… not so Horny: Anmerkungen zu den Auseinandersetzungen in der Friedrich August von Hayek Gesellschaft.



Können Liberale auch wertekonservativ sein? Müssen sie gar, wie manche meinen? Oder dürfen sie nicht? Letzteres postulierte Karen Horn, die Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, in einem viel diskutierten Beitrag in der FASZ mit dem Titel Die rechte Flanke der Liberalen. Sie schreibt aus meiner Sicht viel Richtiges, so z.B.:

Den anderen annehmen und sein zu lassen, wie und was er ist und sein wird, ihn nicht zu bedrängen, ihm seine Überzeugung und seinen Lebensentwurf weder mittels staatlichen Zwangs zu verbieten oder zu erschweren noch ihm diese höchstpersönlich „austreiben“ zu wollen, ihn zu verunglimpfen und ihn für seinen Weg oder seine Meinung mit Häme und Spott zu versehen – all das macht eine freiheitliche Haltung aus.

Gerade auch aus meiner progressiven Überzeugung heraus als Sex & Drugs & Rock’n’Roll Libertärer (mit allerdings dezidiert transatlantischer Haltung) stimme ich dem zu. Die von ihr zurecht kritisierte Bewunderung mancher Liberaler für Putin und sein autoritäres Regime erscheint auch mir nach wie vor völlig unverständlich. Und wenn gleichgeschlechtliche Paare zukünftig nicht mehr eine „Ehe zweiter Klasse“ schliessen müssen, sehe auch ich nicht das „christliche Abendland“ bedroht, wie anscheinend der eine oder andere eher wertekonservative Freund in der Gesellschaft (btw.: wenn man schon dieses Adjektiv verwenden will, dann bitteschön judäochristlich – treffender wäre sowieso: die Gesellschaften, die sich auf die freiheitlichen Traditionen der Aufklärung berufen).

Selbiges gilt für die liberale Migrationsdebatte, die sich zwischen den Polen der (nach meiner Auffassung allzu oft moralisierenden) Befürworter offener Grenzen und denjenigen, die unsere Einwanderungsgesellschaften als „Clubs“ definieren, bewegt. Die nun mal bestimmen könnten, wer „unsere“ Infrastruktur nutzen dürfe – und wer nicht. Aus liberaler Perspektive ist dies imho zumindest problematisch, da hier das Interesse eines angenommenen Kollektivs vor das Individuum gesetzt wird. Am Ende verrennen sich einige, wie leider auch der von mir sehr geschätzte Prof. Dr. Erich Weede, gar in die Aussage, es gelte den Wohlfahrtsstaat gegen angenommene negative Folgen der Zuwanderung zu verteidigen. Nicht Migration ist aber das Problem, sondern die Setzung falscher Anreize, die zu „Moral Hazard“ und Zuwanderung in die Sozialsysteme führt (auch hier auf antibuerokratieteam.net führen wir diese Debatte schon seit Längerem aus unterschiedlicher Perspektive – vgl. [1], [2], [3]).

Den Propheten eines „Untergangs des Abendlandes“ und Apologeten zentral geregelter „Clubordnungen“ sei… Friedrich August von Hayek ans Herz gelegt:

Daß der Zweck der Freiheit ist, die Möglichkeit von Entwicklungen zu schaffen, die wir nicht voraussagen können, bedeutet, daß wir nie wissen werden, was wir durch eine Beschränkung der Freiheit verlieren. […] Wenn die Entscheidung zwischen Freiheit und Zwang als eine Zweckmäßigkeitsfrage behandelt wird, die in jedem Einzelfall besonders zu entscheiden ist, wird die Freiheit fast immer den kürzeren ziehen. Sobald also die Freiheit als Zweckmäßigkeitsfrage behandelt wird, ist ihre fortschreitende Untergrabung und schließlich Zerstörung unvermeidlich. Die Freiheit (kann) nur erhalten werden […], wenn sie nicht bloß aus Gründen der erkennbaren Nützlichkeit im Einzelfalle, sondern als Grundprinzip verteidigt wird, das der Erreichung bestimmter Zwecke halber nicht durchbrochen werden darf. Eine wirksame Verteidigung der Freiheit muß … notwendig unbeugsam, dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an Zweckmäßigkeitserwägungen machen (in: Die Ursachen der ständigen Gefährdung der Freiheit, Ordo, Bd. 12, Düsseldorf und München 1961, S. 104 – 106)

