Demonstrationen demonstrieren immer etwas, wenn auch nicht immer das was die Demonstranten demonstrieren wollen. Wenn die identitäre Bewegung keine 20 Teilnehmer für eine Demo vor dem Brandenburger Tor mobilisieren kann, dann demonstriert sie vor allem einen Mangel an aktiver Unterstützung – auf der Straße. Im virtuellen Raum mag das anders aussehen. Dies und die Tatsache, daß die Identitären ähnliche Themen wie andere Kritiker des politisch korrekten Mainstreams aufgreifen, ist Grund genug sie nicht einfach rechts liegen zu lassen sondern sich gezielt von ihnen zu distanzieren.

So finden sich Identitäre und klassisch Liberale in Opposition zum Multikulturalismus. Wenn Identitäre und Liberale in diesem Punkt übereinstimmen, wo liegt dann der Unterschied? Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt haben diese Frage prägnant beantwortet, als sie den ideologischen Hintergrund des norwegischen Terroristen Anders Breivik diskutierten:

“… Breiviks üble Ideologie erlaubt es uns, seinen Angriff auf den Multikulturalismus deutlich von der Kritik des Multikulturalismus seitens der Aufklärung zu unterscheiden. Beide Kritiken des Multikulturalismus stehen schließlich im direkten Gegensatz zueinander. Breivik richtet seinen Angriff auf das ‚Multi-‚ während die Aufklärung den ‚-kulturalismus‘ kritisiert. Er möchte christliche Werte in einem gewalttätigen Kreuzzug gegen muslimische Werte ins Feld führen. Die Aufklärungskritik des Multikulturalismus erkennt hingegen an, das sowohl der Multikulturalismus als auch Breiviks Monokulturalismus nichts anderes als zwei Lesarten der gleichen Fehlkonzeption sind: des Kulturalismus.” (city journal)

In der Wahl ihrer Methoden sind die Identitären gemäßigter als Breivik. Sie gehören allerdings zu jenen die vor allem das Multi- im Multikulturalismus ablehnen und den Kulturalismus akzeptieren. Die identitäre Sichtweise teilt also ein Menschenbild wonach der Kulturhintergrund eines Menschen nicht nur ein Einflussfaktor unter vielen sondern exklusive Determinante seiner individuellen Perspektive ist: wenn der Charakter und das Verhalten eines Menschen ausschliesslich und unabänderlich durch seinen Kulturhintergrund bestimmt werden, dann liegt der Schluß nahe, daß Angehörige verschiedener Kulturen räumlich oder rechtlich getrennt voneinander leben müssen, auch wenn sie sich gegenseitig respektieren.

Liberale Gegner des Multikulturalismus, und andere, die sich auf die Tradition der Aufklärung stützen, berufen sich auf ein anderes Menschenbild: das Individuum wird durch die Kultur beeinflusst aber nicht bestimmt. Erfolgreiche Integration ist also grundsätzlich möglich. Wer in der Tradition der Aufklärung argumentiert, kann den Kulturalismus ablehnen und das ‚Multi-‚ des Multikulturalismus gerade deshalb akzeptieren.

Eine individualistische Sichtweise ist darüberhinaus in der Lage, kulturelle Einflüsse nicht einfach in ‚einheimisch‘ und ‚fremd‘ zu unterteilen sondern sie nach ihrem Inhalt zu bewerten. Das macht es möglich, theokratische Strömungen wie den Islamismus konsequent abzulehnen und sich gleichzeitig mit jenen, die in islamischen Ländern verfolgt werden, zu solidarisieren:

„Die Kritik am Islam ist auf keinen fall reaktionär, sondern die einzige fortschrittliche Haltung, solange Millionen von Muslimen, ob Reformer oder Liberale, nur friedlich ihren Glauben praktizieren wollen ohne von Doktrinären oder Fundamentalisten bevormundet zu werden. (…) Es wäre an der Zeit, eine breite Unterstützung für alle Rebellen der islamischen Welt zu organisieren, ob es sich dabei nun um Gemäßigte, Ungläubige, Freidenker, Atheisten oder Schismatiker handelt, so wie einst die Dissidenten Osteuropas von uns unterstützt wurden.“ (Pascal Bruckner „Der Schuldkomplex“)