antibuerokratieteam.net

Sektion der neoliberalen Weltverschwörung

Die Marktverzerrer

Sascha Tamm, 06.09.2012

Der Wahnsinn der Europäischen Zentralbank hat Methode. Heute hat sie sich selbst die Lizenz gegeben, ohne Begrenzungen (Draghi auf der Pressekonferenz der EZB: no limits are set) Staatsanleihen am Markt zu kaufen. Auch vorsorglich. Immer, wenn sie es für sinnvoll hält. Die Begründung dafür ist unverschämt dreist – und gleichzeitig in ironischer Weise wahr: Die Anleihenmärkte sind verzerrt. Das stimmt. Nur werden sie entgegen Draghis Analyse nicht von den privaten Marktteilnehmern verzerrt. Diese wissen ganz gut was sie von Staatsanleihen zu halten haben und wie viel sie bereit sind dafür zu zahlen. Sie verlangen mit guten Gründen hohe Renditen. Man kann sich höchstens fragen, ob ihr Blick auf Deutschland nicht durch einige Illusionen getrübt ist, wenn man sich hier die reale Verschuldung anschaut. Aber unter den Blinden ist bis heute der Einäugige König.

Die Anleihenmärkte werden von genau einem Akteur verzerrt – von der Europäischen Zentralbank selbst. Sie versucht, die Zinsen auf ein unsinnig niedriges Niveau zu drücken. Und das ist der einzige Akteur, der überhaupt kein Risiko trägt – im Zweifelsfall kann neues Geld gedruckt werden.

Natürlich handelt es sich aus der Sicht Draghis nicht etwa um Staatsfinanzierung durch die Notenbank. Es sind „monetäre“ Transaktionen. (Outright Monetary Transactions, OMT). Das ist Neusprech übelster Sorte – gedeckt von den „überzeugten Europäern“ aller Parteien und Länder. Sie lassen sich gern für dumm verkaufen, es geht ja um eine gute Sache.

Nein, es geht laut Draghi nicht darum, für Pleitekandidaten die Zinsen zu senken, um ihre Pleite herauszuzögern Es geht laut Draghi darum, die „Transmission“ der Geldpolitik zu sichern. Deren Signale kommen nämlich nicht an: Es wird Geld geschöpft ohne Ende – und trotzdem kaufen diejenigen, die sich das Geld ohne Probleme leihen können, Staatsanleihen nur mit einem großen Risikoaufschlag, wenn überhaupt. Sie wollen nicht auf die Signale der EZB reagieren.

So geht es nicht – da muss man die EZB verstehen. Da kauft sie eben die Anleihen selbst, die sonst fast niemand haben will, zu einem Preis, den sonst niemand zahlen will. Die EZB will den Marktpreis manipulieren – das nennt man Marktverzerrung. Sie macht damit natürlich einige glücklich – nämlich diejenigen, die noch auf solchen Schrottpapieren sitzen. Und Politiker, die zu niedrigeren Zinsen neue Schulden aufnehmen können, um die alten zu bezahlen, mit denen sie die noch älteren bezahlt haben. Wann werden endlich die Signale der EZB ankommen und richtig verstanden werden: Wir stabilisieren den Euro, indem wir Geld schaffen, indem wir alle Marktsignale außer Kraft setzen, indem wir diejenigen belohnen, die sich die Depots mit Junk Bonds vollgestopft haben. So werden Märkte verzerrt, ja pervertiert. Da nützt auch das Bekenntnis zu den Mechanismen nichts, die irgendwann in der Zukunft die Schuldenmacherei beschränken sollen, und die genauso alternativlos sind wie die Ausnahmen und Zusätze, mit denen sie in der Zukunft angepasst werden – mit Sicherheit.

Übrigens bekommt Draghi heute in Potsdam den M100-Medienpreis. Von der Website des Preises:  “Draghi wird vom M100-Beirat für sein Engagement ausgezeichnet, den Euro zu stabilisieren und mit allen Mitteln dafür zu kämpfen, das Europäische Haus zusammenzuhalten.”Das was Draghi gerade macht, ist etwas ganz anderes – er zerstört langsam und systematisch die Fundamente Europas – aber da ist er in Gesellschaft vieler “überzegter Europäer”. Hauptredner ist der Bundesfinanzminister.

 



9 Kommentare zu “Die Marktverzerrer”

  1. Diskus

    Like

  2. David

    Alles, was von der Politik dem staunenden und für blöd gehaltenen Publikum erzählt wird, ist irgendwo oder zur Gänze (die beliebtere Version, da einfacher zu handhaben) eine Lüge. Egal welche Partei, egal welcher Akteur. Man führt Scheingefechte auf (z.B. Schäuble), und dann beweihräuchert man sich gegenseitig (Medienpreis).
    Pfui Teufel, was für eine skrupellose Bande!

