Sehr geehrter Herr Löning,

Es geht zurzeit heiß her in der FDP. Das merkt man bisweilen auch an der Wortwahl. Von Genschers und Baums ereiferten Meldungen aus dem Off bis hin zu veritablen Verbalscharmützeln beim Stammtisch eines Ortsverbandes. Das Klima ist von Angst bestimmt. Da hört man zum Beispiel von prominenten Mandatsträgern, sie würden aus der Partei austreten, wenn ein bestimmter Flügel sich durchsetzt. Und dann tritt mit Ihnen auch noch der Menschenrechtsbeauftragte auf den Plan.

Herr Löning, Sie versehen eine wichtige und ehrenvolle Aufgabe. Sie weisen Politik und Öffentlichkeit darauf hin, wo in unserer Welt Unterdrückung, Unfreiheit und Verfolgung herrschen. Sie erfüllen diese Aufgabe gewissenhaft. Dafür gilt Ihnen Anerkennung und Dank. Sie erinnern sich sicher noch an die vom Verfasser mitorganisierte Menschenrechtskonferenz der Naumann-Stiftung, an der Sie ja auch teilgenommen haben … Das war toll!

Doch dann liest man plötzlich in einem Kommentar auf facebook, dass Sie zu Frank Schäfflers „libertären Jungs“, wie sie ganz unpolemisch formulieren, folgendermaßen Stellung beziehen: „ich kann mit diesen intoleranten, nationalistische-vermufften Typen nichts anfangen und teile auch wenig mit ihnen. weiß auch nicht, was an denen liberal seun soll? homophob, tendenziell ausländerfeindlich, deutsch-national … you name it“.

Ist Ihnen da ein Malheur passiert und sie wollten eigentlich einen Post über die Liberal-Demokratische Partei von Schirinowski in Russland kommentieren?

Für den Fall, dass Sie tatsächlich so über Schäffler und „seine Jungs“ denken, hier ein paar aufklärende Hinweise für Sie:

