Bei der Europawahl hat sich die FDP, wie es der alte und neue Europaparlamentarier Michael Theurer formuliert hat, bei 3,4 % „stabilisiert“. Mit anderen Worten: mit altbackenen Phrasen und dem ewig-gleichen Personal kann diese Partei nicht mehr reüssieren.

Tausende von FDP-Mitgliedern haben zum Teil zähneknirschend vor der verzweifelten Ausgangslage der Bundestagswahl und in einem nicht mal mehr feindlichen, sondern schlichtweg uninteressierten Umfeld über Wochen hinweg Wahlkampf gemacht. Tausende haben sich aufgerieben, weil sie immer noch der Überzeugung sind, dass der Liberalismus eine Stimme in Deutschland und Europa braucht. Und Tausende wurden im Prinzip verarscht.

Der „Große Vorsitzende“ (Bundesvorsitzender, Landesvorsitzender NRW, Fraktionsvorsitzender NRW), der neben sich keine profilierten Figuren gelten lässt, hat seine Erneuerungsversprechen nicht ansatzweise in Angriff genommen in den letzten Monaten. Dafür hat er versucht, die Gunst der Wähler zu gewinnen durch einen Kreuzzug gegen Google. Dabei liegt das Büro des ausgewiesenen Wettbewerbsexperten Justus Haucap nur wenige Kilometer von Lindners Büro entfernt – hier hätte man mal nachfragen können, wie sinnvoll solche Forderungen eigentlich sind. Stattdessen glaubt man, mit der „German Angst“ auf Stimmenfang gehen zu können. Das ist genau die Art der Bauernfängerei, die man so gern der AfD vorwirft.

Spitzenkandidat, Alexander Lambsdorff ist zweifellos eine ehrenwerte und aufrechte Persönlichkeit, hat sich aber im Wahlkampf noch mehr als sonst in seinen charakteristischen Diplomaten-Modus begeben, der keinerlei Zuspitzung oder Konfrontation zuließ. Listenzweiter Michael Theurer hingegen konnte sich nicht recht entscheiden, ob er die FDP lieber den Grünen assimilieren wollte oder doch eher die gute alte Bonner-Republik-FDP aus der Mottenkiste holt. Einen Tag vor der Wahl hatte er in einer Videobotschaft nicht mehr zu bieten als eine komplett sinnfreie Aneinanderreihung von Schlagworten wie Freiheit, Fairness, Chancen und Mittelstand.

Mittelstand ist allerdings das richtige Stichwort. Selbst die krachende Wahlniederlage im vergangenen Herbst hat die Partei nicht einen Augenblick ernsthaft daran zweifeln lassen, ob ihr Besserverdiener-Klientelismus nicht vielleicht doch endgültig in die Archive des Liberalismus verbannt werden sollte. Der Europaparteitag im Januar hat deutlicher denn je bewiesen, dass es eher um ein „Weiter so“ ging und darum, sich Pöstchen zu sichern, als um echte Veränderung. Die Rechnung wurde gestern Abend präsentiert.

Viele (auch ehemalige) Mitglieder der FDP wünschen sich eine Stimme für den Liberalismus. Es ist höchst fraglich, ob die FDP je eine solche Stimme sein wird und ob nicht vielmehr die Mehrheit der oberen Parteichargen den Idealismus der Basismitglieder auch weiterhin für ihre eigenen Karrierezwecke missbrauchen wird.

Eine Stimme für den Liberalismus darf sich nicht in Mittelstands-Rhetorik erschöpfen und darf insbesondere nicht versuchen, einen vermeintlichen Mainstream zu erreichen durch Faseleien von Google-Zerschlagen oder „Blauem Wachstum“. Eine Stimme für den Liberalismus muss eine Stimme sein, die eine Verbesserung für alle fordert. Eine Stimme, die an William Wilberforce erinnert oder an Richard Cobden (etwa durch eine klare Haltung zu Themen wie Freihandel oder Migration). Eine Stimme, die nicht auf Wahlchancen starrt, sondern auf Veränderung. Eine Stimme, die nicht das Wohl eines organisierten Liberalismus vor Augen hat, sondern die Freiheit. Wo und wie diese Stimme sich erheben wird, kann man vielleicht noch nicht sagen. Aber es macht Mut und Hoffnung, dass er viele Menschen gibt, die diese Stimme hören und verlauten lassen wollen.