  3. Kleine Presseschau vom 7. September 2012 | Die Börsenblogger

    […] antibuerokratieteam.net: Die Marktverzerrer […]

  4. F.Alfonzo

    Das schoene an der Sache ist, dass government bonds jetzt wieder inflationssicher werden. Das Schneeballsystem geht also zumindest fuer die grossen Player (Pensionsfonds und Regierungen) auf unbestimmte Zeit weiter.

  5. Intervention, Streit und unbedachte Folgen

    […] die neuen Maßnahmen führen können, macht antibuerokratieteam.net im Beitrag Die Marktverzerrer deutlich. Die Nachhaltigkeit dieser Vorgehensweise darf bezweifelt […]

  6. Erling Plaethe

    Nur hat Herr Draghi den Kauf von Staatsanleihen von der Zustimmung durch die Rettungsschirme abhängig gemacht. Der EFSF ist nur vorrübergehend und die Zukunft des ESM hängt am BVerfG. Sollte dies die Klage gegen ihn annehmen, ist der EZB-Beschluss nichts wert.
    Hier wird vor allem nochmals der Druck auf Deutschlands oberstes Gericht erhöht.

  7. Wertanleger

    Es ist immer wieder belustigend, dass jemand glaubt, so ein Marktpreis sei in irgendeiner Art “richtig” oder würde eine gute Prognose für die Zukunft sein.
    Der Marktpreis ist nicht mehr und nicht weniger als der Preis zu dem gerade eben Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht sind. Er gibt vielleicht eine Art Durchschnittmeinung des Marktes wieder, ja vielleicht beinhaltet er sogar alle möglichen Informationen.
    Aber ist er deshalb “richtig” ?
    Es gibt massig Beispiele, wo Marktpreise im obigen Sinne sowas von falsch waren…

    Warum werden Assets gekauft ?
    a) Weil man glaubt (nach einer entsprechenden Analyse), dass der Wert des Assets höher ist als sein Preis (so denkt Warren Buffett).
    b) Weil man einfach glaubt, dass es jemanden gibt der einem das Asset zu einem höheren Preis abkauft. Diese ist dann besonders beliebt, wenn genau diese Überlegung in der letzten Zeit besonders gut geklappt hat. (The Trend is your friend)

    Aus analogen Überlegungen werden Assets auch nicht gekauft bzw. verkauft.

    Warum sind die Kurse mancher Anleihen so niedrig bzw. die Renditen so hoch? Weil viele glauben, dass es den Ländern wirklich so schlecht geht oder weil man befürchtet, dass der Trend weiter nach unten geht ? Schwer zu sagen.
    Die Marktreaktion auf die Ankündigung der EZB eventuell Anleihen zu kaufen, gibt aber einen guten Hinweiss.
    Die Renditen sind massiv zurückgekommen, die Kurse sind sehr stark gestiegen und zwar auf Niveaus, auf denen die EZB kaum noch kaufen wird.
    Insofern meinen die Anleger offenbar, dass der Wert dieser Anleihen immernoch höher ist als Ihr aktueller Preis. Sie haben nur nicht gekauft, weil sie befürchtet haben, dass die Kurse weiter fallen, da der Trend gegen Sie war.

    Nehmen wir als anderes Beispiel Griechenland und die Käufe der EZB ( die meines Erachtens wirklich unsinnig waren.) Die Kurse fielen, die Anleger nutzen die Chance Ihre Griechenlandanleihen an die EZB zu verkaufen und trotz EZB ging der Kurs weiter runter.
    Warum ? Weil hier die Anleger der Meinung waren, dass der Wert der Papiere weit geringer war als der Preis am Markt.

    Schade, dass Herr Tamm dies offenbar nicht weiss und der naiven Vorstellung, dass der Markt immer recht hat (oder besser richtig liegt), verfallen ist.

  8. Wertanleger

    Eine Frage Herr Tamm:
    Sind Sie der Meinung, dass jeder mehr sparen sollte und sich weniger verschulden sollte.

  9. tigger

    “Schade, dass Herr Tamm dies offenbar nicht weiss und…”

    Naja, eigentlich geht es in dem Artikel ja gerade darum, dass der Marktpreis durch die EZB beeinflusst wird, was Du in Deinen Beispielen auch bestätigst.

Einen Kommentar schreiben

Copyright © 2014 by: antibuerokratieteam.net • Template by: BlogPimp • Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.