Der diesjährige Bericht über CIA Folterungen hat einen thematischen Berührungspunkt mit einem früheren Blogpost auf Antibürokratieteam. Von aktuellem Interesse ist auch ein Interview der Nachrichtensendung 60 minutes aus dem Jahre 2012. Dort kommt José Rogdriguez, der damalige Leiter des CIA Geheimporgramms zu Wort.
Die von Rodriguez vorgebrachten Rechtfertigungsversuche bekräftigen dabei die Einwände die normalerweise gegen Folterbefürworter ins Feld geführt werden.

Das Kernargument der Folterbefürworter ist gewöhnlich das ‚ticking bomb scenario‘:

„Nehmen wir an, sie hätten einen Terroristen in ihrer Gewalt. Sie wissen des Weiteren mit Sicherheit, das dieser Terrorist eine Zeitbombe so platziert hat, das sie eine große Zahl von Zivilisten töten wird und sie wissen außerdem mit Sicherheit, das sie die benötigten Informationen um die Bombe rechtzeitig zu entschärfen nur bekommen können, indem sie diesen Terroristen foltern. Was würden sie tun?„

Dieses Szenario postuliert bewusst eine Situation in der die Kosten der Nicht-Intervention hoch sind und der Zeitdruck immens ist. Rodriguez rechtfertigt sein Handeln denn auch, indem er sich auf eine ‚ticking bomb‘ Situation beruft. Dabei hatte die Bedrohung, der er nachging, recht wenig mit dem hypothetischen Legitimationsbeispiel zu tun. Es habe Informationen über ein Anthrax Programm gegeben, und Al Kaida hätte sich bemüht an Atomwaffen zu kommen. Auch wenn kein unmittelbar bevorstehender Angriff verhindert wurde, könne man nie wissen was hätte passieren können…

Rodriguez eigene Darstellung gibt so den Eindruck, daß es sich hier um strategisch relevante Fakten handelte. Informationen also, die eher mittelfristig eine Rolle spielen. Der unmittelbare Handlungsdruck des ‚ticking bomb‘ Szenarios sieht anders aus. Das 60 Minutes Interview bestätigt also die fehlenden Eindämmung der Ausnahmeregel: Ist ein Legimitationskriterium für Folter erst etabliert, dann wird der Anwendungsbereich nach Bedarf ausgeweitet.

Dass es der CIA auch gar nicht darum ging, Informationen unter Zeitdruck zu erlangen, zeigt ein anderes Gespräch. In dieser Begegnung zwischen Kaj Larsen von Vice und James Mitchell, dem Psychologen der die „erweiterten Verhörprogramme“, d.h. die Foltermethoden, der CIA für die Zeit nach dem 11 September 2001 entwickelt haben soll. Dabei sagt Mitchell ganz klar, daß es nicht darum ging Informationen unter dem unmittelbaren Druck der Folter zu erpressen. Vielmehr sei es Ziel gewesen, die Verdächtigen weich zu machen, damit sie irgendwann nachgeben und bereit sind, in späteren Verhören Informationen zu liefern. Mitchell beschreibt es als „good cop – bad cop, with a very bad cop“. Eine Methode also, von der man sich, mit etwas Geduld, Erfolg versprach, ohne dass unmittelbarer Zeitdruck bestanden hätte.

Beide Quellen suggerieren, daß das theoretisch postulierte ‚ticking bomb scenario‘ praktisch irrelevant war. Es diente allenfalls als Bezugspunkt für spätere Rechtfertigungen gegenüber der Öffentlichkeit.