Nach der charliehebdo Ermordung ungläubiger Satiriker in Frankreich, wird allseits bekräftigt dass es sich hier um einen abscheulichen Anschlag handelt. Ursprünglich dachte ich, daß wir einen Tag später hören würden, daß dieser Terroranschlag nichts mit dem Islam zu tun hat. Herr Gabriel hat so lange nicht gewartet. Der Form halber sei also festgestellt: dieser Terror Anschlag ist offenbar durch islamistischen Fanatismus motiviert, hat demnach also durchaus etwas mit dem Islam zu tun.

Die verantwortlichen Terroristen mögen für den Islam im allgemeinen nicht repräsentativ sein, zu behaupten sie hätten deshalb keine Verbindung zu dieser Religion, ist schlichtweg Unsinn. Das sollte leicht zu begreifen sein. Schließlich waren die roten Brigaden kommunistische Terroristen, ETA baskische Terroristen und die IRA irische Terroristen ohne für Kommunisten, Basken oder Iren im Allgemeinen repräsentativ zu sein. Warum traut man dem Bürger diese Unterscheidung im Falle islamischer Terroristen nicht zu?

Um die Absurdität dieses ostentativ konfliktaversen Argumentationsmusters noch deutlicher zu machen, kann man es auch einfach auf einen weniger kontroversen, positiv belegten Themenbereich anwenden: Physik-Nobelpreisträger sind erfolgreicher als die meisten Physiker, sind also für den Durchschnittsphysiker nicht repräsentativ. Haben Empfänger des Nobelpreises in Physik also nichts mit Physik zu tun?

Nachdem uns also gesagt wurde, daß islamischer Terrorismus nichts mit Islam zu tun hat, frage ich mich wie lange es dauern wird, bis die ersten Kommentatoren feststellen, dass man Mord zwar nicht gut heiße, die Charlie Hebdo Redaktion zu ihrem Schicksal aber selbst beigetragen habe, da man religiöse Empfindungen nicht verletzen dürfe und dies in Zukunft auch nicht mehr tun solle … (Der Guardian nähert sich dieser Position bereits an: ohne direkt Vorwürfe zu erheben, ermahnt er seine Leser das satirische Darstellungen des Propheten – und des IS-Chefs Baghdadi! – Moslems ärgern könnten; das Blog ‚Daily Kos‚ moniert, daß die Karikaturisten durch ihren Tabubruch den Islam angegriffen hätten … )

Wer es vermeiden will, den religiösen Zorn der Islamisten zu entfachen, muß sich fragen, wie weit er in diesem Beschwichtigungsprozess gehen will. Es ist eine Konsensposition der islamistischen Theokratie, die Scharia gesamtgesellschaftlich verbindlich zu machen. Dieses Ziel besteht unabhängig davon, ob es durch Terrorismus erreicht werden soll. Es gibt also keine andere Wahl als die, individuelle Freiheiten gegenüber dieser neuen Form des Totalitarismus entweder kompromisslos zu verteidigen oder sich diesem Totalitarismus ebenso kompromisslos zu unterwerfen. Ein Regime, das religiöse Dogmen über die Meinungsfreiheit stellt, ist mit individueller Freiheit und säkularer Demokratie grundsätzlich inkompatibel – in dieser Frage kann es keine nachhaltigen Kompromisse geben.