Sehr geehrter Herr Schuhler,

Vor zweieinhalb Wochen habe ich auf dem Blog der INSM einen Artikel veröffentlicht, in dem ich den Aufruf der VWL-Studenten für eine Plurale Ökonomik lobe und dazu aufrufe, ihn ernst zu nehmen. Vor ein paar Tagen haben Sie auf diesen Artikel auf der Website des Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung reagiert. Ich erlaube mir eine kleine Replik, weil Sie dort etliche Tatsachen falsch dargestellt haben, und auch, weil ich mehrere ihrer Aussagen für schlichtweg unsinnig halte. Sie suchen nicht die inhaltliche Auseinandersetzung, sondern dreschen nur die Phrasen von vorgestern. Haben Sie nicht auch einmal den „Muff von 1000 Jahren“ bekämpft? Wissen Sie, Ihr Feldzug ist mittlerweile auch recht muffig geworden …

Sie schreiben, „nach kurzer Schreck-Starre“ habe „die neoliberale PR-Maschine ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft‘ (INSM) betont zustimmend reagiert“ und bezeichnen mich als „ihren Kommentator“. Das ist schlichtweg falsch. Die INSM hat überhaupt nicht reagiert. Vielmehr bin ich an deren Blogredaktion herangetreten, weil ich gerne den Artikel veröffentlichen wollte. Ich habe nie von irgendjemandem einen Auftrag dazu bekommen und bin ganz sicher in keiner Weise berechtigt, für die INSM zu sprechen.

Ihr folgender Rundumschlag gegen den Neoliberalismus hat mich sehr an die Ausführungen von Dr. Dieter Plehwe erinnert, die ich immer wieder gern mit einer Mischung aus Erstaunen und Amüsement lese. Zum Beispiel: das ominöse Stockholm Netzwerk … Obwohl ich ein sehr intensives, länderübergreifendes Netzwerk in diesen „neoliberalen“ Kreisen pflege, ist mir dieses Netzwerk bisher nur bei Herrn Plehwe und Ihnen untergekommen. Hab’s jetzt mal gegooglet. Ehrlich gesagt: wenn zum Beispiel das IEA dort ausgetreten ist und Johan Norberg es kritisiert, kann das nicht von besonderer Bedeutung sein.

Komplett wahllos ist Ihr Neoliberalismus-Begriff. Die Reformen der Regierung Schröder, die laut Ihnen „Deutschland auf den reinen neoliberalen Kurs brachten“ waren wichtige Korrekturen, die aber stark zurückbleiben im Vergleich zu dem, was viele aus dem „Hayek-Lager“ und auch der wesentlich moderateren INSM fordern. Dinge wie eine kapitalgedeckte Rentenversicherung zum Beispiel, eine Flat Tax oder eine Entstaatlichung des Geldsystems.

Hayek und die „Neoliberalen“ als Gegner der Demokratie zu bezeichnen, ist auch wilde Phantasie. Sie waren und sind Kritiker der Auswüchse des demokratischen Systems und versuchen, diese Fehler einzudämmen wie zum Beispiel Hayek in seinen verfassungstheoretischen Werken „Die Verfassung der Freiheit“ und „Recht, Gesetz und Freiheit“ oder der amerikanische Ökonom James Buchanan. Kein einziger von ihnen bevorzugt autoritäre Regime gegenüber der Demokratie. Aber sie wissen alle, dass in dem Wort Demokratie das Wort Herrschaft steckt („-kratie“), und dass Herrschaft immer problematisch ist – egal, ob sie ein einziger ausübt oder eine Mehrheit.

Außerdem wird der Neoliberalismus in liberalen – oder wie sie auch gern genannt werden – libertären Kreisen zunehmend kritisch gesehen, weil er nicht weit genug geht. So habe ich zum Beispiel auf dem INSM Blog mehrere Artikel veröffentlicht, in denen ich Forderungen aufstelle, die klassische Neoliberale wie Eucken, Röpke oder Rüstow kaum unterstützen würden: Offene Grenzen etwa oder ein Ende des Kriegs gegen die Drogen. Der „Neoliberalismus“ ist erheblich vielfältiger und unübersichtlicher als das in Ihrer Darstellung den Anschein haben könnte.

Ein Letztes. Sie schreiben: „Die Reklamation der INSM, sie singe mit im Chor der Verfechter eines Pluralismus in der Ökonomie, ist verlogen.“ Diesen Vorwurf weise ich schärfstens zurück. Ich habe nicht gelogen. Sie stilisieren die Frage des Pluralismus in der Ökonomik zu einer ideologischen Frage. Damit geben Sie im Diskurs das Bemühen um intellektuelle Redlichkeit auf. Wie der große Philosoph Karl Popper beschrieben hat, besteht intellektuelle Redlichkeit darin, dem anderen zuzuhören, auch wenn man seine Meinungen nicht teilt. Denn auch von meinem größten Gegner kann ich immer noch etwas lernen. Meinungspluralismus ist der größte Motor von intellektuellem Fortschritt. Für den von Ihnen vielgeschmähten Hayek ist die Freiheit gerade auch deswegen so wichtig: weil sie diesen Pluralismus und mithin den Fortschritt ermöglicht. Genau dem verweigern Sie sich, indem Sie mich (bzw. die INSM, mit der ich außer meinen Blogbeiträgen nichts zu tun habe) als Neoliberalen stigmatisieren. Mit solchen Menschen, die „Tausende von toten Demokraten“ auf dem Gewissen haben, braucht man ja nicht zu reden. Bravo! Das erinnert mich an das Verhalten von kleinen Kindern, die etwas nicht hören wollen und sich deshalb die Ohren zuhalten und laut schreien.

Ich begrüße den studentischen Aufruf voll und ganz und schließe mich ihm mit vollem Herzen an, weil ich etwas lernen will; weil ich andere Meinungen hören will; weil ich überzeugt bin, dass ich nicht weiterkomme, wenn mir alle zustimmen, sondern wenn man mir widerspricht. Artikel wie der Ihre sind dazu angetan, diesen Dialog zu zerstören.

Mit freundlichen Grüßen,

Clemens Schneider