Ursprünglich stammt der Begriff „liberal“ von „liberalis“ ab, das heißt „eines Freigeborenen würdig“. Bis ins 18. Jahrhundert war es etwas Individuelles: eine Bezeichnung für eine persönliche Tugend, die auch heute noch betont werden sollte. So sprach Johann Wolfgang von Goethe 1830 von: „Güte, Milde und moralischer Delicatesse“.

Von dieser Liberalität scheint man heute weit entfernt zu sein. Kein Tag vergeht, an dem keine talibanesken Säuberungsphantasien von Seiten selbsternannter Tugendwächter innerhalb und außerhalb der FDP verbreitet werden. In seiner scheinbar dunkelsten Stunde wird dem Liberalismus sein Meinungspluralismus zum Verhängnis. Aller Einheitsbeschwörungen zum Trotz ist die FDP tief gespalten: der Graben jedoch verläuft nicht zwischen dem Wieselwörtern „Sozialliberal“ und „Marktradikal“, sondern zwischen dem, was der Ordoliberale Wilhelm Röpke einst Dezentrismus vs Zentrismus taufte. Mitnichten ist der Gegensatz Mensch oder Markt, er heißt Mensch oder Staat, und zieht sich in unterschiedlichster Ausprägung durch sämtliche Politikfelder. Am deutlichsten tritt dies freilich in der Europa-Politik zutage. Befürworter eines dezentralen Europa der freien Bürger treffen auf jene eines zentralistischen EU-Konstrukts, diese hilflos gefangen im Strudel der vermeintlich unaufhaltbaren Pfadabhängkeit des Europäischen Integrationsprozesses.

Deckungsgleich mit den Politikfeldern verläuft diese Spaltung auch strukturell in der FDP. Steht auf der Seite der breiten Basis eine engagierte, meist junge Graswurzelbewegung, so kennzeichnet die Führung immer noch ein recht platonisch anmutender Stil. Philosophenkönige, wie auch immer bewandert in der liberalen Philosophie, geben die Marschrichtung vor. Wie in jeder Schlacht geht es jedoch nur vordergründig um den Ruhm des heldenhaften Einsatzes für die Freiheit, sondern viel mehr um die Beute. All zu oft verblendet dann im Rausch des Sieges die Gier das eigentliche Ziel und persönliche Eitelkeiten gewinnen die Oberhand gegen die nachhaltigeren Handlungsalternativen.

Die Einsichten der Public-Choice-Theorie sollten Liberalen nichts Neues sein, lassen sich jedoch auch gut auf ihre eigene Partei anwenden. Maßgeblich sind sie verantwortlich, dass nach dem glorreichen Sieg bei der Bundestagswahl 2009 vier Jahre später eine krachende Niederlage folgte, die ähnlich wie das versprochene, aber nicht umgesetzte neue Steuersystem „einfach, niedrig und gerecht“ ausfiel. All dies führt jedoch zu der Frage, ob eine Partei überhaupt das geeignete Gesicht des Liberalismus sein kann. Dass „Macht korrumpiert“ wusste schon der liberale Denker Lord Acton. Wird die Macht der Parteispitze dann gar zur absoluten Macht in der Regierung, ist nicht verwunderlich, dass die Idee der Freiheit verraten und zugunsten anderweitiger Interessen geopfert wird.

„Scheinbar“, hieß es, „sei der Liberalismus in seiner dunkelsten Stunde“. Mag dies für den erstmals in der Deutschen Nachkriegsgeschichte leistungsgerecht aus dem Parlament entschwundenen parteipolitischen Arm zutreffen, so sind die Aussichten für die ideellen Beine des Liberalismus deutlich rosiger. Sie treiben den Liberalismus an, sie gehen für ihn ins Feuer. Sie stehen fest verwurzelt in seiner Philosophie und Geschichte, statt in einer um Sonderinteressen bettelnden Hand zu enden. Sie – das ist eine aufstrebende Bewegung von Freidenkern aller Art, für die Freiheit nicht Mittel zum Zweck ist. Mögen im vergangenen Jahrhundert greise Intellektuellenzirkel den argumentatorischen Sieg für die Ideen des Liberalismus errungen haben, so streben im neuen Jahrtausend viele, meist junge Menschen deren effektive Verbreitung an.

45 Jahre nach den 68ern ist weltweit an den Universitäten Aufbruchstimmung für den Liberalismus zu spüren. Auch in Deutschland sind Organisationen wie die „Students for Liberty“ am Werk. Innerhalb kürzester Zeit entstehen Freiheitsinseln im tobenden Meer des Zentrismus. Mag es noch ein einsames Schiff auf hoher See sein, so wird bald eine Freiheitstsunami heranrollen. Was nicht fest verankert ist, wird dann verschwinden. Sie selbst wird ungleich ihrer Natur aber nicht abfließen, sondern den kargen Boden des deutschen Liberalismus weiter bewässern und zur Blüte bringen. Die FDP sollte zusehen, dass sie dieses Phänomenen ernst nimmt. Sobald der Liberalismus sich zu weit von seinem Ufer entfernt hat ist es nämlich zu spät.