Nach ihrer Nemesis am vergangenen Wochenende steht die FDP am Anfang einer Phase der Neusortierung. Darüber kann auch die binnen 24 Stunden par ordre du Mufti aus dem Hut gezauberte bzw. als Hut in den Ring geworfene vermeintliche Lösung der Personalfrage nicht hinwegtäuschen. Dabei ist der entscheidende Punkt vielleicht gar nicht mal so sehr, ob man nun den bürgerrechtlichen, sozialliberalen oder den wirtschaftsliberalen Flügel auf die Bühne stellt. Diese Unterscheidungen sind ohnehin nichts mehr als grober Unfug, deren einziger Nutzen darin besteht, sich von Menschen, die einem unsympathisch sind, abzugrenzen.

Das eigentliche Problem der FDP liegt in ihrem Selbstbild. In 64 Jahren Bundesrepublik war die Partei 42 Jahre lang an Bundesregierungen beteiligt. 42 Jahre lang war sie die Partei der Staatsräson und auch die Partei des Establishments. Es gab wenige Zeiten, in denen ihr Personal nicht mit würdiger Miene durch die Republik schritt. Und es gab wenige Personen, die es wagten, aus diesem Honoratiorenkonsens auszuscheren. Das waren in den 70er Jahren Burkhard Hirsch und Gerhart Baum, in der Oppositionszeit zwischen 1998 und 2009 Jürgen Möllemann, Wolfgang Kubicki, bisweilen auch Guido Westerwelle, und in letzter Zeit Frank Schäffler. Eine etwas peinliche Bilanz für eine Partei, die sich dem liberalen Weltbild und mithin dem Individualismus verschrieben hat. Und so wirkt die FDP so, als ob sie ganz und gar zufrieden wäre, wenn sie dem Werksleiter in Sindelfingen, dem Rechtsanwalt in Düsseldorf und dem Apotheker in Kronberg garantieren kann, dass die Einkommensteuer so bleibt wie sie ist. Sie ist eine Funktionspartei und Klientelpartei, wie Christian Lindner sehr richtig analysiert hat.

Vielleicht wollen viele insgeheim Funktions- und Klientelpartei bleiben, weil sie sich davon eine Stammwählerschaft versprechen. Nach außen ist das aber natürlich nicht so attraktiv – man erinnert sich an Werner Hoyers unsägliches Diktum von der „Partei der Besserverdienenden“. Darum wurde irgendwann der Begriff des „mitfühlenden Liberalismus“ aufgebracht. (Pikant übrigens, dass das Attribut mitfühlend erstmals von George W. Bush popularisiert wurde, um sein Image als hardliner aufzuhübschen.) Aber mal ehrlich: mitfühlender Liberalismus? Das klingt doch extrem gönnerisch und arrogant. Auf der einen Seite sind die erfolgreichen, wohlhabenden Liberalen. Auf der anderen Seite die armen Existenzen, die leider nicht so reich, schön und sexy sind wie wir – die aber unser Mitgefühl verdienen. Und weil wir so verständnisvoll sind und auch bereit, ein bisschen zu teilen, werden sie uns gerne ihre Stimme geben. Der mitfühlende Liberalismus ist Ausdruck genau jener gutbürgerlichen Klassenmentalität, die die FDP über Jahrzehnte hinweg viel zu sehr geprägt hat – sie hat sich nur ein freundlicheres Gesicht zugelegt als bisher.

Was die FDP jetzt braucht ist Rebellengeist. „Punk, not Posh“ muss ihr Motto heißen. Sie muss für Erneuerung und Aufbruch stehen, nicht für das Erhalten eines saturierten status quo. Der vielgescholtene Manchesterliberalismus kann da einen Weg weisen. Sein Begründer Richard Cobden machte den Liberalismus zu einer Sache des kleinen Mannes. Sein Kampf für den Freihandel machte seine Ideen massenkompatibel. Es gelang ihm, deutlich zu machen, dass Freiheit jedem nutzt. Er patronisierte nicht den weniger wohlhabenden Teil der Bevölkerung, er nahm ihn ernst und gab ihm eine Perspektive. Er setzte auf Chancen statt auf Almosen.

Wenn die FDP wieder eine relevante Rolle spielen will im politischen Geschäft, muss sie sich um diese Haltung mühen. Sie muss sich von der Phrasendrescherei des bundesrepublikanischen Politik-Establishments verabschieden und wieder in die Rebellenrolle schlüpfen. Liberalismus verträgt sich besser mit Rebellentum als mit Herrschaft. Denn der Liberalismus glaubt an den Fortschritt, an die Fähigkeit des Individuums, in freier Kooperation sein eigenes Schicksal zu verbessern. Die FDP muss in den Jagdgründen der Piraten, der Grünen, der SPD und der Linken wildern statt ein Appendix einer positionsentleerten CDU zu bleiben. Die FDP muss staatsskeptisch werden statt staatstragend zu bleiben. Und die FDP muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen anstatt sie von oben herab zu behandeln. Denn die Menschen wollen nicht Mitgefühl, sie wollen ernstgenommen werden. Am besten funktioniert das, wenn man versucht, ihnen die eigene Überzeugung zu vermitteln. Die liberale Überzeugung, dass der Mensch dann glücklich wird, wenn er Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen kann.