Gestern hat Papst Franziskus seine erste Reise als Papst unternommen. Er hat die Insel Lampedusa besucht, die seit Jahren für Tausende von Flüchtlingen die erste und oft auch letzte Etappe auf ihrem Weg nach Europa ist. Jährlich sterben Tausende von Menschen auf dem Weg dorthin und viele Tausende werden wieder zurückgeschickt in ihre Heimat, wo Not und Tod herrschen. In Europa werden diese verzweifelten Menschen oft als Bedrohung empfunden – das Bild der hungernden Afrikaner, die die Festung Europa stürmen wollen, sitzt tief in den Köpfen und Herzen der Menschen. Der Papst lenkte den Blick auf einen ganz anderen Aspekt, wenn er in seiner Predigt sagt: „Wer hat geweint über den Tod dieser Brüder und Schwestern? Wer hat geweint um diese Menschen, die im Boot waren? Um die jungen Mütter, die ihre Kinder mit sich trugen? Um diese Männer, die sich nach etwas sehnten, um ihre Familien unterhalten zu können?” Diese Flüchtlinge sind Menschen wie wir, die unser Mitgefühl verdienen. Sie sind Menschen wie wir, die auch ihre Chance verdienen, ihr Glück zu machen.

Er beklagt, dass wir dieses Elend zulassen. Dass sich die wohlhabenden Länder dieser Welt nicht verantwortlich fühlen für ihre Brüder und Schwestern in armen Gegenden, die ins Ungewisse, Gefährliche aufbrechen in der Hoffnung auf ein besseres Leben: „Niemand in der Welt fühlt sich heute dafür verantwortlich; wir haben den Sinn für brüderliche Verantwortung verloren … Wir sehen den halbtoten Bruder am Straßenrand, vielleicht denken wir ‘Der Arme’ und gehen auf unserem Weg weiter; es ist nicht unsere Aufgabe; und damit beruhigen wir uns selbst und fühlen uns in Ordnung.” Das größte Problem scheint mir tatsächlich zu sein, was er ausdrückt mit der Formulierung “es ist nicht unsere Aufgabe; und damit beruhigen wir uns selbst”. Diese Haltung finden wir nicht nur gegenüber den Flüchtlingen in Lampedusa – wir finden sie auch auf unseren Straßen. Er fährt fort: „In dieser Welt der Globalisierung sind wir in die Globalisierung der Gleichgültigkeit geraten. Wir haben uns an das Leiden des anderen gewöhnt, es betrifft uns nicht, es interessiert uns nicht, es geht uns nichts an!“

Diese Globalisierung der Gleichgültigkeit hängt, wie er feststellt, tatsächlich eng mit unserer „Wohlstandskultur“ zusammen. Denn ein wesentlicher Aspekt dieser Wohlstandskultur ist der Wohlfahrtsstaat: Wir können uns inzwischen Solidarität kaufen. Früher blieb angesichts knapper Ressourcen Menschen, die dem natürlichen menschlichen Impuls zum Helfen nachgehen wollten, nichts anderes übrig, als das eigene Brot, das eigene Dach zu teilen, selber mit anzupacken. In vielen ärmeren Ländern der Welt ist das heute noch so – der Papst wird das aus eigener Anschauung in Argentinien kennen. Als wir aber anfingen so viel Geld zu haben, dass es weit über den täglichen Bedarf hinausging, haben wir begonnen, uns das Leben mit Hilfe von Geld bequem zu machen. Und dazu gehört es eben auch, die eigene Solidarität zu delegieren. Damit meine ich nicht den reichen Kaufmann, der ein Armenhaus baut. Denn der teilt sein Brot wie der arme Bauer – er kann es nur bedenkenloser tun. Nein, der Wohlfahrtsstaat nimmt einem die unmittelbare Verantwortlichkeit ab. Der Steuerzahler gibt Geld, damit sich jemand um die Armen kümmert. Solidarität wird zu einem anonymen Akt der formalen Aufgabendelegation. „Jemand kümmert sich“ – das ist das Ende mitmenschlicher Solidarität, das ist das Ende des urmenschlichen Impulses, anderen zu helfen.Destruction_of_Leviathan

Es ist der überbordende Staat, der den Menschen entmenschlicht. Um Macht über ihn zu bekommen, nimmt der Leviathan dem Menschen das, was ihn zum Menschen macht: sein Mitgefühl, seine Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst wie für andere. Es stünde der christlichen Kirche gut zu Gesicht, ihren Gegenentwurf wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Nächstenliebe ist eben nicht etwas, das sich verordnen lässt. Nächstenliebe ist die Form der Solidarität, die – weil sie freiwillig geschieht – dem Geber und dem Beschenkten ihre Würde verleiht. Der überbordende Staat ist der Feind dieser Würde und darum ein Feind der christlichen Botschaft. Und schließlich heißt es ja schon in der Bibel: „An jenem Tag bestraft der Herr mit seinem harten, großen, starken Schwert den Leviathan, die schnelle Schlange, den Leviathan, die gewundene Schlange. Den Drachen im Meer wird er töten.“ (Jesaja 27,1)