Hayekian Debate
Wer wie Karen Horn allerdings der Hayek-Gesellschaft „reaktionäre Unterwanderung“ und „Rechtsversifftheit“ unterstellt, beendet notwendige Debatten, bevor sie begonnen haben. Allein die Formulierung erinnert stark an die Verdikte der „Kämpfer gegen Rechts“ des politmedialen Komplexes gegen abweichende Meinungen:

Wenn es nicht gelingen sollte, sich von den Reaktionären zu befreien und zu intellektueller Ernsthaftigkeit, Anstand und Demut zurückzukehren; wenn es nicht gelingen sollte, der liberalen Ethik von Offenheit und Toleranz den ihr gebührenden Raum zu schaffen – dann verliert der Liberalismus seine Seele. (Karen Horn)

Dies hinsichtlich reaktionär-pöbelnder Facebook-Pausenclowns angemerkt, die ihr schriftstellerisches Talent besser weiterhin für Katzenromane verwendet hätten (aber nicht Mitglied der Gesellschaft sind, auch wenn sie dort – leider – den einen oder anderen Fan haben) würde ich ihr sogar zustimmen. Frau Horn bezieht dies aber nebulös, ohne Namen zu nennen, auf eine angeblich relevante Gruppe in der Hayek-Gesellschaft, der sie auch noch den Anstand und die intellektuelle Redlichkeit abspricht. Mit Verlaub Frau Horn: das letzte, was die Hayek-Gesellschaft benötigt, sind dumme Säuberungsaufrufe in traurigster „Antifa“-Tradition!

The Friedrich August von Hayek Gesellschaft is an academic society…

So Karen Horn – prononciert – in der Hayek-Vorlesung anlässlich der Verleihung der Hayek-Medaille an Prof. Israel M. Kirzner. Es spricht viel dafür, dass unausgesprochen ein weiterer Dissens die Auseinandersetzung bestimmt: soll die Gesellschaft wie lange Zeit ein eher elitärer akademischer Zirkel bleiben oder sich mittels der ins Leben gerufenen „Hayek-Clubs“, inzwischen über 50 in Deutschland, Österreich und der Schweiz, an eine breitere Öffentlichkeit wenden? Letzteres erscheint mir angesichts des inhaltlichen Niedergangs des parteipolitisch organisierten Liberalismus nicht nur möglich, sondern dringend erforderlich. Gerd Habermann, im Inhalt und im Habitus eher ein wertekonservativer Liberaler, hat dies erkannt und forciert mit bewundernswertem Engagement die Gründung weiterer Clubs.

Sicherlich ist es angenehmer, in intellektuellen Zirkeln gepflegt zu speisen und über Implikationen der ökonomischen Theorien des Nobelpreisträgers zu parlieren als eine offene – wo nötig auch kämpferische – Debatte über Abzweigungen vom fortgeschrittenen Weg in die Knechtschaft zu führen und liberale Alternativen in die politische Öffentlichkeit zu bringen. Letzteres ist heute notwendiger denn je. Ein tatsächlicher Widerspruch zwischen beidem besteht aber nicht einmal, denke ich. Die intellektuelle Ödnis des vom FDP-Parteilinderalismus geprägten öffentlichen Zerrbildes des Liberalismus benötigt dringend mehr – nicht weniger – intellektuelle Unterfütterung aus konsequent liberaler Perspektive. Aber eben nicht nur in libertären Hinterzimmern oder den Feuilletons. Sondern vor Ort, in den aktuellen politischen Diskursen. Wenn erforderlich auch polemisch genug, um zur Kenntnis genommen zu werden, im weichgespülten Rotfühl-Konsens des ökosozialistischen Mainstream.

Ich würde mir eine Vorsitzende oder einen Vorsitzenden der Gesellschaft wünschen, der die hierfür notwendige Diskussion fördert und moderiert, anstatt sie Top Down per Verdikt für beendet erklären zu wollen. Kehren wir – dies an beide „Lager“ – zurück zu wertschätzendem Umgang und offener Debatte, anstatt gegenseitiger Verdächtigungen, Vorwürfe und Einigungszwang. ¡Adelante Hayekistas!

Achim Hecht ist Webmaster von antibuerokratieteam.net, Clubleiter des Hayek-Club Bamberg und der Hayek-Gesellschaft seit Langem verbunden