelpreisträgers F. A. Hayek geht es an diesem Abend aber nicht.

Sie schreien immer noch: «End the Fed!» Als Ron Paul am Rednerpult steht, geraten die Sprechchöre zu einem sehr lauten, sehr überschwenglichen Durcheinander. Viele junge Menschen jubeln frenetisch einem alten Mann zu, der für den Geschmack der intellektuellen Klassen eher abwegige Ideen vertritt. Es ist ein Spektakel, das seinen Darstellern den Spottnamen Paulbots eingetragen hat – und mitunter hat es den Anflug einer ideologisierten Massenbewegung. Die Realität der Paulistas, wie sich selbst lieber nennen, ist komplexer – für einfache Wahrheiten begeistern sie sich dennoch. Mit allen Licht- und Schattenseiten einer hochmotivierten, gelegentlich fanatisierten, Jugendbewegung. Die Rede wird immer wieder von Sprechchören unterbrochen: «President Paul, President Paul, President Paul!»

Ron Paul hatte schon lange vor dem Ende des Vorwahlkampfes seinen Kampf gewonnen. Der prinzipientreueste  Abgeordnete im amerikanischen Kongress muss nicht Präsident werden, um wirklich erfolgreich zu sein. Paul ist nicht umsonst eine Figur, die zumindest aufmerksamen Beobachtern keine abschliessende einseitige  Bewertung erlaubt, ist er in seinem verfassungstreuen Anachronismus doch merkwürdig zeitgemäß.

Zeitgemäß, weil er sich unermüdlich gegen das stemmt, was “inside the Beltway” als die normative Kraft des Faktischen gilt. Weil er die Daseinsberechtigung der wuchernden Behörden und Befugnisse des Bundes in Washington oft als Einziger im Kongress bestreitet.

Cover of "END THE FED"
Cover of END THE FED

Zum Beispiel: «End the Fed!» Ron Paul hat ein Buch mit diesem Titel verfasst. Er kämpft als Politiker und Aktivist gegen das Zentralbankmonopol, seit Richard Nixon mit der endgültigen Aufhebung der Golddeckung 1971 die letzten Reste einer Kopplung des US-Dollars an Realwerte vernichtete. Über Jahrzehnte kämpfte er gegen eine Maschinerie an, die unaufhaltsam und unbesiegbar schien. «Steigende Preise sind eine direkte Folge der Entwertung unserer Währung durch die Fed», so Paul in einer jüngeren Presserklärung, die aus jeder seiner Wahlperioden in den letzten Jahrzehnten stammen könnte.

Die längste Zeit seiner 24 Jahre im Repräsentantenhaus predigte Paul dies zu einer kleinen aber umso geschlosseneren Gemeinde libertärer Anhänger. Zur immergleichen, bereits überzeugten Zuhörerschaft zu sprechen, ist als «Preaching to the flock» im Englischen nicht umsonst ein feststehender Begriff.

Als Ron Paul 2007 zu den republikanischen Vorwahlen für die amerikanische Präsidentschaftskandidatur antrat, wuchs seine Anhängerschaft rasant. Und es war nicht nur seine regelrecht halsstarrige Prinzipientreue, die ihn populär machte. Dass er seine eigenen konservativen Moralvorstellungen ausdrücklich nicht als Blaupause für alle Amerikaner verstand, sondern auf die Freiheit des Individuums, richtige Entscheidungen zu treffen, setzte, eröffnete ihm den Zugang zu Millieus, die dem Rest der republikanischen Partei für immer verschlossen bleiben. Gerade jene Wählerschichten, auf die ausgerechnet Barack Obama ein absolutes Monopol zu haben schien, «The Young and the Wired», stellen den größten Anteil der Paul-Anhänger. Dass Paul gerade diese Jungen, Internetaffinen und im besten Sinne des Wortes Politikverdrossenen hinter sich sammelt, hängt viel weniger mit geschicktem Marketing zusammen als mit einem von sich aus überzeugenden Produkt.

Ron Paul ist erfolgreich, weil ihm die übliche Definition von Erfolg im politischen Amerika gleichgültig ist. Der Versuch, ihn an gewonnenen Wahlen und verabschiedeten Gesetzen – kurzum: in der Währung Washingtons – zu taxieren, kann dem Phänomen notwendigerweise nicht gerecht werden. Paul wird möglicherweise von der politischen Bühne abtreten, ohne über den Status eines wunderlichen Quertreibers im Kongress herausgekommen zu sein. Dennoch: Als ein solcher leistet Paul Pionierarbeit für eine neue Generation Freiheitsbewegter in den USA und weltweit.

Paul hat die politische Landschaft der Vereinigten Staaten von Amerika sicherlich belebt und als Impulsgeber in vielen Fragen bereichert. Darauf basiert sein Erfolg. Notwendigerweise muss sich jedem ernsthaften Beobachter die Frage stellen, ob so viel Licht nicht auch mit Schatten kommen muss. Ron Paul gibt eben auch Anlass zur Kritik.

Sollte es jemandem geben, der im politischen Betrieb den Libertarismus bis an seine Grenzen bringen kann, ist es Ron Paul. Die Ergebnisse der Jahrzehnte andauernden freiheitlichen Tour de Force sind mitten im letzten entscheidenden Wahlkampf dieses zornigen alten Mannes zu besichtigen. Neben dem an sich erheblichen Verdienst, dass republikanische Politiker der individuellen Freiheit mehr Bedeutung zumessen (zumindest verlautbarungsweise), findet sich auf Pauls Weg Kontroversen, rassistische Ausfälle und ein durchaus naives aussenpolitisches Selbstverständnis. Eine abschliessende Beurteilung Pauls muss auch bei Freunden der Freiheit notwendigerweise an einigen Stellen zwiespältig ausfallen. Aber warum Paul nicht einfach nur verteufelt oder nur vergöttert werden kann, bedarf einer ausführlichen Erklärung.

Diese finden geneigte Leser in Form meines Features ab dem 13. April 2012 in Blink² …