„Integrieren“ ist das neue „soziale Gerechtigkeit“. Ein Wieselwort par excellence. Keiner weiß, was es eigentlich konkret bedeuten soll. Und vor allem kann keiner definieren, in was man sich denn integrieren solle. Aber klar, integrieren muss sein. Wer sich nicht integriert fliegt. Das gilt aber natürlich nur für Leute, die keine Deutschen sind. Parallelgesellschaften wie die (übrigens sehr sympathischen) „Woidler“ aus dem Bayerischen Wald, die (oft weniger sympathischen) Banker in Frankfurt oder gar die (nun ja …) Politikerkaste sind von dieser Forderung nicht erfasst. Sie haben ja glücklicherweise einen deutschen Pass.

Wer legt denn fest, was die Leitkultur ist, in die man sich zu integrieren habe? Gehört der Gartenzwerg dazu, das Autoputzen am Samstagvormittag, die Lust am Schweinebraten, die innige Bejahung der Überzeugung, dass am deutschen Wesen die Welt genesen wird? Wenn es nur darum ginge, Gesetzestreue zu fordern, bräuchte man nicht solche feierlichen Worthülsen benutzen. Denn die Forderung nach Gesetzestreue ist ja unabhängig von einer Kultur.

Woher kommt eigentlich die Angst vor dem Anderen und Fremden, die dieser Forderung offensichtlich zugrunde liegt?

Es gibt genügend Beispiele von Gesellschaften, die Parallelgesellschaften zulassen, und dabei mindestens so gut funktionieren wie homogene Gesellschaften. Die irischen Einwanderer in Boston, die deutschen in Wisconsin, die hispanischen in Kalifornien oder die chinesischen in Vancouver haben die dortigen Gesellschaften nicht zerstört, sondern bereichert. Gerade durch ihre Andersartigkeit. Viele weitere Beispiele ließen sich anführen: Südostasien etwa, das seit Jahrhunderten Massenwanderungen gewöhnt ist – und immer noch nicht untergegangen ist.

Gerade die Laissez-faire-Haltung gegenüber diesen unterschiedlichen Gruppen (also das, was der deutsche Kleinbürger gerne als Multi-Kulti beschimpft) hat zu einem Prosperieren des Miteinanders beigetragen. Das Negativ-Beispiel ist Frankreich, wo der Staat seit Jahrhunderten versucht, eine bestimmte Identität vorzuschreiben (übrigens nicht nur den Einwanderern aus dem Maghreb, sondern mithilfe der „laïcité“ auch bekennenden Christen). Wie sehr dieses Integrieren in die Hose geht, kann man trauriger weise in regelmäßigen Abständen studieren.

Einer liberalen Partei stünde es gut zu Gesichte, das Wieselwort „Integration“ komplett aus ihrem Wortschatz zu streichen. Mehr noch: es wäre höchste Zeit, die westeuropäische Bunkermentalität zu bekämpfen und aktiv für immer offenere Grenzen zu werben. Der latente Kollektivismus der Zuwanderungsskeptiker und die Einteilung von Menschen nach ihrer Herkunft sind eines Liberalen zutiefst unwürdig. Die FDP sucht nach einem neuen Profil: hier wäre mal ein dankbares Thema.

Weit gefehlt.

Der Erfinder des „mitfühlenden Liberalismus“ bedient stattdessen dieselben Ressentiments wie Seehofer oder manche Kollegen des neuen Lieblingsfeindes AfD. Statt darauf hinzuweisen, dass der Missbrauch der Sozialsysteme immer verwerflich und zu bekämpfen ist, lässt er sich vernehmen mit der Aussage: „Die Zuwanderung in die Sozialsysteme kann unterbunden werden“. Der arme Schlucker aus der Bukowina hat kein Recht auf „unsere“ Steuergelder, aber bei jemandem, der einen deutschen Pass besitzt, ist das schon ok? Das Problem des Wohlfahrtsstaates auf Ausländer abzuwälzen ist billiger Populismus. Mit solchen Wortmeldungen bleibt die FDP im Rahmen des miefigen Kleinbürgertums, das sie jahrelang bedient hat. Statt konsequent liberal zu argumentieren, wird wieder die althergebrachte Wählerklientel bedient. Wohin will Christian Lindner die FDP eigentlich führen?