… ist das einzige, das Pussy Riot vielleicht verletzt haben und das gleichzeitig irgendwie juristisch relevant sein könnte. Alle anderen Punkte, die jetzt von verschiedenen Kommentatoren, wie zum Beispiel in Zettels Raum oder auf der Achse des Guten diskutiert werden, um die Kritik an den autoritären Herrschern in Russland anlässlich der Verurteilung der Bandmitglieder zu relativieren oder gar zurückzunehmen, zeigen zweierlei:

Die Kommentatoren wollen keine freie Gesellschaft. Sie wollen eine Umwelt, die schön und nett und wohlklingend ist – und zwar nach ihren Maßstäben. Sie wollen auch eine Opposition, die sich so benimmt und so tickt wie sie. Kultiviert eben. Und gemäßigt. Da spielt es auch keine Rolle, dass das Regime in Russland das genaue Gegenteil ist – weder kultiviert noch gemäßigt.

Wenn die Opposition ihrem Musikgeschmack nicht entspricht, dann wollen sie doch lieber das Unterdrückungssystem.

Sie ignorieren einen essentiellen Unterschied: Es geht nicht darum, dass Pussy Riot kritisiert wird. Man kann sie beschimpfen, runtermachen – ganz nach Belieben. Das ist alles OK. Es geht darum, dass sie von einem staatlichen Gericht für das bestraft werden, was sie getan haben, und zwar mit einer Haftstrafe.

Schauen wir uns einige Punkte an, die mich an dem stören, was ich in den letzten Wochen so gelesen habe:

1. Die Band habe religiöse Gefühle verletzt.
Das mag sein. Es gibt religiöse Russen. Doch das ist deren Privatsache. Politische, antireligiöse und alle anderen Meinungsäußerungen dürfen in nicht vom Staat sanktioniert werden. Schluss. Auch dann nicht, wenn eine Mehrheit es vielleicht so will. Gerade dann nicht.

Im Übrigen setzt sich die orthodoxe Kirche in Russland durch ihre Staatsnähe politischer Kritik aus. Die orthodoxe Kirche ist Teil des Systems Putin.

2. Die öffentliche Reaktion in Deutschland wäre anders gewesen, wenn eine Band in Deutschland einen Gottesdienst einer christlichen Kirche gestört hätte.

Das mag sein. Doch wofür soll das bitte ein Argument sein? Wahrscheinlich hätte ein Teil des Meinungsjournalismus das gut gefunden, ein anderer schlecht. Doch es hätte keine Untersuchungshaft, keinen Schauprozess und keine Haftstrafe gegeben.

3. Die öffentliche Reaktion in Deutschland wäre anders gewesen, wenn eine Band in Deutschland oder gar in einem muslimischen Land einen Gottesdienst gestört hätte.

Das mag sein. Doch wofür soll das bitte ein Argument sein? Wahrscheinlich wäre der Meinungsjournalismus anders aufgeteilt als bei einer christlichen Kirche in Deutschland. Und wahrscheinlich würde die Band in einem muslimischen Land hart bestraft. Aber das ändert nichts daran, dass das ein grundlegender Verstoß gegen Freiheitsrechte ist.

4. Die Musik der Band ist nichts wert, Punk ist weder freiheitlich noch überhaupt Musik.

Mich interessiert Punk nicht die Bohne. Ich tippe mal, es gibt verschiedene Punkmusiker mit verschiedenen politischen Ideen oder auch ohne politische Ideen. Doch Opposition ist in jedem Land mit jeder Ausdrucksform legitim. Und die Forderung muss sein, dass sie auch legal ist. In Russland, in Deutschland, in Saudi-Arabien. Das ist der Punkt, und nicht Geschmacksfragen.

5. Wenn die Opposition in Russland so auftritt, dann sollte man ihr nicht vertrauen, dann wolle man eher etwas anderes.

Die Opposition in Russland hat viele Gesichter und Ausdrucksformen. Viele setzen sich für Pussy Riot ein, ohne sie zu mögen. Sie könnten trennen zwischen Fragen des politischen Prinzips und solchen des Geschmacks – im Gegensatz zu manch anderen.