In der klassisch liberalen Community tobt der perfekte Sturm. Der Druck sich zu positionieren ist immens. Die große Stärke der Libertären – nämlich die Diversität privater Präferenzen unter der Prämisse des Kant’schen kategorischen Imperativs– wird nun zum Spaltungsfaktor und somit zu ihrer großen Schwäche. Plötzlich wird die persönliche Einstellung oder Lebensweise zum vermeintlichen Politikum. Gemessen wird alles, unterteilt wird mal wieder in Links und Rechts. Und die Verrechnungseinheit liefert der „Mainstream“.

Libertäre und Liberale, deren Meinung zu Familie, Rechtsstaat oder Migration sich in Teilen mit den Worten eines Regierungspolitikers überschneiden, werden mindestens der Feigheit, wenn nicht gar des Verrats bezichtigt. Der rechte Flügel der klassisch Liberalen spielt die Totalopposition zur Mehrheitsgesellschaft und wähnt sich in einer Opferrolle. Es ist jedoch der tief linke Mythos des Underdogs, mit dem seit dem 19. Jahrhundert der Klassenkampf betrieben wird. Laut diesem Denken – welches die 68er Bewegung hoffähig gemacht hat – befindet sich die Minderheit stets auf der Seite des Guten und wird von dem bösen Starken, also dem Zahlreicheren, unterdrückt. Die Mehrheit ist also schuld, weil sie in der Mehrheit ist. Und weil dieser Zustand nicht überwunden werden kann, bleiben Destabilisierung, Revolution und der gewaltsame Umbau der Gesellschaft als einzige Option übrig. Zu diesem Denken gehören ebenfalls ein negatives Menschenbild und die Vorstellung einer Zivilisation, die sich auf einem falschen Weg befindet und – um eine drohende Katastrophe zu verhindert – aktiv von oben gesteuert werden muss. Das ist die DNA des Interventionismus.

Beinah jede oppositionelle Bewegung verfällt dem romantisierten sozialen Selbstbild des Underdogs. Die Vorteile liegen auf der Hand. Durch die Abgrenzung zur wahrgenommenen Mehrheitsgesellschaft entsteht eine neue Gemeinschaft mit eigener Hierarchie, in der Menschen, welche sich zur Gesellschaft nicht zugehörig fühlen, neu aufsteigen können. Es entsteht die Illusion Teil einer elitären Gruppe zu sein, die gegen alle Widrigkeiten und Manipulationen seitens der Zahlreicheren als einzige den richtigen Weg kennt. Die Mehrheit der Menschen sei angeblich zu dumm um diese Wahrheit zu verstehen. Und wenn sie es täte, dann müsste man sich als Underdog logischerweise neu positionieren um nicht in der grauen Masse unterzugehen oder sich weiter radikalisieren, damit die Abgrenzung nicht eingerissen wird und man die Mehrheitsgesellschaft weiterhin des eigenen Misserfolgs beschuldigen kann.

Chronisch übersehen wird dabei die Tatsache, dass Anhänger jeder Denkrichtung sich in einer Minderheit befinden. Und je fundamentaler das Gedankengut, umso kleiner ist die Gruppe und umso elitärer fühlt sich der Zugehörige. Es gibt hier keinen Platz für Individualismus, lediglich für einen Kollektivismus auf der Mesoebene. Wer die durch den Liberalismus vorangetriebene Atomisierung der Gesellschaft und den damit verbundenen Rückzug der allumfassenden kollektiven Identität beweint und sich reflexartig und ohne Kompromisse gegen den Mainstream positioniert, treibt gleichzeitig – ob bewusst oder unbewusst – die Molekularisierung der Gesellschaft voran und spaltet diese erst recht radikal und unwiederbringlich.

Das Zusammenleben in einer Gesellschaft kann friedlich funktionieren, wenn der Individualismus als gemeinsame Grundlage anerkannt wird. Eigentlich geht es nur auf diese Weise. Unmöglich kann man jedoch eine Gemeinschaft zusammenhalten, wenn sich Gruppen bewusst abgrenzen und feindselig gegenüber anderen Gruppen sind. Man nennt es „gegen den Mainstream“, aber dieser Begriff passt nicht mehr problemlos auf die jetzige soziologische Situation der westlichen Gesellschaft. Die „Volksseele“ ist längst tot. Es existieren nur noch unzählige kleine Kollektive, die nur mithilfe des kategorischen Imperativs noch friedlich miteinander leben können. Die Vielfalt des Gedankenguts ist mittlerweile enorm. Im Informationszeitalter können sich Menschen mit verschiedenen Meinungen zu verschiedenen wichtigen oder weniger wichtigen Themen miteinander verbinden und eine soziale Bewegung erschaffen, wo früher keine gewesen ist. Es gibt dutzende Denkrichtungen, die sich diametral entgegenstehen und gleichzeitig auch nicht in Gänze im Mainstream angekommen sind und von ihm ignoriert oder angegriffen werden.

Alle sind nun also gegen den Mainstream. Rechte, Linke, Liberale, allerlei Gläubige, etc. Reflexartig wie der Pawlowsche Hund. Damit wird dieses Denken jedoch ungeachtet selber zum Mainstream. In jedem Fall ist dieses Denken totalitär und tief antiliberal, denn jede belanglose Meinungsäußerung einer Privatperson wird nun als ein Totalangriff des Klassenfeindes auf die Grundfesten der Werte der eigenen Gruppe gewertet. Damit wird erfolgreich eine Untergangsstimmung erzeugt und die Mitglieder der Gruppe radikalisiert. Dies führt zu einer Destabilisierung der Gesellschaft. Und kein Liberaler – ob er sich als progressiv oder konservativ bezeichnet – kann davon profitieren. Im Gegenteil. In der Situation der politischen, ethnischen oder sozialen Unruhen profitieren immer nur die Ideologen. Der Liberale verliert immer.

Liberale jeder Denkrichtung sollten also überhaupt nicht auf den Mainstream achten, denn dieser ist stets im Wandel und keine objektive Größe. Die neue Stärke der Liberalen ist die Härte der eigenen Position, die Bereitschaft sie zu verteidigen und der Stolz sie zu verkünden, auch wenn sie gelegentlich von Gruppen geteilt wird, die man dem Mainstream zuschreibt.