… so heißt ein Film des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, in dem er schildert, wie Fremdes, Ungewohntes zu einem Klima der Angst und Aggression führt. Angst essen derzeit auch Seele der FDP auf. Die Seele der FDP, das ist der Liberalismus: Die grundlegende Überzeugung, keine allgemeingültige Komplettlösung anbieten zu können. Die Überzeugung, dass jeder einzelne am besten über sein Glück und Schicksal entscheiden kann. Die Überzeugung, dass das Leben ein Entdeckungsverfahren ist und es deshalb geradezu überlebenswichtig ist, anderen zuzuhören und Raum zu geben.

Seit dem Wahltag am 22. September aber macht sich in der FDP eine Angst breit, die genau diese Überzeugungen aufzufressen droht. Eine Angst, die selbst altgediente, honorige Politiker erfasst. Die F.A.S. berichtet, dass die in Bürgerrechtsfragen hochverdiente Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den „Partei-Rebellen“ Frank Schäffler für das Scheitern der FDP mitverantwortlich macht. In das gleiche Horn stößt der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff, Neffe des „Markt-Grafen“ Otto Lambsdorff: „Teile der Partei haben eine Stimmung erzeugt, die der AfD Wähler zugetrieben hat. Dieselben Teile der Partei verlangen jetzt, dass man genau hinter diesen Wählern hinterherläuft und die AfD kopiert.“

(Diese Darstellung ist schon in sich fehlerhaft. Diejenigen Teile der Partei, auf die Lambsdorff offenbar abzielt, haben mehrfach deutlich gemacht, dass die AfD nicht das große Vorbild sein soll. Der Frontmann Bernd Lucke kann zweifellos soliden ökonomischen Sachverstand vorweisen. Allerdings zeigt schon der Blick auf die zweite Reihe der Parteichargen, dass diese Partei mit Liberalismus nichts am Hut hat. Sie ist eine Melange aus Wutbürgern und Konservativen.)

In der Partei herrscht offensichtlich Angst. Und Angst erzeugt Aggression. Diese Aggression richtet sich jetzt gegen diejenigen, die es gewagt haben, den Kurs der FDP in den letzten vier Jahren nicht immer voll mitzutragen. Rational gesehen ist diese Schuldzuweisung angesichts des Wahlergebnisses überraschend, psychologisch gesehen leider erklärbar.

Angst verunmöglicht den Dialog. Und verunmöglicht somit auch die Chance, voneinander zu lernen. Man will nicht miteinander reden, man will nicht dem anderen zuhören. Die EU etwa wird zu einem Tabuthema erklärt. Hier herrscht eine Stimmung, die man in Anlehnung an die Rede von Kaiser Wilhelm II. zu Beginn des Ersten Weltkriegs beschreiben könnte mit den Worten: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Europäer!“

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Denn Angst verschließt die Ohren, die Augen und den Verstand. Was in der FDP jetzt gebraucht wird, sind mutige Menschen. Menschen, die sich anderen Positionen aussetzen und bereit sind, ihre eigenen jenseits von polemischen Plattitüden zu vertreten. Es ist in der Zeit des Mitgliederentscheids nicht gelungen, eine ernsthafte und freundliche Diskussionskultur in der Partei zu etablieren – wobei die Schuld durchaus auf allen Seiten zu suchen ist. Es wäre sehr begrüßenswert, wenn jetzt die Chance ergriffen würde. Denn die FDP braucht den offenen Wettbewerb der Meinungen.

Schluss mit Schuldzuweisungen und Spalterei. Schluss mit „Ausschließeritis“, Aggression und Angst. Leute, redet miteinander!

 

— Nachtrag —

Auch Hans-Dietrich Genscher erweist sich leider als ganz und gar nicht souverän: „Die FDP steht für Europa und den Euro. Wer das nicht akzeptiert, sollte sich fragen, ob er bei uns noch richtig ist.“
Nein, Herr Genscher, die FDP steht nicht für Euro oder Europa (sie meinen vermutlich die EU) – die FDP steht für Liberalismus!