Märkte sind böse. Sie verkörpern unsere dunkle Seite. Ganz besonders die Finanzmärkte – die sind besonders böse. Behauptet jedenfalls in der FAZ Marco Herack in dem Text: Der Markt hat immer recht  Sie verkörpern Rationalität und Nutzenorientierung. Unsere gute Seite dagegen, die zeigt sich in der Demokratie – oder genauer gesagt: in der Gesellschaft: „Die dunkle Seite, die uns innewohnt und ein Teil des Menschseins ist, konnten wir innerhalb des sichtbaren Parts der Gesellschaft mittlerweile bändigen.“ Genau, da gibt es nichts Böses. Da wird niemand betrogen oder belogen. Da werden Entscheidungen zum Wohl aller getroffen – so möchte der Autor suggerieren. Doch das Gegenteil ist richtig- in Demokratie und Politik hat unsere „dunkle Seite“ viel bessere Chancen, sich auszuleben.

In der Gesellschaft und in demokratischen Entscheidungsprozessen ist es viel einfacher, sich bei anderen zu bedienen. Dort ist es viel einfacher, langfristige Folgen von Entscheidungen auf andere abzuwälzen. Und das gilt in besonderem Maße bei den Fehlentwicklungen, die teilweise zu recht beklagt werden. Märkte beschränken dagegen unsere dunkle Seite, unseren Willen, andere zu übervorteilen. Hier sind immer zwei Seiten notwendig, die sich freiwillig auf et-was einigen. Hier muss ich auf den anderen eingehen, um zu einer Einigung zu kommen. In der Gesellschaft habe ich dagegen viele Instrumente, andere zu übervorteilen – und sie merken es oft gar nicht. Es wird nicht getauscht, sondern um einen Anteil großen Kuchen der Umverteilung gekämpft. Hier wirkt nicht der freie Markt, sondern politische Ökonomie. Hier wirkt das staatliche Gewaltmonopol – und bietet im Gegensatz zum Markt keine Alternative. Hier findet unsere dunkle Seite einen wunderbaren Nährboden.

Das so viel geschmähte ökonomische Prinzip ist der beste Schutz gegen unmoralisches Handeln – hier gibt es wirksame Kontrollmechanismen. In der Gesellschaft dagegen, in demokratischen Entscheidungsprozessen dagegen, gibt es viele Methoden, den Interessen Einzelner oder kleiner Gruppen auf Kosten vieler, die sich nicht wehren, zum Durchbruch zu verhelfen. Und zum Schluss kann man dann die Schuld, wenn es nicht ganz so klappt, die Schuld den Märkten ge-ben. So ist es z.B. beim Rentensystem, einem Beispiel, das der Autor selbst verwendet. Lasten wurden in die Zukunft verlagert, ohne sich um wirtschaftliche Fragen auch nur einen Deut zu scheren. Implizite Verschuldung wurde aufgebaut – irgendjemand wird es schon bezahlen. Das ist die dunkle Seite unserer Gesellschaft.

Nehmen wir ein anderes Beispiel, das nicht nur der Autor strapaziert, sondern so fast jeder, der sich heute profilieren will: Unsere dunkle Seite verkörpert sich, unsichtbar natürlich für alle (außer für die Wissenden die all das durchschauen und für die demokratische Kontrolle eintreten), im Untergrund der Finanzmärkte, die rational nach Profit streben. Die dortigen Akteure fühlen sich laut Herack zuweilen wie Götter, etwa bei Goldmann Sachs. Das ist wirklich gruselig, das muss ans Licht der Demokratie, das muss kontrolliert werden: „In einer Demokratie müssten wir darüber diskutieren, was nötig ist, um die Abhängigkeit von unserer dunklen Seite zu lösen. Wir würden uns dann fragen, was unsere Ängste in einer ausbrechenden Krise sind, und Auffangmechanismen entwickeln – nicht für Banken, sondern für Bürger: Strom, Essen, warmes Wasser, also auch Dinge, die ein Staat als gesichert zur Verfügung stellen kann und die den Begriff der „Systemrelevanz“ im Vergleich zu heute stark verändern.“

Tatsächlich ist die Finanzkrise, sind die angeblich systemrelevanten Finanzinstitute Ergebnis unserer dunklen Seite. Sie sind Ergebnis des Versuches des Agenten der Gesellschaft und ihrer Eliten, der Politik, ökonomische Regeln zu missachten. Sie sind Ergebnis davon, dass Zentralban-ken hemmungslos Geld drucken. Sie sind Ergebnis des hemmungslosen Verschuldungsdurstes unserer Politiker, der von Gesellschaften, die ihre dunkle Seite hemmungslos ausgelebt haben, befördert wurde. Sie sind Ergebnis des kompletten Ignorierens einfacher ökonomischer Zusammenhänge und einfacher moralischer Werte – ganz im hellen Tageslicht der Gesellschaft, nicht im geheimen Untergrund der Märkte. Und: Auch Strom, Essen und warmes Wasser werden am besten von freien Anbietern an freie Kunden geliefert. Viel besser jedenfalls, als wenn sich in staatlichen Eingriffen, oder gar staatlichen Anbietern unsere „dunkle Seite“ austoben darf.