Im letzten Jahr hielt Bundesbankpräsident Jens Weidmann eine sehr bemerkenswerte Rede über Goethe und das Geld. Dort sagte unter anderem: „In der Tat dürfte der Umstand, dass Notenbanken quasi aus dem Nichts Geld schaffen können, vielen Beobachtern als etwas Überraschendes, Seltsames, vielleicht sogar Mystisches, Traumhaftes – oder auch Alptraumhaftes – vorkommen. […] Schaut man in der Historie zurück, so wurden staatliche Notenbanken früher oft gerade deshalb geschaffen, um den Regenten möglichst freien Zugriff auf scheinbar unbegrenzte Finanzmittel zu geben.“
Diese Rede hat nicht nur Liberale erfreut, sondern auch die Goethe-Forscher aufhorchen lassen. War der Geheimrat etwa staatskritischer als bisher angenommen? Hatte der Bundesbankpräsident die Tür zu einem neuen Kapitel in der Goethe-Forschung aufgestoßen? Eifrig durchstöberten die Wissenschaftler das Goethe-Archiv in Weimar – auf der fieberhaften Suche nach Texten, die Weidmanns Argumentation bestätigen oder widerlegen könnten. Im Zug dieser Recherchen tauchte auch eine frühere Version des berühmten Gedichtes „Erlkönig“ auf, das die Interpretation des Frankfurter Währungshüters zu bestätigen scheint.
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Geldkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Welt?
Es ist der Bürger mit seinem Geld;
Er hat’s Vermögen wohl in dem Arm,
Er faßt es sicher, er hält es warm.

„Mein Geld, was birgst du so bang dein Gesicht?“ –
„Siehst, Bürger, du den Gelddrucker nicht?
Den Gelderdrucker mit Kron und Schweif?“ –
„Mein Geld, es ist ein Nebelstreif.“

„Du liebes Geld, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel‘ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch papier’n Gewand.“ –

„Mein Bürger, mein Bürger, und hörest du nicht,
Was Gelderdrucker mir leise verspricht?“ –
„Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Geld;
Es dauert bis ganz Dein Wert verfällt.“ –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter leben in Frankfurt am Main,
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

„Mein Bürger, mein Bürger, und siehst du nicht dort
Gelddruckers Töchter am düstern Ort?“ –
„Mein Geld, mein Geld, ich seh es genau:
Es scheint nur der alte Weidmann so grau.“ –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, druck ich mit Gewalt.“ –
„Mein Bürger, mein Bürger, jetzt faßt er mich an!
Gelddrucker hat mir ein Leids getan!“ –

Dem Bürger grauset‘s, er rast durch die Welt,
Er hält in Armen das ächzende Geld,
Erreicht die Bank mit Müh‘ und Not;
In seinen Armen das Geld war tot.