  • Es gibt auch ausreichend Frauen, die sich mehr oder weniger mit Schäfflers Ideen identifizieren können – und auch manch ein Herr im vorgerückten Alter ist von Ihnen vielleicht schmeichelhaft, aber nicht zutreffend mit dem Wort „Jungs“ belegt worden.
  • Intoleranz ist leider eine Unsitte, die sich auf allen Seiten findet. Das unqualifizierte Versehen anderer Menschen, die sich auch als liberal begreifen, mit den Labeln „Sozialist“ oder „Rechtspopulist“ ist in beiden Richtungen intolerant und dumm.
  • Vermufft ist wohl nicht das Attribut, das diesen Teil des liberalen Lagers besonders zutreffend beschreibt. Der „Muff von tausend Jahren“ entsteht ja durch das Alter und das lange Tragen eines Kleidungsstückes. Das libertäre Gewand ist hingegen sehr neu. Noch vor fünf Jahren war der Begriff und damit auch das Konzept kaum jemandem in Deutschland bekannt. Alt und abgetragen sind hingegen eher die Floskeln, die von FDP-Dinosauriern und Boy Group-Mitgliedern mantramäßig hinunter gebetet werden. Konservativ ist es, sich noch nicht mal auf einen Dialog mit denen einzulassen, die etwas verändern wollen. Die neuen Gedanken, die durch den Libertarismus in das freiheitliche Lager gekommen sind, sind Frischluft.
  • Nun zum Nationalismus. Von Seiten Schäfflers und „seiner Jungs“ wird seit Jahren darauf hingewiesen, dass die sogenannte Euro-Rettung nichts mit Solidarität zu tun hat. Gerettet werden nämlich weder Griechen noch Portugiesen, sondern Banken. Wenn Griechenland aus dem Euro ausgeschieden wäre, hätten die Banken ein Problem und die Griechen eine Chance gehabt – jetzt ist es umgekehrt. Für die Deutschen wäre es so oder so blöd gelaufen. Das Ziel war also nicht: deutsche Steuergelder nur für Deutsche. Das Ziel war die Wiederherstellung der Ordnungen des Rechts und des Marktes – zum Wohle aller Europäer. Abgesehen von der konkreten Euro-Frage: Wer Libertarismus mit Nationalismus in einem Atemzug nennt, hat sich nicht, absolut gar nicht, mit den Ideen des Libertarismus beschäftigt. Null. Nada. Niente. Zum Überblick das Konzept mal in drei Sätzen: Der Libertarismus ist konsequent fortgeführter Liberalismus. Für ihn steht das Individuum in der Mitte seines Welt- und Menschenbildes. Deshalb sind ihm Kollektivismen von Sozialismus über Konservatismus bis hin zu Nationalismus zuwider. Das ganze Konzept nationaler Grenzen ist in seiner Sicht absurd. Und genau deswegen sind die „libertären Jungs“ oft auch kritisch gegenüber der EU – weil sie das sonderbare Gefühl nicht loswerden, dass hier auf einer höheren Ebene genau dasselbe geschieht, was in Europa im 19. Jahrhundert auf Nationalstaatsebene geschehen ist. Genaueres dazu finden Sie in dem Beitrag „Wider den NatEUnalismus“.
  • Ausländerfeindlich ist auch ein im Prinzip erheiterndes Stichwort, wenn es nicht so ein trauriges Thema wäre. Zunächst einmal: auch unter den „libertären Jungs“ befinden sich genügend Ausländer. Wenn man zum Beispiel – wie viele von ihnen – zu den Konferenzen der Students for Liberty geht, befindet man sich als Deutscher oft in der absoluten Unterzahl. Gestört hat das noch keinen – ganz im Gegenteil. Der Libertarismus ist, wie eben schon ausgeführt, gerade eine Bewegung, die keine Grenzen anerkennt und aufgrund ihres Widerwillens gegen Kollektivismus auch solche Etiketten wie Ausländer oder Einheimische gar nicht verwenden kann. Ein großes Thema bei Libertären ist übrigens die Öffnung von Grenzen – für alle … Von Ausländerfeindlichkeit ist da also wirklich keine Spur.
  • Das schönste Schmankerl haben Sie uns für den Schluss aufgehoben. Sie meinen ernsthaft, wir seien homophob? Wissen Sie eigentlich, wie viele Homosexuelle sich unter den Libertären befinden? Wissen Sie, dass ein prominenter Mitstreiter von Frank Schäffler beim Liberalen Aufbruch im vergangenen Sommer seinen Lebensgefährten geheiratet hat? Ich kann Ihnen versichern, Herr Löning, wenn man, wie der Verfasser, selber betroffen wäre von Homophobie, würde man diese Gesellschaft eher meiden. Ich weiß auch wirklich nicht, auf welcher Grundlage Sie zu dieser Äußerung kommen. Ausländerfeindlichkeit kann man ja gerade noch unterstellen, wenn es jemand keine gute Idee findet, noch mehr Geld für die „europäische Solidarität“ (mit den Großbanken) aufzuwenden. Aber wo zum Teufel haben Sie in libertären Kreisen schon mal Homophobie erlebt?

Man hat wirklich den Eindruck, dass Sie nach den schlimmstmöglichen Attributen gesucht haben, um die „libertären Jungs“ damit zu belegen. Hätten Sie uns als „eiskalte Kapitalisten“ bezeichnet, wäre das zwar immer noch falsch gewesen, aber immerhin näher an der Realität als der Vorwurf des Nationalismus, Rassismus und der Homophobie. Herr Löning, konzentrieren Sie sich bitte auf das Gebiet, für das Sie Experte sind: Kümmern Sie sich um die Ausländerfeindlichkeit in Russland und die Homophobie in Uganda. Dort brauchen die Menschen unsere Unterstützung. Aber lassen Sie bitte die „libertären Jungs“ einfach in Frieden – von denen Sie ganz offensichtlich keine Ahnung haben.

Man könnte jetzt in einer Aufwallung der Empörung gegen Ihre haltlosen und somit geradezu verleumderischen Unterstellungen eine Entschuldigung fordern. Aber wer braucht so etwas schon. Deswegen will ich am Ende einfach eine Bitte an Sie richten: Bitte überlegen Sie sich genauer, was Sie so schreiben. Überlegen Sie vor dem Schreiben, ob Ihre Äußerung nicht ungerecht, mithin intolerant ist. Oder noch einfacher: Unterstellen Sie nicht demjenigen, der eine andere Meinungen vertritt als Sie, böse Absichten. Gehen Sie doch einfach mal davon aus, dass Ihr Gegenüber im liberalen Spektrum auch guten Willen hat. Das macht das Zusammenleben für alle Beteiligten einfacher – und vielleicht findet man dann doch in wichtigen Punkten zueinander.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Schneider