Die Rose unterm Kartentisch – Von Tradition und Aufbegehren
Acton's Heir, 24.07.2012

Menü: Glacierter Staatsbürger in Uniform am Ragout von Tradition und Widerstand (Photo: DF)
Am Abend des 20. Juli 2012 wollte ich den Bendlerblock besuchen, um eine Rose abzulegen, dort wo Claus Schenk von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften in der Nacht zum 21. Juli nach dem gescheiterten Attentat erschossen wurden. Doch es waren sämtliche Zugänge so weiträumig wie hermetisch abgesperrt. Den bewachenden Polizisten hätte wohl niemand eine Rose zum Weitertransport anvertraut … So ging ich weiter zur Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ und legte meine Rose dort nieder, wo viele Widerstandskämpfer gefoltert und ermordet wurden.
Der Bendlerblock war gesperrt, weil dort das Gelöbnis der Bundeswehr-Rekruten stattfand. Die relativ neue und nicht unumstrittene Tradition, das Gelöbnis dort abzuhalten, wo Zentrum und tragischer Endpunkt des Widerstands vom 20. Juli lagen, wird mit dem Vorbildcharakter des Widerstands für die Bundeswehr begründet. Dies ist typisch dafür, wie das Polit-Establishment seit der Gründung der Bundesrepublik jene tapferen Männer umdeutet: Sie werden zu geistig-moralischen Vorfahren des demokratischen Deutschlands, und so zu Garanten der staatlichen Ordnung, gemacht. Diese Sichtweise verkennt aber die eigentliche Leistung der Widerstandskämpfer. Die Attentäter für die Festigung des staatsbürgerlichen Bewusstseins zu instrumentalisieren, bedeutet, ihre eigentliche Leistung im Nachhinein zu negieren. Beinahe alle an dem Attentatsversuch Beteiligten waren, anders etwa als Kreisauer Kreis oder christlicher und sozialdemokratischer Widerstand, dem Nationalismus durchaus so zugeneigt, wie auch der Vorstellung, dass Hegel, der Hausphilosoph des preußischen Staates, Recht hätte, als er über den Staat schrieb: „es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist, sein Grund ist die Gewalt der sich als Wille verwirklichenden Vernunft“ .
Die Vorstellung, man könne, dürfe oder müsse sich gar dieser gottähnlichen Gewalt widersetzen, die der Führer des Staates personifizierte, war Männern wie Stauffenberg, Goerdeler oder Beck von ihrem Wesen her völlig fremd. Jahre des Ringens und Zweifelns kostete es sie, den Mut zu ihrer Tat aufzubringen. Am Ende siegte Gewissen über Skrupel, Sittlichkeit über Treue zum Staat. Dieser Sieg ist ihre eigentliche Leistung. Und so wird der Ort, an dem ihr Widerstandsversuch scheiterte, zum Ort des Zweifels an Autoritäten, an dem Männer ihren Eid brachen, weil sie ihrem Gewissen folgten. Und ausgerechnet an diesem Ort und an diesem Tag sprechen nun junge Soldaten die Worte: „Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“ Unpassender geht es kaum. Es gibt wohl kaum eine widersinnigere Form, des 20. Juli zu gedenken, als eine Staatsmacht, die sich ihres Gewaltmonopols versichert. Für diesen Anlass wären geschätzte 360 Tage des Jahres angemessener.
Der 20. Juli sollte vielmehr ein Tag sein, an dem ehrlich und kritisch der Anspruch staatlicher Gewalt und der Missbrauch von Autorität reflektiert wird. Er sollte in der Tradition des Zweifels stehen, der die Männer des 20. Juli dazu brachte, zur Freiheit ihres Gewissens zu kommen. Es ist erschütternd, dass ausgerechnet dieser Tag von Staat und Politikern usurpiert wird. Da gewinnt die Mahnung unseres jetzigen Bundespräsidenten an Dringlichkeit, der am 20. Juli 1996 in einer Rede davor warnte, „dass unsere Demokratie möglicherweise durch dieselbe Haltung zugrunde gehen könnte, die die Diktatur so lange am Leben erhalten hat, nämlich unser unkritisches, unengagiertes Danebenstehen. Manchmal befällt mich die Horrorvision, dass immer mehr unserer spaßwütigen Mitmenschen sich selber Ketten anlegen, obwohl kein Diktator in Sicht ist, der sie ihnen anlegen will.“
antibuerokratieteam.net




