Eine Frauke Lüpke-Narberhaus stellt bei SPON eine Studie vor, der zufolge Frauen und Ausländer bei Jura-Staatsexamen systematisch diskriminiert würden. Besagte Studie hat nach Geschlecht und vermuteter Herkunft differenzierte Prüfungsergebnisse miteinander verglichen. Als Vergleichsgröße dienten hierbei die ursprünglichen Abiturnoten der Jura-studenten.
Die Studie von Towfigh et al. zeigt unter anderem*, daß Frauen im Durchschnitt niedrigere Klausurnoten erhalten als Männer, während sie bei den Abiturnoten im Schnitt vorne lagen. Belegt dies, daß Frauen bei der Benotung von Staatsexamensklausuren diskriminiert werden?
Um diese Frage wissenschaftlich zu beantworten, könnte man ein Testverfahren organisieren, in dem die Prüfungskandidaten und -kandidatinnen einen gleichwertigen Test zweimal absolvieren: in einem Testverfahren, wäre die zur Klausur gehörende Geschlechtsidentität identifizierbar, im anderen könnte die Klausur etwa nur durch eine Testnummer markiert werden, die man erst im Nachhinein einer Person zuordnen kann. Da das Geschlecht nur in einer Testvariante erkennbar ist, könnte dann auch nur in dieser Testvariante diskriminiert werden. Die Personengruppe, die im anonymen Test regelmäßig besser abschneidet als im nicht anonymen Test wäre damit als Opfer systematischer Diskriminierung erkannt.
Towfigh et al. arbeiten nun mit einem Datensatz, der dem oben beschriebenen, hypothetischen Experimentergebnis nicht unähnlich ist: Staatsexamensklausuren sind bei der Korrektur anonymisiert **, Abiturnoten nicht. Nach gängigen Kriterien wäre die zitierte Studie also allenfalls als Hinweis auf Männerdiskriminierung zu bewerten, denn es waren männliche Prüfungskandidaten, die dann schlechter bewertet wurden, wenn sie als Männer identifizierbar waren. Gerade im Bezug auf Schulnoten ist dieser Vorwurf durchaus schon erhoben worden.
Ganz stichhaltig ist die Schlußfolgerung der Männerdiskriminierung allerdings auch nicht, weil Abitur und Staatsexamen eben keine gleichwertigen Prüfungen sind, und sich das Studium in Schule und Universität in anderer Hinsicht unterscheidet. Es ist durchaus denkbar, daß es hier in verschiedenen Zusammenhängen gruppenspezifische Erfolgsunterschiede gibt, die nicht durch Diskriminierung produziert werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen denn auch Towfigh et al., die im gegensatz zur propagandalastigen Interpretation des Spiegels einräumen, daß ihre Studie Diskriminierung weder ausschließen noch nachweisen kann.

* Towfigh et al. diskutieren auch die Rolle nicht anonymer mündlicher Prüfungen und die mögliche Diskriminierung nach Herkunft, wobei Herkunft über geographische Assotiationen an Hand des Nachnamens unterstellt wird.
** Siehe Towfigh et al. S.25. die Autoren spekulieren allerdings, daß das Geschlecht an Hand der Handschrift unterbewusst erraten werden könnte.