Die Entwicklungen in der Ukraine in den vergangenen Monaten bis hin zu den militärischen Bewegungen russischer Streitkräfte auf der Krim haben viele Gemüter bewegt. In der libertären Szene jen- und diesseits des Atlantik kann man auch mancherlei Risse erkennen: Während die einen in der Maidan-Bewegung ein vielversprechendes Zeichen des Aufbruchs im Zeichen der Freiheit und Selbstbestimmung sehen, sind andere eher überzeugt, die Manipulation dieser Bewegung durch die EU, die USA oder die einheimischen Faschisten erkennen zu können.

Im Zuge dieser Debatten schlagen die Pessimisten gerne mal düstere Töne an: Da werden zum Beispiel die USA oder die EU auf eine Stufe gestellt mit Putin-Russland. In beiden Fällen handele es sich um imperialistische/faschistische Systeme, die nur auf die Unterdrückung der Menschen aus seien. Sich hier also auf die Seite des „Westens“ zu schlagen, ist in etwa gleichbedeutend mit der Unterstützung von imperialistischen Kriegstreibern. Man hat fast das Gefühl, im Jahr 1941 zu sein und beim Aufeinandertreffen von Hitler und Stalin zuzusehen.

Natürlich geht es allen Beteiligten auf der politischen Ebene auch um Geopolitik, um Ressourcenverteilung, um Einflussgebiete. Und natürlich sind weder die EU, noch erst recht die USA die weißen Ritter, als die sie sich gerne darstellen. Dennoch gibt es fundamentale Unterschiede zwischen den Systemen. Während heute in Berlin hunderte vor der russischen Botschaft gegen Krieg demonstrieren durften, wurden in Moskau bei Antikriegsdemonstrationen dutzende von Menschen verhaftet. In Putins Russland wird von staatlicher Seite Hass auf Ausländer und Homosexuelle geschürt. In Putins Russland pflegt man freundschaftliche Beziehungen zu den schlimmsten Unterdrückerregimen der Welt von Venezuela bis Uganda. In Putins Russland wird ein dauerhafter Krieg im Kaukasus geführt. In Putins Russland wird seit anderthalb Jahrzehnten der Rechtsstaat mit Füßen getreten. Bei aller berechtigten Kritik an den Staaten des Westens: Hier ist vieles wesentlich besser – wenn auch noch lange nicht ideal. Wer EU und USA auf eine Stufe mit Putin stellt, der verharmlost einen Schwerverbrecher. Erinnert irgendwie an die verirrten Linken, die Che Guevara-Shirts tragen …

Beliebt ist auch der Ruf, man solle jetzt SezessionLvM2 endlich zulassen – das sei ja schließlich ein urlibertäres Prinzip. Prinzipiell keine Einwände. Aber schauen wir doch mal näher hin: Russische Streitkräfte dringen auf die Krim vor und russische Medien berichten, die russischen Bewohner der Krim wollten sich abspalten. Das ist natürlich ihr gutes Recht (wie es übrigens das gute Recht der Tschetschenen wäre oder der Bewohner Dagestans). Dann sollte das allerdings nach einer demokratischen Abstimmung passieren und nicht durch die Proklamation der derzeitigen Besatzer. Sollte sich die Krim abspalten, dürfte dort übrigens auch kaum das libertäre Paradies anbrechen. Vielmehr würde sie wohl relativ rasch dem russischen Imperium einverleibt. Ob das dann der große Freiheitsgewinn wäre? Wie auch immer: wenn die Mehrheit das möchte, ist das ja in Ordnung.

Und damit sind wir dann auch beim Kernproblem angekommen. Mag Geopolitik auch eine sehr gewichtige Rolle spielen – sie ist nicht der Grund, warum die Menschen in der Ukraine auf die Straße und zum Teil in den Tod gegangen sind. Diese Menschen wollten weder den Einflussbereich der EU vergrößern noch haben sie viele Gedanken zu den möglichen Folgen für Russland verschwendet. Deswegen geht man nicht das Risiko ein, verletzt oder getötet zu werden. Diese Menschen wollten ein korruptes und semitotalitäres Regime loswerden. Dieser Impuls müsste eigentlich jedem Libertären unmittelbar einleuchten.

LvM1 Was muss jetzt geschehen in der Ukraine, was muss geschehen auf der noch ukrainischen Krim? Nicht Putins Russland darf das letzte Wort haben, auch nicht die EU oder die USA. Dem ukrainischen Volk gebührt dieses Vorrecht. Lasst die Ukrainer wählen – und lasst uns hoffen, dass diesmal nicht wieder so problematische Figuren die Macht übernehmen wie nach der Revolution von 2004. Lasst die Krimbewohner wählen – und lasst uns hoffen, dass ihr Votum zugunsten der Freiheit ausgeht, wie auch immer sich die dann gestalten wird. Die manchmal etwas hilflosen und sicher oft auch zu wenig selbstlosen Vermittlungsversuche westlicher Politiker tragen zu einer solchen Entwicklung jedenfalls wesentlich mehr bei als das Entsenden von Soldaten auf die Krim. Unabhängig von den Interessen der jeweils Beteiligten: die Sprache der Diplomatie ist immer besser als die Sprache der Gewalt.

Wem es ernst ist mit der Freiheit, für den gibt es nur eine Partei, zu der man jetzt halten sollte: die Bürger der Ukraine – in Lemberg, Kiew und Simferopol.